Hans-Werner Sinn zur Politik der Konkursverschleppung

Aus­führ­liches und lesens­wertes Interview mit Hans-Werner Sinn in The European. Ich greife wirklich nur ein paar High­lights heraus:

  • „Wenn man misst, wie groß die Ungleichheit der Brutto- und der Net­to­ein­kommen ist und den Unter­schied als Maß für die Umver­teilung nimmt, stellt man fest, dass Deutschland unter den großen Ländern der Erde das Land ist, das die primäre Ein­kom­mens­ver­teilung, wie sie durch die Markt­kräfte zustande gekommen ist, am stärksten durch fis­ka­lische Umver­tei­lungs­maß­nahmen ver­ändert. Die Sekun­där­ver­teilung ist unter dem Ein­fluss dieser Maß­nahmen tat­sächlich sub­stan­ziell gleicher geworden.“ – Stelter: was Leute wie Fratz­scher nicht daran hindert, die Geschichte der ungleichen Ein­kommen zu erzählen.
  • Dann zum Thema tiefe Zinsen: „Sie sind (…) das Ergebnis der Blasen, die sich vorher dort ent­wi­ckelt hatten.(…) Als die Blasen platzten, hat man nicht akzep­tiert, dass ein Prozess der schöp­fe­ri­schen Zer­störung stattfand, wie ihn Schum­peter oder auch Marx beschrieben, (…). Vielmehr haben die Zen­tral­banken ver­sucht, die nicht mehr wett­be­werbs­fä­higen Firmen zu retten, indem sie die Zinsen nach unten trieben, bis auf null oder gar in den nega­tiven Bereich. (…) Die Zombies über­lebten und absor­bieren Jahr um Jahr immer mehr öko­no­mische Res­sourcen um zu über­leben. So gesehen war die Politik der Zen­tral­banken das Rezept für ein dau­er­haftes Siechtum, für eine Wirt­schaft mit lauter Fehl­in­ves­ti­tionen und schlechten Kapi­tal­ren­diten.“ – Stelter: Genau die These, die ich auch ver­trete und in „Eiszeit in der Welt­wirt­schaft“ erläutert habe.
  • „Sobald man die Zinsen auf Nor­malmaß erhöhen würde, würden diese Zombies dann wirklich sterben, (…). Sie haben nach dem Platzen der Blasen prak­tisch eine Politik der Kon­kurs­ver­schleppung betrieben, aus der man, wenn man einmal ange­fangen hat, gar nicht mehr leicht her­aus­kommt.“ – Stelter: So ist es und deshalb wird sie mit voller Kraft fort­ge­setzt – bis zum ver­mutlich sehr bit­teren – Ende.
  • „Das gilt auch für die euro­päische Zen­tralbank. Sie hat durch ihre aus­ufernde Geld­po­litik mit den Null­zinsen not­wendige Rei­ni­gungs­pro­zesse unter­bunden und über­kommene Struk­turen erhalten. Auch hat sie dafür gesorgt, dass Länder im Euro bleiben, die dort nie glücklich werden, weil sie mit den Preisen und Löhnen in der Vor-Lehman-Blase (vor 2008) an die Decke schossen und viel zu teuer geworden sind. Diese Länder müssten eigentlich aus dem Euro aus­steigen, um durch Abwertung ihre Wett­be­werbs­fä­higkeit her­zu­stellen. Das hätten die poli­ti­schen Kon­struk­teure der heu­tigen EU freilich als Fiasko ange­sehen, und viele Banken hätten viel Geld ver­loren.“ – Stelter: Und deshalb werden wir wei­terhin mit Euro geschwemmt.
  • „Das billige Geld aus der Dru­cker­presse wurde in diesen Ländern als Ersatz für private Kredite und eigene Erträge aus Export­ver­käufen ver­wendet. (…) wo führt sie hin? Sie führt in das dau­er­hafte Siechtum à la Japan. (…) obwohl sie es gar nicht durfte, denn sie ist ja nicht die Zen­tralbank eines Staates, sondern die Zen­tralbank einer losen Föde­ration von Staaten, die sich im Maas­trichter Vertrag ein enges Regelwerk gegeben hatten. Die zwei wesent­lichen Eck­pfeiler waren erstens: Es darf keine Staats­fi­nan­zierung aus der Dru­cker­presse geben. Zweitens: Es muss auch Kon­kurse von Staaten geben, die über­schuldet sind, ohne dass die Steu­er­zahler anderer Staaten die Gläu­biger dieser Staaten retten. Beide Pfeiler sind ein­ge­brochen.“ – Stelter: Und nur der naivste Beob­achter konnte denken, dass die Regeln ein­ge­halten werden.
  • „ (…) die EZB hat für 1,9 Bil­lionen Euro Staats­pa­piere von den ein­zelnen Noten­banken kaufen lassen. (…) Die Banken, deren Bilanzen voll mit solchen Papieren waren, haben dadurch riesige Buch­ge­winne gemacht und schienen bilan­ziell wieder zu gesunden. In diesem Zustand ist das Ban­ken­system noch heute. Sobald die EZB den Spieß wieder umdreht, erweisen sich diese Buch­ge­winne als das, was sie waren: bloße Luft­nummern. Die Ban­ken­pleiten, die man damals abge­wendet hatte, fänden nun statt. Auch die Staaten können sich nicht mehr wei­ter­fi­nan­zieren, weil sie höhere Zinsen bieten müssten, um die alten aus­lau­fenden Kredite mit neuen zu bedienen, aber für die höheren Zinsen hätten sie in ihrem Budget keinen Platz. Sie haben sich an die nied­rigen Zinsen gewöhnt und brauchen das Geld für ihr täg­liches Früh­stück.“ – Stelter: Übrigens auch unsere Helden der „schwarzen Null“.
  • „ (…) der Staat (pro­fi­tiert) von nied­rigen Zinsen (…), nicht aber Deutschland. Deutschland besteht aus der Summe aller Sek­toren, Haus­halte, Firmen und dem Staat, und diese Sek­toren zusammen sind gegenüber dem Rest der Welt nicht etwa Schuldner, sondern Gläu­biger, der zweit­größte Gläu­biger der Welt über­haupt nach Japan. Deutschland hat nämlich durch seine Export­über­schüsse riesige Aus­lands­ver­mögen auf­gebaut. Darauf ver­dient es eigentlich Zinsen. Da die Zinsen nicht mehr kamen, verlor Deutschland schon sehr viel Geld, und die Schuld­ner­länder dieser Welt, von den USA bis nach Süd­europa, waren die großen Pro­fi­teure. Das Fatale ist, dass der deutsche Staat sich darüber wenig aufregt, weil er ja selbst Schuldner ist und insofern von nied­rigen Zinsen pro­fi­tiert. Dass die Ver­luste der Sparer seine Gewinne über­kom­pen­sieren, scheint ihn wenig zu inter­es­sierenMaß­geb­liche Kräfte in der deut­schen Politik finden die nied­ri­geren Zinsen gar nicht so schlecht, obwohl die deutsche Volks­wirt­schaft in ihrer Gesamtheit dadurch geschädigt wird.“ – Stelter: Und zwar jene, die uns immer das Märchen vom reichen Land erzählen.
  • Und dann die traurige Erkenntnis, die ich auch immer wieder ver­breite: „Das öko­no­mische Wissen ist nicht ver­breitet. Da sehen wir wieder einen Unter­schied zur angel­säch­si­schen Welt, wo das öko­no­mische Wissen einen ganz anderen Stel­lenwert hat – in den Uni­ver­si­täten und an den Schulen. In den USA macht so ziemlich jeder, egal, was sein Stu­di­enziel ist, ein Jahr Eco­nomics im Grund­studium. Das führt zu einem ganz anderen Grund­ver­ständnis. Hier in Deutschland haben wir ja min­destens die Hälfte der Intel­lek­tu­ellen, wenn nicht zwei Drittel, die nicht den Hauch einer Ahnung von volks­wirt­schaft­lichen Zusam­men­hängen haben.“ – Stelter: Und sich deshalb ent­spre­chend schlecht regieren lassen!
  • „Die Wähler sind ja nicht nur Intel­lek­tuelle und Per­sonen mit höheren Ein­kommen, deren offenes Herz nun mit der bil­li­geren Putzfrau belohnt wird. Es sind statt­dessen vielfach Men­schen, die die Zuwan­derer als Kon­kurrenz bei der Suche nach einem Arbeits­platz und einer preis­güns­tigen Wohnung begreifen. (…) Die Löhne sinken und die Mieten steigen. Die Real­löhne sinken über beide Effekte. Es ist klar, wer die Ver­lierer der Immi­gration sind. Dass diese Ver­lierer sich darüber auf­regen, dass sie ver­lieren, kann man diesen Men­schen nicht vor­werfen. Da kommen dann die Bes­ser­ver­die­nenden wie Sie und ich und rümpfen die Nase und sagen: ‘Ihr seid unmo­ra­lisch.’ In Wahrheit gehören die aber zu den Gewinnern des Pro­zesses.“ – Stelter: Noch dazu, wenn man bedenkt, dass die Zuwan­derer vom Staat sehr viel Geld bekommen. Ich erinnere an die Studie der Uni­ver­sität Oxford, die ich hier besprochen habe:


Und dann fasst Sinn das Märchen vom reichen Land gut zusammen:

  • In 10 Jahren spä­testens wollen sie eine Rente von Kindern, die sie nicht haben. Sie denken, sie hätten sich die Rente ange­spart. Die Rente kommt aber nicht aus einem Kapi­tal­stock, sondern von der nach­fol­genden Gene­ration. Wenn die zu klein ist, bekommen sie die Rente nicht in dem Maße, wie sie es erhofften, oder sie müssen die nach­fol­gende Gene­ration so mit Steuern und Bei­trägen belasten, dass die darüber nach­denkt, das Weite zu suchen.“ – Stelter: Bekanntlich einer meiner wesent­lichen Thesen.
  • „Die meisten Migranten in letzter Zeit kosten den Staat sehr viel Geld, weil sie sehr schlecht qua­li­fi­ziert sind und wenig ver­dienen. Weil sie wenig ver­dienen, zahlen sie nicht die Steuern, die nötig sind, das ihnen zur Ver­fügung gestellt Spektrum staat­licher Leis­tungen von der Infra­struktur über das Rechts­system und die Ver­waltung bis hin zu den Sozi­al­leis­tungen zu finan­zieren. Deutschland braucht höher­qua­li­fi­zierte Migranten, wie sie nach Groß­bri­tannien oder in die USA ein­wandern.“ – Stelter: Nur, warum sollten die in diese Abga­ben­hölle einwandern?
  • „Viele Expe­ri­mente und Spie­le­reien, die wir jetzt betreiben, so auch der Dop­pel­aus­stieg aus Kern­kraft und Kohle, werden sich als dra­ma­tische Fehl­ent­scheidung erweisen, weil dafür enorm viel Wirt­schafts­kraft ver­braucht wird, die man eigentlich bräuchte, um die alternde Gesell­schaft zu ernähren.“ – Stelter: So ist es.

→ theeuropean.de: „Die SPD kann nur dann gewinnen, wenn sie mit dem ideo­lo­gi­schen Gerede aufhört“, 11. März 2019


Quelle: tbo