Wirtschaft

Hans-Werner Sinn zur Politik der Konkursverschleppung

13. April 2019

Ausführliches und lesenswertes Interview mit Hans-Werner Sinn in The European. Ich greife wirklich nur ein paar Highlights heraus:

  • „Wenn man misst, wie groß die Ungleichheit der Brutto- und der Nettoeinkommen ist und den Unterschied als Maß für die Umverteilung nimmt, stellt man fest, dass Deutschland unter den großen Ländern der Erde das Land ist, das die primäre Einkommensverteilung, wie sie durch die Marktkräfte zustande gekommen ist, am stärksten durch fiskalische Umverteilungsmaßnahmen verändert. Die Sekundärverteilung ist unter dem Einfluss dieser Maßnahmen tatsächlich substanziell gleicher geworden.“ – Stelter: was Leute wie Fratzscher nicht daran hindert, die Geschichte der ungleichen Einkommen zu erzählen.
  • Dann zum Thema tiefe Zinsen: „Sie sind (…) das Ergebnis der Blasen, die sich vorher dort entwickelt hatten.(…) Als die Blasen platzten, hat man nicht akzeptiert, dass ein Prozess der schöpferischen Zerstörung stattfand, wie ihn Schumpeter oder auch Marx beschrieben, (…). Vielmehr haben die Zentralbanken versucht, die nicht mehr wettbewerbsfähigen Firmen zu retten, indem sie die Zinsen nach unten trieben, bis auf null oder gar in den negativen Bereich. (…) Die Zombies überlebten und absorbieren Jahr um Jahr immer mehr ökonomische Ressourcen um zu überleben. So gesehen war die Politik der Zentralbanken das Rezept für ein dauerhaftes Siechtum, für eine Wirtschaft mit lauter Fehlinvestitionen und schlechten Kapitalrenditen.“ – Stelter: Genau die These, die ich auch vertrete und in „Eiszeit in der Weltwirtschaft“ erläutert habe.
  • „Sobald man die Zinsen auf Normalmaß erhöhen würde, würden diese Zombies dann wirklich sterben, (…). Sie haben nach dem Platzen der Blasen praktisch eine Politik der Konkursverschleppung betrieben, aus der man, wenn man einmal angefangen hat, gar nicht mehr leicht herauskommt.“ – Stelter: So ist es und deshalb wird sie mit voller Kraft fortgesetzt – bis zum vermutlich sehr bitteren – Ende.
  • „Das gilt auch für die europäische Zentralbank. Sie hat durch ihre ausufernde Geldpolitik mit den Nullzinsen notwendige Reinigungsprozesse unterbunden und überkommene Strukturen erhalten. Auch hat sie dafür gesorgt, dass Länder im Euro bleiben, die dort nie glücklich werden, weil sie mit den Preisen und Löhnen in der Vor-Lehman-Blase (vor 2008) an die Decke schossen und viel zu teuer geworden sind. Diese Länder müssten eigentlich aus dem Euro aussteigen, um durch Abwertung ihre Wettbewerbsfähigkeit herzustellen. Das hätten die politischen Konstrukteure der heutigen EU freilich als Fiasko angesehen, und viele Banken hätten viel Geld verloren.“ – Stelter: Und deshalb werden wir weiterhin mit Euro geschwemmt.
  • „Das billige Geld aus der Druckerpresse wurde in diesen Ländern als Ersatz für private Kredite und eigene Erträge aus Exportverkäufen verwendet. (…) wo führt sie hin? Sie führt in das dauerhafte Siechtum à la Japan. (…) obwohl sie es gar nicht durfte, denn sie ist ja nicht die Zentralbank eines Staates, sondern die Zentralbank einer losen Föderation von Staaten, die sich im Maastrichter Vertrag ein enges Regelwerk gegeben hatten. Die zwei wesentlichen Eckpfeiler waren erstens: Es darf keine Staatsfinanzierung aus der Druckerpresse geben. Zweitens: Es muss auch Konkurse von Staaten geben, die überschuldet sind, ohne dass die Steuerzahler anderer Staaten die Gläubiger dieser Staaten retten. Beide Pfeiler sind eingebrochen.“ – Stelter: Und nur der naivste Beobachter konnte denken, dass die Regeln eingehalten werden.
  • „ (…) die EZB hat für 1,9 Billionen Euro Staatspapiere von den einzelnen Notenbanken kaufen lassen. (…) Die Banken, deren Bilanzen voll mit solchen Papieren waren, haben dadurch riesige Buchgewinne gemacht und schienen bilanziell wieder zu gesunden. In diesem Zustand ist das Bankensystem noch heute. Sobald die EZB den Spieß wieder umdreht, erweisen sich diese Buchgewinne als das, was sie waren: bloße Luftnummern. Die Bankenpleiten, die man damals abgewendet hatte, fänden nun statt. Auch die Staaten können sich nicht mehr weiterfinanzieren, weil sie höhere Zinsen bieten müssten, um die alten auslaufenden Kredite mit neuen zu bedienen, aber für die höheren Zinsen hätten sie in ihrem Budget keinen Platz. Sie haben sich an die niedrigen Zinsen gewöhnt und brauchen das Geld für ihr tägliches Frühstück.“ – Stelter: Übrigens auch unsere Helden der „schwarzen Null“.
  • „ (…) der Staat (profitiert) von niedrigen Zinsen (…), nicht aber Deutschland. Deutschland besteht aus der Summe aller Sektoren, Haushalte, Firmen und dem Staat, und diese Sektoren zusammen sind gegenüber dem Rest der Welt nicht etwa Schuldner, sondern Gläubiger, der zweitgrößte Gläubiger der Welt überhaupt nach Japan. Deutschland hat nämlich durch seine Exportüberschüsse riesige Auslandsvermögen aufgebaut. Darauf verdient es eigentlich Zinsen. Da die Zinsen nicht mehr kamen, verlor Deutschland schon sehr viel Geld, und die Schuldnerländer dieser Welt, von den USA bis nach Südeuropa, waren die großen Profiteure. Das Fatale ist, dass der deutsche Staat sich darüber wenig aufregt, weil er ja selbst Schuldner ist und insofern von niedrigen Zinsen profitiert. Dass die Verluste der Sparer seine Gewinne überkompensieren, scheint ihn wenig zu interessierenMaßgebliche Kräfte in der deutschen Politik finden die niedrigeren Zinsen gar nicht so schlecht, obwohl die deutsche Volkswirtschaft in ihrer Gesamtheit dadurch geschädigt wird.“ – Stelter: Und zwar jene, die uns immer das Märchen vom reichen Land erzählen.
  • Und dann die traurige Erkenntnis, die ich auch immer wieder verbreite: „Das ökonomische Wissen ist nicht verbreitet. Da sehen wir wieder einen Unterschied zur angelsächsischen Welt, wo das ökonomische Wissen einen ganz anderen Stellenwert hat – in den Universitäten und an den Schulen. In den USA macht so ziemlich jeder, egal, was sein Studienziel ist, ein Jahr Economics im Grundstudium. Das führt zu einem ganz anderen Grundverständnis. Hier in Deutschland haben wir ja mindestens die Hälfte der Intellektuellen, wenn nicht zwei Drittel, die nicht den Hauch einer Ahnung von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen haben.“ – Stelter: Und sich deshalb entsprechend schlecht regieren lassen!
  • „Die Wähler sind ja nicht nur Intellektuelle und Personen mit höheren Einkommen, deren offenes Herz nun mit der billigeren Putzfrau belohnt wird. Es sind stattdessen vielfach Menschen, die die Zuwanderer als Konkurrenz bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und einer preisgünstigen Wohnung begreifen. (…) Die Löhne sinken und die Mieten steigen. Die Reallöhne sinken über beide Effekte. Es ist klar, wer die Verlierer der Immigration sind. Dass diese Verlierer sich darüber aufregen, dass sie verlieren, kann man diesen Menschen nicht vorwerfen. Da kommen dann die Besserverdienenden wie Sie und ich und rümpfen die Nase und sagen: ‘Ihr seid unmoralisch.’ In Wahrheit gehören die aber zu den Gewinnern des Prozesses.“ – Stelter: Noch dazu, wenn man bedenkt, dass die Zuwanderer vom Staat sehr viel Geld bekommen. Ich erinnere an die Studie der Universität Oxford, die ich hier besprochen habe:

Und dann fasst Sinn das Märchen vom reichen Land gut zusammen:

  • In 10 Jahren spätestens wollen sie eine Rente von Kindern, die sie nicht haben. Sie denken, sie hätten sich die Rente angespart. Die Rente kommt aber nicht aus einem Kapitalstock, sondern von der nachfolgenden Generation. Wenn die zu klein ist, bekommen sie die Rente nicht in dem Maße, wie sie es erhofften, oder sie müssen die nachfolgende Generation so mit Steuern und Beiträgen belasten, dass die darüber nachdenkt, das Weite zu suchen.“ – Stelter: Bekanntlich einer meiner wesentlichen Thesen.
  • „Die meisten Migranten in letzter Zeit kosten den Staat sehr viel Geld, weil sie sehr schlecht qualifiziert sind und wenig verdienen. Weil sie wenig verdienen, zahlen sie nicht die Steuern, die nötig sind, das ihnen zur Verfügung gestellt Spektrum staatlicher Leistungen von der Infrastruktur über das Rechtssystem und die Verwaltung bis hin zu den Sozialleistungen zu finanzieren. Deutschland braucht höherqualifizierte Migranten, wie sie nach Großbritannien oder in die USA einwandern.“ – Stelter: Nur, warum sollten die in diese Abgabenhölle einwandern?
  • „Viele Experimente und Spielereien, die wir jetzt betreiben, so auch der Doppelausstieg aus Kernkraft und Kohle, werden sich als dramatische Fehlentscheidung erweisen, weil dafür enorm viel Wirtschaftskraft verbraucht wird, die man eigentlich bräuchte, um die alternde Gesellschaft zu ernähren.“ – Stelter: So ist es.

→ theeuropean.de: „Die SPD kann nur dann gewinnen, wenn sie mit dem ideologischen Gerede aufhört“, 11. März 2019


Quelle: tbo


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