Am Bei­spiel Iran-Kon­flikt: Wie Medien ihre Leser mit psy­cho­lo­gi­schen Tricks bewusst falsch informieren

Der Spiegel bemüht sich inzwi­schen täglich, den Iran im Streit um das Atom­ab­kommen als Schul­digen dastehen zu lassen. Heute gab es dazu einen besonders per­fiden Artikel, an dem ich auf­zeigen möchte, mit welchen psy­cho­lo­gi­schen Mitteln das gemacht wird.
Schon die Über­schrift spricht Bände: „Teherans Atom­drohung – Irans Mister 20 Prozent„.
Man kann jedoch in der Adress­zeile des Browsers sehen, dass der Spiegel zuerst eine wesentlich sach­li­chere Über­schrift gewählt hat. Zunächst lautete sie schlicht: „Iran kündigt Uran-Anrei­cherung auf 20 Prozent an – Was bedeutet das?„. Aber das war den Redak­teuren des Spiegel offen­sichtlich zu sachlich, man hat ja beim Spiegel eine Linie: „Die USA haben zwar das Atom­ab­kommen gekündigt, aber der Iran ist böse und die gute EU ver­sucht die Situation zu retten.“
Dieser Linie gilt es treu zu bleiben, koste es, was es wolle. Und dabei muss man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und man kann auch psy­cho­lo­gische Tricks anwenden. Im Spiegel-Artikel heißt es daher schon in der Einleitung:
„Iran erwägt, künftig wieder Uran auf 20 Prozent anzu­rei­chern – ein mög­licher erster Schritt auf dem Weg zur Atom­waffe. Den Euro­päern bleiben kaum Mittel, das Nukle­arab­kommen noch zu retten.“
Man beachte: Dass die USA mit ihrem Ver­trags­bruch an der Situation die Schuld tragen, findet sich weder in der Über­schrift, noch in der Ein­leitung. Dort geht es um „Teherans Atom­drohung“ und um die armen Europäer, denen „kaum Mittel“ bleiben, „das Nukle­arab­kommen noch zu retten“. Und natürlich darf das Wort „Atom­waffe“ nicht fehlen, obwohl wir gleich sehen werden, dass die 20% nichts mit Atom­waffen zu tun haben.
Wir lernen im Spiegel: Iran ist böse, EU ist gut. Und über den Ver­ur­sacher des Kon­fliktes, die USA, gibt es kein ein­ziges Wort.
Der Leser wird also gleich zu Beginn des Artikels auf die falsche Fährte gesetzt.
Erst im ersten Absatz werden die USA kurz genannt, um danach sofort den schwarzen Peter wieder dem Iran zuzuschieben:
„Die USA haben das Atom­ab­kommen mit Iran schon auf­ge­kündigt – und den Euro­päern bleiben weniger als drei Wochen, um es zu retten. Dann endet die 60-Tages-Frist, die Irans Prä­sident Hassan Rohani am 8. Mai gesetzt hatte.“
Ich sage es jedes Mal: Das Atom­ab­kommen konnte keine Partei einfach „auf­kün­digen“ oder „ein­seitig ver­lassen“, wie die deut­schen Medien es immer for­mu­lieren. Es gibt in dem Abkommen keine Aus­stiegs­klausel. Die USA haben einen inter­na­tio­nalen Vertrag, der durch Reso­lution des UN-Sicher­heits­rates in den Status des Völ­ker­rechts erhoben wurde, gebrochen. Es ist ein Bruch des Völ­ker­rechts durch die USA, nichts anderes. 
Danach erklärt der Spiegel sachlich korrekt die Details des Abkommens und was die Anrei­cherung von Uran bedeutet. Vor allem berichtet der Spiegel korrekt, dass weder die Menge an Uran, die der Iran nun pro­du­zieren will, noch der Grad der Anrei­cherung auf 20%, das Uran atom­waf­fen­fähig machen. Dafür müsste das Uran auf min­destens 85% ange­rei­chert werden, was der Iran gar nicht vor hat. Was der Iran nun tut ist, er rei­chert mehr Uran stärker an, als der Vertrag erlaubt, ohne dabei auch nur in die Nähe von atom­waf­fen­fä­higem Uran zu kommen. Es sind also sym­bo­lische Pro­test­maß­nahmen des Iran ohne wirk­liche Auswirkungen.
Das alles erklärt der Spiegel korrekt, man sieht, dass der Artikel der ursprüng­lichen Über­schrift in diesem Punkt gerecht wird. Dann kommt jedoch folgendes:
„Eine stärkere Anrei­cherung (als 20%, Anm. d. Verf.) wäre daher weitaus mehr als ein sym­bo­li­scher Bruch des Atomdeals.“
Nochmal: Von einer stär­keren Anrei­cherung redet im Iran aber niemand, der Spiegel stellt hier einen unbe­grün­deten Vorwurf in den Raum.
Damit wirft der Spiegel dem Iran vor, das Abkommen zu brechen. Das ist glatt gelogen, denn in Artikel 26 des Atom­ab­kommens ist geregelt, welches Land welche Pflichten über­nimmt. Und im letzten Satz des Artikels steht schwarz auf weiß, dass der Iran im Falle neuer Sank­tionen nicht mehr ver­pflichtet ist, sich an das Abkommen zu halten: „Iran has stated that it will treat such a re-intro­duction or re-impo­sition of the sanc­tions spe­cified in Annex II, or such an impo­sition of new nuclear-related sanc­tions, as grounds to cease per­forming its com­mit­ments under this JCPOA in whole or inpart.“
Über­setzt heißt das:
„Der Iran hat mit­ge­teilt, dass er solch eine Neu-Ein­führung von Sank­tionen gemäß Annex II, oder eine Ein­führung von Sank­tionen in Ver­bindung mit nuklearen Themen als Grund ansehen wird, seine Ver­pflich­tungen dieses Abkommens ganz oder teil­weise auszusetzen.“
Der Iran hält sich also an das Abkommen und reagiert mit den Mitteln, die das Abkommen im Falle von Ver­trags­brüchen der anderen vor­sieht. Und die USA haben den Vertrag gebrochen. Trotzdem redet der Spiegel wie selbst­ver­ständlich von einem „Bruch des Atom­deals“ durch den Iran.
Der Spiegel schwingt sich zu einer wich­tigen Pro­pa­ganda-Plattform der USA auf, es ist ja nicht das erste Mal, dass er solche inhaltlich fal­schen Artikel veröffentlicht.
Die USA haben ihren Ver­trags­bruch am 8. Mai 2018 ver­kündet. Obwohl der Iran danach sofort hätte reagieren können, laut Vertrag durfte er das, hat er ein Jahr gewartet und erst am 8. Mai 2019 ver­kündet, gegen einige Bestim­mungen zu ver­stoßen, wenn die EU nicht endlich ihren Teil des Abkommens erfüllt.
Der Spiegel begann sofort, den Iran des Ver­trags­bruches zu beschul­digen und den Völ­ker­rechts­bruch der USA und der EU zu ver­schweigen. Und jetzt, vor dem Hin­ter­grund der Vor­fälle mit Tankern im Gold von Oman, schreibt der Spiegel fast täglich solche Artikel, in denen er den Iran als Schul­digen hin­zu­stellen versucht.
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Dabei ver­stößt die EU gegen das Abkommen. Sie hatte sich ver­pflichtet, dafür zu sorgen, dass die Han­dels­be­schrän­kungen abgebaut werden. Aber weil euro­päische Firmen Angst vor US-Sank­tionen haben, bestehen die Beschrän­kungen weiter. Wenn die EU es mit dem Völ­ker­recht ernst meinen würde, hätte sie sich in aller Deut­lichkeit gegen die USA stellen müssen, was sie nicht getan hat.
Nicht einmal Zah­lungs­verkehr mit dem Iran ist derzeit möglich, weil die euro­päi­schen Banken Angst vor US-Sank­tionen haben, wenn sie Zah­lungen mit dem Iran abwi­ckeln. Aber wie soll Handel da funk­tio­nieren? Die EU hätte den Zah­lungs­verkehr über die EZB abwi­ckeln können, aber davor hat sie anscheinend Angst und daher hat sie nach langem Hin und Her eine Tausch­börse namens Instex geschaffen, die jedoch bis heute nicht funk­tio­niert. Im Spiegel kann man dazu lesen:
„Die EU will sich pein­lichst genau ans Atom­ab­kommen halten. Ein Instrument dafür soll Instex sein, ein Finanz­me­cha­nismus, mit dem die EU die US-Sank­tionen gegen Banken umgehen will. Aller­dings haben die Europäer den Mecha­nismus schon vor fünf Monaten ange­kündigt, geschehen ist seitdem wenig. In Brüssel will man Instex dennoch schnellst­möglich umsetzen.“
Die EU hatte dazu inzwi­schen fast 14 Monate Zeit, aber pas­siert ist nichts. Dass da die Geduld des Irans an seine Grenzen stößt, wird auch der größte Kri­tiker ver­stehen können. Außer schönen Worten ist aus Brüssel bisher nichts gekommen.
Im Spiegel steht dazu:
„Die Europäer stecken im Dilemma: Sie wollen den Atomdeal unbe­dingt retten, sind aber nicht in der Lage, die Wirt­schafts­sank­tionen der USA nen­nenswert abzu­federn – zumindest nicht, ohne einen schweren Kon­flikt mit Washington zu provozieren.“
Im Klartext heißt das: Die EU hat die Wahl, das Völ­ker­recht zu brechen, oder in Kon­flikt mit den USA zu geraten und die EU ent­scheidet sich für den Bruch des Völ­ker­rechts. Wie war das mit den „west­lichen Werten“? Und was ist die EU anderes, als ein Vasall oder eine Kolonie der USA, wenn sie lieber das Völ­ker­recht bricht und gegen die eigenen Inter­essen handelt, als den USA Paroli zu bieten?
Die deut­schen Medien gehen bei der „Bericht­erstattung“ über dieses Thema sehr geschickt vor und nutzen Tricks aus der Psy­cho­logie, um ihre Leser zu verwirren.
Diese Tricks wollen wir uns nun einmal anschauen.
Die Medien berichten manchmal tat­sächlich über alle Infor­ma­tionen, aller­dings setzen sie diese nicht in den nötigen Zusam­menhang, so dass der durch­schnitt­liche Leser, der die Materie nicht genau kennt, die Zusam­men­hänge nicht erkennen kann. Im letzten Absatz kann man in dem Spiegel-Artikel lesen, was im Atom­ab­kommen über den Umgang mit Ver­stößen gegen das Abkommen geregelt ist:
„Im Atom­ab­kommen ist fest­gelegt, dass sich die Ver­trags­par­teien bei einem Verstoß zunächst an eine gemeinsame Kom­mission wenden müssen. Sollte dort keine Lösung gefunden werden, werden die Außen­mi­nister ein­ge­schaltet. Zusätzlich kann noch ein Aus­schuss externer Berater hin­zu­ge­zogen werden. Erst wenn dann immer noch keine Einigung gefunden wird, können die Par­teien den Sicher­heitsrat der Ver­einten Nationen anrufen, der dann über eine Wie­der­auf­nahme der Uno-Sank­tionen gegen Iran ent­scheiden müsste.“
Das ist alles völlig korrekt. Nur in dem Zusam­menhang, in dem es in dem Artikel steht, wirkt es so, als handele es sich um den nötigen Umgang mit den „Ver­stößen“ des Irans. In Wirk­lichkeit, und dieser Zusam­menhang fehlt in dem Artikel, bedeutet das, dass die USA den Vertrag gebrochen haben. Sie konnten nicht aus dem Abkommen aus­steigen, sie hätten dem Iran einen Verstoß nach­weisen müssen und dann wäre die ganze im Spiegel beschriebene Pro­zedur angelaufen.
Ein „ein­sei­tiger Aus­stieg“ der USA, von dem die deut­schen Medien fabu­lieren, ist nicht erlaubt. Gleiches gilt für die US-Sank­tionen gegen den Iran: sie sind ein Bruch des Völ­ker­rechts und hätten nur vom UNo-Sicher­heitsrat ver­hängt werden dürfen.
Aber das ver­steht der durch­schnitt­liche Leser nicht, denn in dem Artikel steht es in einem ganz anderen Zusam­menhang. Im ersten Absatz des Artikels steht kurz, die USA hätten das Abkommen „schon auf­ge­kündigt“. Danach kommt ein langer Artikel über den bösen Iran und die EU, die sich so sehr bemüht, das Abkommen zu retten. Und erst ganz am Ende, im letzten Absatz des Artikels, als der Leser schon gar nicht mehr an die USA denkt, da erklärt der Spiegel, dass es einen „ein­sei­tigen Aus­stieg“ aus dem Abkommen gar nicht geben kann.
So kann der Spiegel behaupten, er hätte ja alle Infor­ma­tionen geliefert und nichts weg­ge­lassen. Aber er hat es so getan, dass ein nor­maler Leser die Infor­ma­tionen nicht ein­ordnen kann. Das ist ein per­fektes Bei­spiel für das, was Pro­fessor Mausfeld in seinen Vor­trägen erklärt.
Um den Leser zu ver­wirren, frag­men­tieren die Medien die Infor­mation, sie teilen sie also auf: Die USA und ihren Ver­trags­bruch, den die Medien nie als solchen bezeichnen, stellen sie an den Anfang und die tat­säch­liche Erklärung ans Ende des Artikels. Auf diese Weise erreichen sie das, was Mausfeld als „De-Kon­tex­tua­li­sierung“ bezeichnet: Sie reißen die Dinge so aus dem Zusam­menhang, dass der Leser den Zusam­menhang nicht mehr selbst erkennen kann. Und das führt zu dem, was Mausfeld „Re-Kon­tex­tua­li­sierung“ nennt: Sie bringen die Dinge in einen anderen, fal­schen, Zusammenhang.
In diesem Fall hat der Spiegel also die USA und ihren Ver­trags­bruch aus der Infor­mation, die der Leser ver­in­ner­licht, ent­fernt und statt­dessen den Iran in den Zusam­menhang des Ver­trags­bruches gesetzt. Beim Leser ent­stehen so unter­be­wusst die gewünschten Zusammenhänge.
Trotzdem kann der Spiegel formal behaupten, er hätte ja alles berichtet. Stimmt, aller­dings so, dass es jeder falsch ver­stehen muss.
Dieses Vor­gehen der Medien ist wis­sen­schaftlich unter­sucht und kein Zufall. Das sind bewusst ein­ge­setzte Mani­pu­la­ti­ons­tech­niken aus der Psy­cho­logie, um den Leser falsch zu informieren.
Dafür gibt es einen Fach­aus­druck, er lautet „(Kriegs-) Propaganda“.
Für jeden, den das Thema im Detail inter­es­siert, hier ein Vortrag von Pro­fessor Mausfeld, in dem er diese Tech­niken genau erklärt.

Thomas Röper — www.anti-spiegel.ru
Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Ost­europa in ver­schie­denen Ver­si­che­rungs- und Finanz­dienst­leis­tungs­un­ter­nehmen in Ost­europa und Russland Vor­stands- und Auf­sichts­rats­po­si­tionen bekleidet, bevor er sich ent­schloss, sich als unab­hän­giger Unter­neh­mens­be­rater in seiner Wahl­heimat St. Petersburg nie­der­zu­lassen. Er lebt ins­gesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwer­punkte seiner medi­en­kri­ti­schen Arbeit sind das (mediale) Russ­landbild in Deutschland, Kritik an der Bericht­erstattung west­licher Medien im All­ge­meinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Thomas Röper ist Autor des Buches „Vla­dimir Putin: Seht Ihr, was Ihr ange­richtet habt?“