Deutsche “Reichsbürger”-Familie erhält poli­ti­sches Asyl in Russland, wie berichten die rus­si­schen Medien darüber?

Eine deutsche Familie hat in Russland poli­ti­sches Asyl erhalten, kann man heute in einigen Medien lesen. Auf eine Leser­frage hin, berichte ich, was an dem Thema dran ist.
Ein Leser hat mir einen Artikel von Tele­polis über den Fall geschickt und wollte wissen, was an der Geschichte dran ist und wie die Medien in Russland darüber berichten. In dem Artikel von Tele­polis wird recht abfällig über die Familie berichtet und sie werden als „Reichs­bürger“ bezeichnet.
Von dem Fall habe ich schon mal gehört, er zieht sich nun seit 2015 hin. Die deutsche Groß­fa­milie Griesbach aus Meck­lenburg hatte Pro­bleme mit den deut­schen Behörden, denn sie wollten ihre Kinder nicht in einer deut­schen Schule unter­richten lassen, weil sie gegen die „Früh­sexua­li­sierung“ sind, die ihrer Meinung dort betrieben wird. Und da in Deutschland Schul­pflicht herrscht, hatte der deutsche Staat dafür kein Ver­ständnis. Die Familie fuhr dar­aufhin mit ihrem VW-Bus nach Moskau und bean­tragte poli­ti­sches Asyl vor der „BRD-Dik­tatur“. Darüber haben früher schon sowohl rus­sische, als auch deutsche Medien ver­einzelt berichtet.
Man kann zu der Familie und ihren Ansichten stehen, wie man will, aber als „Reichs­bürger“ wurden sie nie bezeichnet, wie Tele­polis darauf kommt, dass sie sich zu den Reichs­bürgern zählen, bleibt ein Geheimnis. Die Familie gab in Russland an, vor „Früh­sexua­li­sierung“, einem kom­menden „Impf­zwang“ und anderen Dingen vor der „BRD-Dik­tatur“ zu fliehen. So fürch­teten sie, es könne in Deutschland auch ein Zwang zur „Chippung“ der Men­schen kommen und ein „Tole­ranz­gesetz“, das kri­tische Äuße­rungen zu Flücht­lingen ver­bieten soll.
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Für die Familie, die dann wohl eine ganze Zeit lang ohne Geld in ihrem VW-Bus lebte, begann ein stei­niger Weg durch die rus­sische Büro­kratie, ihre Anträge auf Asyl wurden abge­lehnt, aber sie haben alle recht­lichen Mittel aus­ge­schöpft und gestern wurde dem Asyl­antrag schließlich trotzdem statt­ge­geben. Die Familie lebt mitt­ler­weile in der rus­si­schen Stadt Kaluga nicht weit von Moskau.
Das rus­sische Innen­mi­nis­terium schreibt in einer Pres­se­meldung:
„Die acht­köpfige Familie Griesbach kam 2015 mit einem Tou­ris­ten­visum aus Deutschland. Zwi­schen 2016 und 2019 bean­tragten Fami­li­en­mit­glieder wie­derholt bei der Aus­län­der­be­hörde der Rus­si­schen Innen­mi­nis­terien in Moskau und der Region Kaluga vor­über­ge­hendes Asyl. Da es keine kon­kreten Beweise für die Befürch­tungen dieser Per­sonen gibt, in Deutschland Opfer poli­ti­scher Ver­folgung gemäß Flücht­lings­gesetz vom 19. Februar 1993 zu werden, wurden diese Anträge nicht bewilligt. Die Recht­mä­ßigkeit der Ent­schei­dungen der Aus­län­der­be­hörde des rus­si­schen Innen­mi­nis­te­riums wurde von den Gerichten ver­schie­dener Instanzen bestätigt. Unter Berück­sich­tigung der Not­wen­digkeit, die Rechtslage der Mit­glieder der Familie Griesbach zu klären, sowie unter Berück­sich­tigung ihrer per­sön­lichen Lebens­um­stände, beschloss die Führung des rus­si­schen Innen­mi­nis­te­riums nun, ihnen doch vor­über­ge­hendes Asyl auf dem Gebiet der Rus­si­schen Föde­ration zu gewähren.“
Es handelt sich also um eine Aus­nah­me­ge­neh­migung des Innenministeriums.
Das ist übrigens nicht der einzige der­artige Fall, in rus­si­schen Medien habe ich bei der Recherche zu diesem Thema noch min­destens eine zweite deutsche Familie gefunden, die aus den gleichen Gründen nach Russland geflohen ist und um Asyl gebeten hat. Dabei handelt es sich um die Familie Bergfeld, die eben­falls über Pro­bleme mit dem Jugendamt klagen und in Russland auf Hilfe hoffen.
Um die Frage des Lesers zu beant­worten: Über diese Sache wird in Russland bisher kaum berichtet, ich musste die wenigen Mel­dungen, die es dazu gibt, intensiv suchen. Die wenigen Medi­en­be­richte, die es dazu gibt, sind sachlich gehalten und schmücken die Pres­se­meldung des Innen­mi­nis­te­riums ein wenig mit der Vor­ge­schichte der Familie Griesbach aus.

Thomas Röper — www.anti-spiegel.ru
Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Ost­europa in ver­schie­denen Ver­si­che­rungs- und Finanz­dienst­leis­tungs­un­ter­nehmen in Ost­europa und Russland Vor­stands- und Auf­sichts­rats­po­si­tionen bekleidet, bevor er sich ent­schloss, sich als unab­hän­giger Unter­neh­mens­be­rater in seiner Wahl­heimat St. Petersburg nie­der­zu­lassen. Er lebt ins­gesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwer­punkte seiner medi­en­kri­ti­schen Arbeit sind das (mediale) Russ­landbild in Deutschland, Kritik an der Bericht­erstattung west­licher Medien im All­ge­meinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Thomas Röper ist Autor des Buches „Vla­dimir Putin: Seht Ihr, was Ihr ange­richtet habt?“