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Politik

Wie der Spiegel Kriegsverbrechen der USA in Afghanistan verharmlost

3. August 2019

Der Krieg in Afghanistan ist ein reines Fiasko und zu allem Überfluss töten die USA mit ihren Verbündeten mehr Zivilisten, als die bösen Taliban. Wäre es nicht so tragisch, dann wären die Versuche des Spiegel, das zu verschleiern, lustig. So aber so ist es nur peinlich.

Der Spiegel hat am Mittwoch über Zahlen der UNO über in Afghanistan getötete und verwundete Zivilisten berichtet. Die Versuche des Spiegel, um jeden Preis zu vermeiden, dass der Leser bemerkt, dass es die USA sind, die mehr Zivilisten töten, als jede andere Kriegspartei, sind bemerkenswert.

Es ist spannend zu analysieren, wie der Spiegel das anstellt. Er spricht von der „afghanischen Regierung und ihren Verbündeten“ anstatt von den „USA und ihren Marionetten in Kabul“. Letzteres wäre eine passendere Bezeichnung für die von den USA gestützten Männer in Kabul, die außer Kabul kaum noch Teile des Landes kontrollieren, aber vom Spiegel trotzdem als „afghanische Regierung“ bezeichnet werden.

So beginnt es schon bei der Überschrift im Spiegel: „Uno-Bericht – Afghanische Regierung und Verbündete töten mehr Zivilisten als die Taliban„. Danach beginnt der Artikel mit einem Bericht über einen aktuellen Anschlag der Taliban. Erst danach kann man lesen:

„Und doch waren die Taliban und andere Islamistengruppen laut einem Bericht der Uno-Unterstützungsmission in Afghanistan (Unama) im ersten Halbjahr 2019 nicht für die meisten getöteten Zivilisten in dem Land verantwortlich, sondern die afghanischen Truppen und ihre Verbündeten. Demnach sind in Afghanistan in den ersten sechs Monaten des Jahres mehr als 1300 Zivilisten getötet und rund 2400 weitere verletzt worden. Die Zahl ist damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 30 Prozent gesunken. Die Zahl der Zivilisten, die allein durch regierungstreue Truppen und ihre Verbündeten getötet wurden, ist allerdings um 31 Prozent gestiegen: auf 717 Todesfälle.“

Und auch über den Grund für den Anstieg der Opferzahlen durch die USA und ihre Unterstützer berichtet der Spiegel:

„Der Anstieg der Todesfälle durch Einsatzkräfte, die die afghanische Regierung unterstützen, geht laut dem Bericht vor allem auf Luftangriffe zurück. Dabei wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres 363 Menschen getötet und 156 verletzt. Auffällig ist, dass die Zahl der Verletzten zurückging, während sich die Zahl der Todesopfer mehr als verdoppelt hat. Diese Entwicklung zeige den „tödlichen Charakter dieser Taktik“, heißt es in dem Bericht.“

Aber erst im fünften Absatz des Artikels werden die USA das erste Mal direkt erwähnt:

„Mehr als drei Viertel der Luftangriffe (83 Prozent) gehen laut dem Bericht auf Operationen der internationalen Streitkräfte zurück – und damit auf die USA“

Wir halten fest: Die USA töten in Afghanistan mehr Zivilisten, als jede andere Kriegspartei. Aber der Spiegel erwähnt das nicht in der Überschrift und die Buchstaben „USA“ sieht man erst im fünften Absatz.

Wie ist das, wenn in Syrien Menschen bei Angriffen sterben? Dann sieht die Überschrift im Spiegel zum Beispiel so aus: „Eskalation im syrischen Idlib – Kampfjets gegen Kornfelder – Assads verbrannte Erde

Das ist schon ein ganz anderer Tonfall, oder?

Und natürlich darf im Spiegel das Dementi der USA unmittelbar danach nicht fehlen:

„Die US-Armee wies die Angaben aus dem Bericht allerdings zurück. Der Sprecher der US-Truppen in Afghanistan, Sonny Leggett, zweifelte die „Methoden und Schlussfolgerungen“ der Uno-Mission an. Die US-Armee sei immer darum bemüht, Unbeteiligte zu schützen, und untersuche jeden Bericht über zivile Opfer.“

Das sind schöne Worte. Was aber fehlt, ist eine wichtige Frage: Was kommt eigentlich bei den Untersuchungen heraus?

2015 zum Beispiel haben die USA ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen im afghanischen Kunduz bombardiert. Das machte damals sogar in Deutschland tagelang Schlagzeilen. Aber haben Sie etwas von dem Ergebnis der damals angekündigten Untersuchungen gehört?

Da muss man schon suchen, die Ergebnisse dieser Untersuchungen dürften den deutschen Medien zu peinlich sein, als dass sie groß darüber berichten. 2016 schrieb der österreichische Standard dazu:

„Das US-Militär hat nach dem tödlichen Angriff auf ein Krankenhaus in Kunduz in Afghanistan laut einem Bericht der „Los Angeles Times“ Disziplinarmaßnahmen gegen 16 Armeeangehörige verhängt. (…) Bei dem US-Angriff auf das Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen waren am 3. Oktober 24 Patienten und 18 Mitarbeiter getötet worden, die USA hatten schwere Fehler eingeräumt. Nun sei ein Offizier suspendiert und aus Afghanistan abkommandiert worden, hieß es in dem Bericht. Die anderen müssten sich Beratungs- und Schulungsmaßnahmen unterziehen.“

42 tote Zivilisten und noch mehr zivile Verletzte bei der Bombardierung eines Krankenhauses und alles, was in den USA geschieht ist, dass ein Offizier suspendiert wird und ein paar andere auf die Schulbank müssen. Aber niemand wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Es gab auch keine Gerichtsverhandlung. Noch nicht einmal wegen fahrlässiger Tötung.

Wenn man solche Ergebnisse sieht, dann kann man die Aussage der US-Armee über die Untersuchung von jedem „Bericht über zivile Opfer“ richtig einordnen. Aber der Spiegel lässt den Satz so stehen und kommentiert ihn nicht, indem er auf Ergebnisse früherer „Untersuchungen“ hinweist.

Die USA begehen Kriegsverbrechen und der Spiegel sieht seine Aufgabe offenbar ausschließlich darin, diese möglichst unter den Teppich zu kehren. Das ist heute der „Qualitätsjournalismus“ des ehemaligen Nachrichtenmagazins.

 


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“


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