Symbolbild: Fähre: WIkimedia Commons, Larsvr6, Bildlizenz: CC BY-SA 4.0 Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gozo_Channel_Line_ferry_may.jpg

Bru­tales Schlep­per­ge­schäft: Die Viet­na­mesen im LKW erstickten jäm­merlich – Familien zahlten dafür Zig­tau­sende Euro

Der grausige Fund von 39 Toten in einem Last­wagen im Osten Londons klärt sich langsam auf und wirft ein grau­en­volles Schlag­licht auf die aus­ufernde, globale Schlep­perei. Ein­und­dreißig Männer und acht Frauen waren elend in dem Kühl­trans­porter gestorben. Die meisten von ihnen waren Viet­na­mesen, die sich auf den Weg nach Groß­bri­tannien gemacht haben, um dort in der großen viet­na­me­si­schen Com­munity unter­zu­kommen – und sei es als unter­be­zahlter Koch in einem der vielen Asia-Restau­rants, in denen man täglich von früh­morgens bis spät­abends schnelles Bil­lig­essen zusam­men­schüttet. Min­destens 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Die Schlepper gaukeln den Men­schen, die nach einem bes­seren Leben streben, ein völlig unrea­lis­ti­sches Bild davon vor, was man in Europa für tolle Jobs bekommt und welch stolze Gehälter man da ver­dient. Da scheint sich die Inves­tition in eine illegale Immi­gration eben doch zu lohnen – von Vietnam bis ins tiefste Afrika – und die Familien bezahlen Zig­tau­sende an die Menschenhändler.
Man kam der Sache auf die Spur, als sich bald nach dem Lei­chenfund zwei viet­na­me­sische Familien besorgt nach dem Schicksal ihrer Ange­hö­rigen erkundigten.
Der Sat­tel­schlepper war im Indus­triepark Grays, etwa 40 Kilo­meter im Osten Londons, gefunden worden. Zuerst ging die bri­tische Polizei von chi­ne­si­schen Opfern aus. Doch schon bald mel­deten sich drei viet­na­me­sische Familien, die in größter Angst um ihre Ange­hö­rigen waren, weil sie seit Tagen nichts mehr von ihnen gehört hatten.
Die Familie einer der weib­lichen Opfer sagte gegenüber dem bri­ti­schen Sender BBC, ihre Tochter, PhamTra My (26) habe Diens­tag­abend eine Text­nach­richt geschickt, dass sie ersticke. Die Text­nach­richt ist herzzerreißend:
„Es tut mir so leid, Mama. Meine Reise ins Ausland ist gescheitert. Ich liebe Dich so sehr Mama. Ich sterbe, weil ich nicht mehr atmen kann.“
Es war der Familie ab da nicht mehr möglich Pham Tra My zu kon­tak­tieren. Die junge Frau hatte bereits am 19. Oktober einen Versuch unter­nommen, nach England zu gelangen, war aber auf­ge­griffen und abge­wiesen worden. Der BBC erzählten die geschockten Ange­hö­rigen, dass sie etwa 50.000 Dollar für die illegale Ein­reise nach Groß­bri­tannien bezahlt haben. Eine andere viet­na­me­sische Familie, die sich eben­falls bei BBC meldet, hatte auch tagelang kein Lebens­zeichen von ihren Ver­wandten, einem 26jährigen, jungen Mann und einer 19jährigen Frau erhalten.
Die Spre­cherin des chi­ne­si­schen Außen­mi­nis­te­riums, Hua Chunying gab ein Statement ab, dass China mit der Bri­ti­schen Behörden zusam­men­ar­beiten wolle, um diesen Fall und die Hin­ter­gründe der tra­gi­schen Tode auf­zu­klären. Hua Chunying sagte:
„Gleich­gültig, woher diese Opfer kommen, es ist eine große Tra­gödie, die jetzt die Auf­merk­samkeit der inter­na­tio­nalen Gemein­schaft auf das Thema der ille­galen Ein­wan­de­rungen gezogen hat.“
Da der Con­tainer von Zeebrugge aus nach Pur­fleet in Groß­bri­tannien trans­por­tiert wurde, wird auch die bel­gische Polizei hin­zu­ge­zogen. Der Sat­tel­schlepper selbst ist in Bul­garien regis­triert. Die Firma gehört einem Ehepaar iri­scher Staats­bür­ger­schaft, Joanna und Thomas Maher aus War­rington in Cheshire. Der Laster soll von Nord­irland nach Dublin gefahren sein, von dort mit einer Fähre nach Holyhead (Wales) über­ge­setzt haben, dann quer durch Groß­bri­tannien gefahren sein, um den Con­tainer aus Zeebrugge in Pur­fleet auf­zu­nehmen. Die ent­setz­liche Tra­gödie, die sich in dem Con­tainer abge­spielt hat, wirft ein Schlag­licht auf die kri­mi­nellen Schlep­per­banden, die riesige Gewinne durch den Men­schen­handel im großen Stil ein­sacken und davon pro­fi­tieren, dass hier­zu­lande die Medien Schlep­per­helfer, wie eine Kapi­tänin Carola Rackete auch noch zu Helden hochstilisieren.
Es geschieht ja nicht zum ersten Mal, dass Men­schen­leben einfach und mas­senhaft aufs Spiel gesetzt werden. Dass Hun­derte oder Tau­sende sterben, die auf­grund von fal­schen Ver­spre­chungen ihre Familien und ihr Land ver­lassen, um im ver­meintlich gol­denen Europa oder Nord­amerika ein bes­seres Leben zu finden. In Dover wurden in einer Lie­ferung Tomaten 58 Leichen von Chi­nesen gefunden, die eben­falls, wie bei den neu­er­lichen Opfern, Zehn­tau­sende von Dollar gezahlt hatten für eine sichere, aber illegale Ein­reise nach Groß­bri­tannien. Auch dieser Con­tainer war damals aus Zeebrugge nach Groß­bri­tannien über­ge­setzt. Die chi­ne­sische Schlep­per­bande war unter dem Namen „Schlan­gen­köpfe“ bekannt.
Wie viele Migranten von der liby­schen Küste in see­un­tüch­tigen Schlauch­booten mit viel zu wenig Treib­stoff gestartet sind und von den gefei­erten Schlep­per­schiffen ver­passt oder nicht gefunden wurden, weiß kein Mensch. Es mögen Hun­derte oder Tau­sende sein, die elend ertrunken sind. Sie alle mussten hohe Summen zahlen, oft legte das ganze Dorf zusammen, in der Hoffnung, der Ent­sandte werde ihnen aus dem gol­denen, reichen Europa Reich­tümer schicken. Die Schlep­per­banden stopfen sich Unsummen in die Taschen und die „See­not­retter“ spielen das furchtbare Spiel mit und fühlen sich auch noch als Helden. Ohne sie würde aber das flo­rie­rende Geschäft des Men­schen­handels bald zum Erliegen kommen.
Und das Geschäft betreiben die Schlepper ganz pro­fes­sionell. Im Falle der viet­na­me­si­schen Opfer im Kühl­laster im Indus­triepark schälen sich nun langsam die Details der dahin­ter­ste­henden Men­schen­schmuggler-Industrie heraus. Die Familien der Opfer packen aus – und Experten bestä­tigen, was sie zu berichten haben: Man kann zwi­schen der „Holz­klasse“ und der „VIP-Route“ wählen.
„Wenn er die ‚VIP-Route‘ genommen hat, dann gibt es eine ein­pro­zentige Chance, dass er erwischt wurde, das ist der sicherste und teu­erste Weg“, sagte Nguyen Dinh Gia, der befürchtet, dass sein Sohn Nguyen Dinh Luong unter den 39 Toten ist. „Wenn er die Bil­lig­route nahm, bin ich hun­dert­pro­zentig sicher, dass er gestorben ist. Das Fahrzeug bei diesem Unfall — das ist die ‚Holz­klasse‘.“
Letztere ist nur etwas für sehr zähe Naturen. Sie besteht aus einer mona­te­langen, anstren­genden Tour über den Landweg aus Vietnam, durch China und dann über die chi­ne­sisch-rus­sische Grenze, weiß die Anti-Schlepper-Akti­vistin und Rechts­an­wältin Mimi Vu aus Ho-Chi-Minh-Stadt. Größ­ten­teils geschieht das mittels heim­licher Auto­fahrten, doch die Grenzen werden meistens nachts und zu Fuß durch die Wälder über­quert. Von Russland geht es in die Ukraine und weiter über Polen und Tsche­chien, durch Deutschland und Frank­reich nach Groß­bri­tannien. Das ist nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Ins­be­sondere in der Ukraine. Nicht jeder kommt an, und wer ver­schwindet, der taucht auch kaum wieder auf. Vom euro­päi­schen Festland auf die bri­tische Insel wird dann der Con­tainer ein­ge­setzt. Diese Holz­klasse-Tour ist schon für 3500 Euro zu bekommen.
Ange­hörige, Migranten und Experten nennen einen VIP-Routen-Tarif von etwa 13.000 Euro, den man hin­legen muss, um von Deutschland oder Frank­reich ins ver­ei­nigte König­reich geschmuggelt zu werden. Ins­gesamt kostet das Luxus-Men­schen­handel-Paket etwa 34.000 Euro.
Die „Erste-Klasse-Schleppung“ beinhaltet typi­scher­weise einen Flug von Vietnam nach Europa über ein Drittland mit ge- oder ver­fälschten Rei­se­pässen. Das dauert Tage statt Monate, kostet aber viel mehr“, erläu­terte Anwältin Mimi Vu.
Die VIP-Migranten gehen dabei davon aus, dass sie genauso, wie sie per Flugzeug bequem nach Kon­ti­nen­tal­europa kommen, auch per Flieger nach Groß­bri­tannien ein­reisen können. Doch Experten sagen immer wieder, dass die letzte Etappe über den Ärmel­kanal immer die Ein­reise im Last­wa­gen­con­tainer ist:
„Eltern zahlen für den ‚VIP-Service‘, weil sie glauben, es ist sicherer. Aber was sie nicht wissen, ist, dass ihr Sohn oder ihre Tochter am Ende in dem­selben Lkw landet wie jemand, der für die billige Reise bezahlt hat.“
Bezahlt wird meistens jeweils etap­pen­weise. Erst wenn das Geld für die nächste Etappe der Schlep­per­bande bezahlt wird, geht es weiter. Als Nguyen Dinh Luong, wahr­scheinlich einer der Opfer in dem Kühl­trans­porter, von Frank­reich nach Deutschland fuhr, wurde sein Vater ange­rufen, dass nun jemand mit einem Fahrzeug kommen würde und umge­rechnet 16.000 Euro zu bekommen habe, wenn es für Luong wei­ter­gehen solle, erzählt sein Vater Nguyen Dinh Gia. Zuvor war Luong in Frank­reich ange­kommen, wo er 18 Monate lang illegal in einem Restaurant gear­beitet hatte. Dann hieß es, über den Ärmel­kanal zu kommen. Luong machte sich über Deutschland auf den Weg. Sein Vater ahnte nichts Gutes und ver­suchte, seinen Sohn davon abzu­halten. Vergeblich.
Spät am Don­ners­tag­abend erhielt Vater Nguyen Dinh Gia „einen Anruf von einem Kontakt in Übersee, der offenbar direkte Kenntnis von den Toten im Con­tainer hatte. „Ich hoffe, Sie ver­stehen“, zitierte Gia den Anrufer. „Das Fahrzeug hatte einen Unfall. Alle starben.“