Wirtschaft & Finanzen

Industrie auf der Flucht aus Deutschland?

26. Februar 2020
Am Wochenende habe ich die deutschen Exportüberschüsse thematisiert und dabei den Zusammenhang mit der inländischen Ersparnis erklärt. Ein wichtiger Sektor, der spart, sind die Unternehmen. Erst seit der Jahrhundertwende, besonders seit der Finanzkrise, sind die deutschen Unternehmen Nettosparer. Um die Ursachen zu analysieren, hat die KfW die Daten tiefer aufbereitet:

Quelle: KfW, Destatis

Gehen wir die Punkte nacheinander durch:

  • Deutliche höhere Vermögenseinkommen: „Hinter dieser hier als Nettogröße definierten Position stehen in fast gleichem Ausmaß ein Rückgang der geleisteten Vermögenseinkommen infolge des langjährigen Zinsverfalls und geringerer Fremdverschuldung (Beitrag: 2,5 Pp.) wie auch ein deutlicher Zuwachs der empfangenen Vermögenseinkommen (Beitrag: 2,2 Pp.).Darunter spielen die im Ausland reinvestierten Gewinne aus Direktinvestitionen eine wichtige Rolle. (…) Die damit erwirtschafteten und im Ausland belassenen Gewinne kommen isoliert betrachtet auf einen Beitrag von 1,6 Pp. zum Anstieg des Finanzierungssaldos der Unternehmen. Auch unter den übrigen empfangenen Vermögenseinkommen dürften wachsende Mittelzuflüsse aus dem Ausland besonders bei Dividendenzahlungen und Ähnlichem dominieren.“ – Stelter: Die Unternehmen investieren immer mehr im Ausland (was richtig ist!) und bekommen dafür Erträge. Wichtiger noch: Wie auch der Staat profitieren die Unternehmen von den tieferen Zinsen, die wiederum den privaten Haushalten direkt oder indirekt (Lebensversicherung, Pension) als Einnahmen fehlen. Die Umverteilung über den Zins wirkt also konsumdämpfend!
  • Geringere Lohnkosten: „Ein weiterer bedeutender Treiber der wachsenden Eigenmittel und des Finanzierungsüberschusses im Unternehmenssektor ist die gesunkene Lohnquote (Anteil des Arbeitnehmerentgelts an der Bruttowertschöpfung der Unternehmen), die sich vor allem in der langjährigen Phase der ausgeprägten Lohnzurückhaltung nach der Jahrtausendwende bis etwa zum Jahr 2007 aufgebaut hat (Beitrag: 2,3 Pp.).“ – Stelter: und die außerdem die Binnennachfrage dämpft und damit den Handelsüberschuss weiter wachsen lässt. Besser wäre es, die Lohnquote zu erhöhen, allerdings ist es nicht nur ein deutsches Phänomen.
  • Geringere Ausschüttungen: „Von den steigenden Gewinnen schütten die Firmen jedoch immer weniger an die Anteilseigner aus und setzen stattdessen auf eine Stärkung ihrer Innenfinanzierungsmöglichkeiten und ihrer Eigenkapitalbasis. Wurden zum Start der Währungsunion noch rund 90 % der Unternehmensgewinne ausgeschüttet, ist die Ausschüttungsquote 2017 auf das neue Tief von 60 % gefallen. Besonders rasant sinkt sie seit 2010.“ – Stelter: Wer einmal gesehen hat, wie schnell Kredite nicht mehr fließen im Zuge einer Finanzkrise, dem passiert das nicht wieder.
  • Mehr Steuern: „Lediglich die zuletzt im Zuge des aktuellen, kräftigen Aufschwungs steigenden Steuern, Abgaben und Beiträge an den Staat haben den Finanzierungsüberschuss der Firmen im Betrachtungszeitraum gedämpft.“ – Stelter: Der Staat hat bekanntlich bei allen heftig abkassiert in den letzten Jahren.
  • Und 4,3 Prozentpunkte weniger Investitionen: „Wie (…) abzulesen, ist die häufig beklagte Investitionsschwäche der Firmen mit 4,3 Pp. zwar ein erheblicher, aber nicht der einzige Treiber dieses sehr starken Anstiegs. (…) Schwach entwickelten sich vor allem die Investitionen der Firmen in Ausrüstungen und Wirtschaftsbauten, also diejenigen Investitionsgüter, die recht eng mit dem Expansionsmotiv verknüpft sind.“ – Stelter: Die Investitionen liegen rund 20 Prozent unter dem früheren Niveau. Wir haben gerade angesichts der Rekordgewinne und des erheblichen Mittelzuflusses (+6,4 Prozentpunkte!) tiefe Investitionen. Man hätte theoretisch mit höheren Investitionen rechnen müssen angesichts der Lage der Wirtschaft.
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Die schleichende Deindustrialisierung

Dahinter liegt eine weitaus dramatischere Entwicklung. Während wir uns des Exportweltmeister-Titels erfreuen, wandert die Industrie ab. Die F.A.Z. berichtete in der vergangenen Woche:

  • „Die deutsche Industrie steckt in der Krise. Die Unternehmen scheinen vermehrt ins europäische Ausland abzuwandern. (…) Seit dem Jahr 2016 sinkt der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung, von 23 auf nur noch 21,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt Mitte Januar mitteilte. Es ist der niedrigste Wert seit der Finanzkrise.“ – Stelter: Und die Zahlen zeigen, es ist ein deutsches Problem, kein europäisches. Die Industrie flieht aus Deutschland.
  • „Verliert Deutschland also nach und nach seine Industrie? Davon sind zumindest die Ökonomen der Commerzbank mittlerweile überzeugt. Als Beleg für ihre These von der schleichenden Deindustrialisierung dient ihnen die Entwicklung der Industrieproduktion, die in Deutschland deutlich schlechter aussieht als im übrigen Euroraum. Der Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer spricht unumwunden von der Rückkehr des ‘kranken Mann Europas’ wie um die Jahrtausendwende herum.“ – Stelter: mit einem wesentlichen Unterschied. Unsere Industrie wandert aus, das ist ein Struktur-, kein Konjunkturproblem.
  • „Besonders beunruhigend ist die Lage im Fahrzeugbau. Hier gab es parallel zur Diskussion über Fahrverbote und die Zukunft des Dieselmotors Mitte 2018 in Deutschland einen regelrechten Produktionseinbruch. Das Produktionsniveau liegt derzeit fast 10 Prozent unter dem Wert von 2015. (…) Quartalszahlen des Automobilverbands VDA stützen Vermutungen über eine erodierende Standortqualität und eine Produktionsverlagerung ins Ausland. So wurden im Jahr 2007 je Quartal noch doppelt so viele Fahrzeuge von deutschen Herstellern hierzulande gefertigt wie von deutschen Herstellern im übrigen Europa.“ – Stelter: Es produzieren dieselben Unternehmen mehr im Ausland und weniger im Inland! Das nenne ich mal Abstimmung mit den Füßen. Aber unsere Politik hat ja andere Probleme.
  • „Für Stefan Kooths, den Konjunkturchef am Kieler Institut für Weltwirtschaft, gehen Konjunkturflaute und Standortverschlechterung Hand in Hand. Zwar sei die Fallhöhe nach der jahrelangen Sonderkonjunktur besonders hoch. „Es ist aber nicht nur die Unsicherheit in der übrigen Welt, die auf die exportorientierte deutsche Wirtschaft durchschlägt, sondern auch hausgemachte Unsicherheit“, sagt Kooths. Neben dem Stillstand in der Steuerpolitik werfe die Energiepolitik große Fragen auf.“ – Stelter: So ist es. Angesichts von Rekordpreisen und zunehmenden Zweifeln an der Versorgungssicherheit muss jedes vernünftige Unternehmen woanders investieren.
  • „Maßnahmen zum Bürokratieabbau blieben aus, die Infrastruktur bröckele, was Gift sei für die engmaschige „Just-in-Time“-Produktion. Auch die Steuerquote für Unternehmen verharre auf hohem Niveau, während andere Industrieländer sie gesenkt haben. All das bedinge die längst eingesetzte Abwanderung der deutschen Industrie ins Ausland.“ – Stelter: Und dieses Abwandern geht einher mit unzureichenden Investitionen hierzulande.

Die Ursachen liegen auf der Hand:

  • unattraktive Steuerbelastung
  • schlechte und zunehmend verfallende Infrastruktur
  • Rückstand bei Digitalisierung und Mobilfunk
  • absehbar schlechte demografische Entwicklung
  • Verfall des Bildungswesens
  • falsche politische Prioritäten mit mehr Dirigismus (siehe Donnerstag bei bto)
  • hohe Energiekosten mit absehbar schlechterer Versorgungssicherheit
  • Technologieskepsis, investitions- und innovationsfeindliches Klima.

Was ist also zu tun?

  • Mehr staatliche Investitionen in bessere Infrastruktur und Digitalisierung führen auch zu mehr privaten Investitionen.
  • Staatliche Förderung von Innovation.
  • Umstellen der Besteuerung der Unternehmen, um Investitionen besonders zu begünstigen, also keine generelle Steuersenkung, sondern Anreize zu Investitionen in Sachvermögen, aber auch Forschung und Entwicklung.
  • Weniger Regulierung und Bürokratie.
  • Eine nachhaltige Klimapolitik mit planbaren Kosten, wettbewerbsfähigen Energiepreisen und Verstand.
  • Bekenntnis der Politik zur freien Marktwirtschaft und Investition statt Konsum.

Nicht absehbar.


Dr. Daniel Stelter –www. think-beyondtheobvious.com