Wirtschaft & Finanzen

Corona-Bonds, der 1. Weltkrieg und die Hyperinflation (+Video)

10. April 2020

Mario Draghi, Ex-EZB-Präsident, vergleicht in Financial Times-Beitrag die aktuelle Situation mit der Finanzierung der Staaten durch Gelddrucken im ersten Weltkrieg. Es droht ein Entwertungs-Wettlauf.

(von Sascha Opel)

Mario Draghi, bis vor wenigen Monaten EZB-Präsident, hat sich in einem Financial Times-Beitrag zu Wort gemeldet. Er vergleicht die aktuelle Situation mit der Finanzierung der Staaten durch Gelddrucken im ersten Weltkrieg. Man muss sich Fragen: Warum bringt er diesen Vergleich? Unser Ergebnis: Damals wurde der Goldstandard von allen Kriegsparteien außer Kraft gesetzt. Mit dem Ergebnis einer massiven Abwertung aller Währungen, sowie Hyperinflationen und Währungsreformen.

Und heute im „Corona-Krieg“? Werden sämtliche Währungs-Stabilitäts­kriterien, sowie Schuldenbremsen von den „Kriegsparteien“ ebenfalls über Bord geworfen, um den „Feind zu besiegen“. Es wird die gleiche Politik wie damals betrieben. Sieht das Finale 2020 ähnlich aus wie vor 100 Jahren?

Fordert nach den Notkrediten einen anschließenden Schuldenerlass für Privat­personen und Unternehmen! Diese sollten nicht mit zusätzlichen Schulden belastet werden.

Zudem wirft er einen interessanten Vergleich mit der Staats­verschuldung aufgrund des ersten Weltkrieges auf, der uns als „Hobby-Finanz­historiker“ aufhorchen lässt.  Wir haben einen Teil seines Beitrages übersetzt:

„Der Einkommensverlust des Privatsektors – und alle Schulden, die zur Schließung der Lücke aufgenommen wurden – müssen schließlich ganz oder teilweise in die staatlichen Bilanzen aufgenommen werden.

Eine viel höhere Staatsverschuldung wird ein fester Bestandteil unserer Volkswirt­schaften sein und mit einem privaten Schuldenerlass einhergehen.
Es ist die richtige Aufgabe des Staates, seine Bilanz zum Schutz der Bürger und der Wirtschaft vor Schocks einzusetzen, für die der Privatsektor nicht verant­wort­lich ist und die er nicht aufnehmen kann. Staaten haben dies angesichts nationaler Notfälle immer getan.

Parallelen zum Erster Weltkrieg

Kriege – der wichtigste Präzedenzfall – wurden durch die Erhöhung der Staats­verschuldung finanziert. Während des Ersten Weltkriegs wurden in Italien und Deutschland zwischen 6 und 15 Prozent der realen Kriegsausgaben aus Steuern finanziert.

In Österreich-Ungarn, Russland und Frankreich wurden keine der laufenden Kriegskosten aus Steuern bezahlt. Überall wurde die Steuer­be­mes­sungsgrundlage durch Kriegsschäden und Wehrpflicht untergraben. Heute ist es die menschliche Not der Pandemie und die Abschaltung.”

Fazit: Die Kriegsterminologie setzt sich bei Draghi fort, der explizit den ersten Weltkrieg, als Vergleich für die aktuelle Situation anführt. Er mahnt an, dass sämtliche Versprechungen unserer Politiker („wir wollen möglichst alle Jobs behalten“, was nichts anderes als die Verpackung des Wunsches der ängstlichen Wähler in ein Lügenversprechen ist) völlig unrealistisch wären, wenn der Staat und die EZB die Zeche nicht selbst bezahlen.

Folgen

Doch was bedeuten diese finanzpolitischem „Kriegsmaßnahmen“ für unsere Währung und für Sie als Anleger?

Was sind die Gemeinsamkeiten und der Unterschied zur Zeit des ersten Weltkriegs?

Unterschied: Damals gab es in Europa verschiedene Währungen. Jede der von Draghi genannten Kriegsparteien (Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich-Ung­arn, Russland) hatte eine eigene Währung.

Diese Währungen waren damals im Goldstandard verbunden. Da fast alle Kriegs­parteien ab 1914 massiv Geld druckten, um die Ausgaben zu finanzieren, kam es überall zu einer massiven Verschuldung.

Der Goldstandard wurde 1914 mit Kriegsbeginn, der den Beginn des Geld­druckens bedeutete, praktisch ausgesetzt. Jede Kriegspartei musste versuchen, den Krieg zu gewinnen, um sich durch die Kriegsbeute (=Repa­ra­tions­zahlungen) am Ende zu entschulden.

Doch die Ausgaben waren auf allen Seiten so hoch, dass nicht nur der Kriegs­­­ver­lierer Deutschland durch exorbitante Reparationszahlungen in die Hyperinflation abglitt, sondern auch in Ländern wie Frankreich und Italien eine massive Abwer­tung der Währungen zum Gold zu verzeichnen war.

Der Unterschied zwischen 1918 zum „Corona-Krieg 2020“ ist lediglich, dass es nun einen einheitlichen europäischen Währungsraum gibt. Und der „Corona-Krieg“ nicht innerhalb Europas, sondern global geführt wird. Somit sind ALLE Länder gezwungen, ihre Währungen gleichzeitig inflationieren zu müssen.

Warum „müssen“ alle Regierungen und Zentralbanken im Corona-Krieg mitspielen?

Jedes Land, welches diese unbegrenzten Geldmittel nicht aufs Schlachtfeld wirft, würde das Fluchtkapital aus den Gelddruckländern anziehen!

Hätten die USA beispielsweise eine andere Strategie gefahren als Europa, dann wäre es zu einer massiven Aufwertung des US-Dollar gekommen.

Trump muss daher noch mehr Geld drucken und die Staatsschulden erhöhen, als der Rest der Welt. Ob er will oder nicht! Und völlig unabhängig davon, ob er nun an die Gefährlichkeit des Virus glaubt oder nicht.

Denn eine massive Flucht in den US-Dollar würde seine „America-First“-Politik scheitern lassen, da sich amerikanische Produkte ohne „Corona-Krieg“ und unbegrenztes Gelddrucken stark verteuern würden.

Im USD-Index sieht man: Nach den EZB-Gelddruckmaß­nah­men ging es mit dem USD steil nach oben. Nachdem die FED mit „unlimitiertem Geld­drucken“ gekontert hat, wurde das Ziel (eine Aufwertung des USD zu verhindern) vorläufig erreicht.

Der Corona-Krieg spiegelt hier den dahinter laufenden Währungskrieg (um die schwächste Währung) perfekt wieder!

Abwertungswettlauf

Merke: Jedes Land muss nun unbegrenzt Geld drucken, wenn es keine massive Aufwertung seiner Währung erleben will. Die Geschichte des ersten Weltkrieges, den Draghi heranzieht, hilft auch hier weiter, um diesen Irrsinn zu verstehen:

Es hätte im Corona-Krieg beim US-Dollar eine ähnliche Situation wie nach dem ersten Weltkrieg mit dem Britischen Pfund gedroht, welches massiv aufwertete und eine hohe Arbeitslosigkeit in Großbritannien zur Folge hatte.

Kurzum: Die USA mussten – um die massive Flucht in den USD abzumildern – unbedingt nachziehen und noch mehr Geld drucken als der Rest der Welt.

Denn wer schiebt die Arbeitslosigkeit gerne auf seine Untätigkeit, welche die Währung in die Höhe schießen lässt? So kann man die Arbeitslosigkeit, die ohnehin gedroht hätte, dem „aufopferungsvollen Kampf“ gegen einen „unsichtbaren Gegner“ in die Schuhe schieben.

Jeder US-Thinktank hat natürlich auch das historische Wissen von Mario Draghi, welches wir hier kurz zusammenfassen:

1925 entschloss sich der damalige britische Finanzminister Winston Churchill zum Goldstandard zurück­zukehren, der in England 1914 zum Kriegsbeginn ebenfalls ausgesetzt worden war.

Die Einführung des Gold­stand­ards zur Vorkriegsparität kam dabei einer starken Aufwertung des Pfund Sterlings gleich. Da auch England einen Teil der Kriegskosten über die Geldschöpfung finan­ziert hatte, wäre jedoch eine Abwertung zum Goldpreis richtig gewesen.

Keynes wies damals darauf hin, dass sich – bei einem nominal iden­tischen Wechselkurs zu Vorkriegszeiten – vor allem zum ebenfalls Gold-gedeckten US-Dollar – die britischen Güter im Vergleich zu ausländischen Gütern um etwa 10% verteuern würden.

Diese Entscheidung Churchills, den Goldstandard zur Vorkriegsparität wieder­ein­zu­führen, wurde daher in England äußerst kontrovers diskutiert. Wirtschaftshistoriker haben kalkuliert, dass das Pfund um mindestens 10% überbewertet in den Goldstandard wieder eingetreten war, was zu einer Erhöhung der Arbeitslosen­zahl um 721.000 führte.

Im Nachhinein bezeichnete Churchill diese Entscheidung (das Pfund nicht abzuwerten) als den größten Fehler seines Lebens. (Wikipedia)

Inflation um jeden Preis

Alle Staaten des ersten Weltkrieges konnten ihre Vorkriegsver­spre­chen zur Einlösung in Gold nicht mehr einhalten! Die Kaufkraft erodierte. Wer dagegen – wie GB/England – seine Währung stabil gehalten hat, wurde mit einem Wirtschaftseinbruch und hoher Arbeitslosigkeit „belohnt“.

Es ist daher 2020 wichtig zu verstehen, dass ALLE großen Währungsblöcke sich in diesen „Kampf gegen Corona“ womöglich in Staatsausgaben über­trumpfen wer­den, um

A) die Wirtschaft irgendwie am Laufen zu halten und die Arbeitsplätze zu sichern und

B) ihre eigene Währung nicht aufwerten zu lassen (siehe Groß­bri­tannien 1925), da dann erst recht Druck auf den Arbeitsmarkt entsteht.

Das oberste Ziel aller Politiker und Notenbanken heißt nun:

INFLATION UM JEDEN PREIS! Nur mit einer hohen Inflation lassen sich die riesigen Staatschulden in Luft auflösen. Es scheint ein koordinierter Wettlauf zu sein, welche Währung zuerst den Sprung aus einer deflationären Spirale in die Inflation schafft. Eine Aufwertung der eigenen Währung durch umfangreiche Staatsausgaben, begleitet von umfangreichen Gelddruckmaßnahmen, muss verhindert werden.

Wir wissen, dass dieses Denken im Sinne der „schwäbischen Hausfrau“ und für Verfechter der Österreichischen Schule krank anmutet. Aber es ist die Realität in der wir leben und die wir beurteilen müssen.

Fazit: Es ist daher die Zeit, sich aus Geldwerten sukzessive zu verab­schie­den, da wir angesichts der größten Gelddruckorgie der Geschichte nicht mehr an eine Depression a‘la 1929 bis 1932 glauben.

Michael Mross im Gespräch mit Sascha Opel zu den Hintergründen und der Frage, wie sich der Goldpreis entwickeln wird:


Quelle: mmnews.de