Ein­heits­freude und Trennungsschmerz

Zwie­spältige Erin­nerung an die Wie­der­ver­ei­nigung Deutsch­lands, das Trianon-Trauma Ungarns, den Erhalt der Lan­des­einheit Kärntens sowie die Annexion des süd­lichen Tirol durch Italien 

Mit­tel­punkt des his­to­ri­schen Tirols

(von Reynke de Vos) 

Der Oktober 2020 zwingt zur Ver­ge­wis­serung bedeu­tender Ereig­nisse, die auf das engste mit­ein­ander kor­re­spon­dieren. Wenn­gleich nicht auf den ersten Blick zu erkennen, so besteht zwi­schen der Erin­nerung an 30 Jahre Ver­ei­nigung der beiden deut­schen Rumpf­staaten BRD und DDR, an 100 Jahre Kelsen-Ver­fassung für Öster­reich, an 100 Jahre Volks­ab­stimmung in Kärnten, an die ter­ri­to­riale Kas­tration Ungarns sowie an die for­melle Annexion des süd­lichen Teils des eins­tigen Kron­landes Tirol durch Italien eine — wenn auch kon­trastive, so doch — innere Verbindung.

Die Wie­der­ver­ei­nigung Deutsch­lands war die glück­liche Antwort auf die seit 1945 stets im poli­ti­schen Raum ste­hende „Deutsche Frage“. Möglich wurde die deutsche Einheit durch Erosion und Auf­lösung des Ost­blocks zufolge der Implosion des sowjet­kom­mu­nis­tisch-mos­ko­wi­ti­schen sowie des titois­tisch-bal­kan­kom­mu­nis­ti­schen Herr­schafts­systems und der zwi­schen Usedom (Meck­lenburg-Vor­pommern) und Eichsfeld (Thü­ringen) raum­grei­fenden „Abstimmung mit den Füßen“.

Die von dem bedeu­tenden Völker- und Staats­rechtler Hans Kelsen ent­worfene  Bun­des­ver­fassung, auf die Österreich(er) zurecht stolz ist (sind), mani­fes­tierte die Ablösung des über Jahr­hun­derte bestim­menden mon­ar­chi­schen Herr­schafts­prinzips durch den repu­bli­ka­nisch-demo­kra­ti­schen Rechts­staat. Sie markiert(e) damit aber auch die Reduktion des eins­tigen Staats­ge­biets infolge der für die Ver­lierer des Ersten Welt­kriegs in den 1919/1920 unter­zeich­neten Pariser „Vor­ort­ver­trägen“ von den Sie­ger­mächten, ins­be­sondere von Frank­reich, „frie­dens­ver­traglich“ dik­tierten ter­ri­to­rialen und mate­ri­ellen Verluste.

Kärnten, wo die Sie­ger­mächte auf ame­ri­ka­ni­schen Druck hin am 10. Oktober 1920 eine Volks­ab­stimmung erlaubt hatten, entging – maß­geblich zufolge des mehr­heit­lichen Votums der slo­we­ni­schen Min­derheit Süd­kärntens für Ver­bleib bei Öster­reich – der vom jugo­sla­wi­schen SHS-Staat (König­reich der Serben, Kroaten und Slo­wenen)  ver­langten Lan­des­teilung. Ohne Volks­ab­stimmung wurden hin­gegen per Vertrag von Saint-Germain-en-Laye (1919) das Mießtal dem SHS-Staat sowie das Kanaltal Italien übereignet.

Die Teilung Tirols

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Von dem, was nach kriegs­be­dingter Auf­lösung des vor­ma­ligen öster­rei­chisch-unga­ri­schen Impe­riums durch die Her­aus­bildung neuer Natio­nal­staaten an ter­ri­to­rialer Sub­stanz für die zunächst an ihrer Exis­tenz­fä­higkeit zwei­felnde Republik (Deutsch-)Österreich ver­blieb, war  die erzwungene Abtretung Süd­tirols (mitsamt Welschtirol/Trentino) an Italien zwei­fellos das für das kol­lektive Bewusstsein  der ohnedies not­lei­denden Bevöl­kerung ein­schnei­dendste Ereignis. Das Zer­reißen Tirols, die for­melle Annexion des süd­lichen Lan­des­teils am 10. Oktober 1920, kon­tra­punk­to­risch und dekla­rativ just am Tag der Kärntner Volks­ab­stimmung voll­zogen,  ist und bleibt, wie der in näm­lichem Jahr  am 4. Juni  im Frie­dens­diktat von Trianon bestimmte Verlust Ungarns  von zwei Dritteln (sic!) des Ter­ri­to­riums, eine Wunde, die nicht ver­heilen kann – denn damit sind nicht nur Men­schen- und Selbst­be­stim­mungs­rechte ver­letzt worden, sondern Völker und Seelen.

„Bella Italia“, das von alters her die Sehn­süchte son­nen­hung­riger nörd­licher Hemi­sphä­ren­be­wohner  beflü­gelnde „Land, wo die Zitronen blühen“ (Goethe), muss sich all seinen heu­tigen beschö­ni­genden und begü­ti­genden poli­ti­schen Parolen zum Trotz gefallen lassen, nicht allein von his­to­risch bewussten Betrachtern der „Süd­tirol-Causa“ als hin­ter­häl­tiger, sich ver­stel­lender poli­ti­scher Akteur ein­ge­stuft zu werden. Schon Bis­marck ließ mit seiner Bemerkung nach der quasi par­allel voll­zo­genen Einigung Ita­liens, die ja erst mit der „Presa di Roma”, der Ein­nahme der Ewigen Stadt 1870, voll­endet war, und der maß­geblich von ihm her­bei­ge­führten Reichs­gründung 1870/71 auf­horchen, im Gegensatz zum „satten“ (satu­rierten) preu­ßisch-deut­schen Kai­ser­reich sei das sar­di­nisch-tos­ka­nisch-sizi­lia­nische König­reich Italien ein „hung­riger“ Staat. „Italien hat einen großen Appetit, aber sehr schlechte Zähne”, bemerkte der Reichs­kanzler über seinen dama­ligen Verbündeten.

„Großer Appetit, schlechte Zähne“

Vielfach lie­ferte Italien hernach Beweise für Bis­marcks abfäl­liges Diktum. Um seinen natio­nal­ro­man­tisch ver­brämten, quasi der Idee des „Imperium Romanum“ ver­schrie­benen und von „sacro egoismo“ („hei­ligem Eigennutz“) getrie­benen „Hunger“ nach ter­ri­to­rialer Aus­weitung am adria­ti­schen Gegenufer, in Nord(ost)afrika sowie nicht zuletzt entlang der alpinen Was­ser­scheide zu stillen und stets ziel­ge­richtet auf „Sie­gesspur“ und Sieger-Seite zu sein, wech­selte es nach Belieben die Fronten.

Süd­tirol war das kon­ti­nentale „Tor­ten­stück“ dieses dem Macht- und Land­hunger geschul­deten Sei­ten­wechsels von 1915. Das Gebiet zwi­schen dem heu­tigen Salurn und dem Brenner-Pass rundete das Risor­gi­mento-Begehr Welsch­tirol / Trentino, zuvor Bestandteil Gesamt­tirols, nach Norden hin bis zur stets von den ita­lie­ni­schen Natio­na­listen ein­ge­for­derten Grenz­ziehung an der Was­ser­scheide ab. Dafür hatte die Königlich Geo­gra­phische Gesell­schaft das geo­phy­si­ka­lische Rüstzeug geliefert, der auch jener Deut­schen­hasser Ettore Tolomei ange­hörte, der mit der von faschis­ti­schen Gewalt­taten auch in Bozen beglei­teten Macht­über­nahme ab 1922 Mus­solini als Ent­na­tio­na­li­sie­rungs­fa­na­tiker im süd­lichen Tirol (kultur)geschichtsfälschend dienstbar war.

Nichts von dem, was der einstige Minis­ter­prä­sident Luigi Luz­zatti nach der Unter­zeichnung des Frie­dens­diktats von St.Germain (10. Sep­tember 1919) im römi­schen Par­lament sagte – „Es muß eine Ehren­pflicht für die Regierung und für das Par­lament sein, den Deut­schen, die nur wegen der abso­luten Not­wen­digkeit,  unsere Grenzen ver­tei­digen zu können, ange­gliedert wurden, ihre auto­nomen Ein­rich­tungen zu bewil­ligen“ – wurde zuge­standen. Im Gegenteil: selbst die tri­en­ti­ni­schen (Welsch-)Tiroler Reichs­rats­ab­ge­ord­neten  Enrico Conci und Alcide DeGasperi – er sollte unmit­telbar nach dem Zweiten Welt­krieg, als den Süd­ti­rolern wie­derum die Selbst­be­stimmung ver­weigert wurde, abermals eine ver­häng­nis­volle Rolle spielen – schlugen Töne an, welche sich nicht im geringsten von jenen der Schwarz­hemden unter­schieden. So schrieb DeGasperi in einem Artikel unter dem Titel „Tirolo addio“, der am 4.12.1918 in der von ihm her­aus­ge­ge­benen Zeitung „Il Nuovo Trentino“ erschien:  „Tiroler, euer Leben war unser Tod, nun wird unser Leben euer Tod sein.”

Der faschis­tische Furor 

Mit dem ersten von faschis­ti­schen Schlä­ger­trupps am 24. April 1921 in Bozen Getö­teten, dem Mar­linger Lehrer Franz Inner­hofer, nahm die Knecht­schaft der Süd­ti­roler ihren Lauf. Benach­tei­ligung, Ernied­rigung, Dro­hungen, Gewalt, Folter, Mord waren sozu­sagen an der Tages­ordnung.  Geschichts­fäl­schungen und die Ita­lia­ni­sierung von Vor- und Fami­li­en­namen (bis hin zu jenen auf Grab­steinen) sowie von Orts- und Flur­namen, Verbot öffent­lichen Gebrauchs der deut­schen Sprache, ver­bunden mit der mas­sen­haften Ansiedlung von eth­ni­schen Ita­lienern in den eigens aus dem Boden gestampften Industrie- und Gewer­be­zonen, mit der Zer­schlagung von Ver­einen und Ver­bänden mittels Verbots sowie der Instal­lation rein ita­lie­ni­scher Struk­turen, dem Ersatz gewählter Orts­vor­steher durch faschis­tische Amts­bür­ger­meister, dem Aus­tausch  des für Sicherheit und Ordnung zustän­digen Per­sonals sowie der Kujo­nierung von Medien und Kul­tur­ein­rich­tungen, schließlich der Errichtung des unsäg­lichen „Sie­ges­denkmals“ und vielem mehr hatten zum Ziel, den süd­lichen Teil Tirols in eine rein ita­lie­nische Provinz zu verwandeln.

Am rigo­ro­sesten wütete der faschis­tische Umer­zie­hungs­furor an den Schulen. In einer höchst anspre­chenden, sach­kun­digen Doku­men­tation, die der Verein Süd­ti­roler Geschichte zusam­men­stellte und soeben im effekt!-Verlag (Neumarkt/Etsch) erschien (http://effekt-shop.it/shop/buecher/die-deutschen-brauchen-keine-schulen/ ) ist luzide ver­an­schau­licht, was unter der bereits ein Jahr nach der Ein­ver­leibung Süd­tirols in den ita­lie­ni­schen Staats­verband vom dama­ligen  ita­lie­ni­schen Vize­prä­fekten der Provinz Bozen, Giu­seppe Bolis, getä­tigten Aussage zu ver­stehen gewe­senen Richt­linie des faschis­ti­schen Erzie­hungs­wesens gemeint war: „Die Deut­schen brauchen keine Schulen, und wir brauchen auch keine Deutschen“.

Als sich alle kolo­nia­lis­ti­schen Zwangs­maß­nahmen, die Bevöl­kerung des „Hoch­etsch“ („Alto Adige“, gemäß damals ver­ord­neter, allein­gül­tiger Benennung) zu assi­mi­lieren, als fruchtlos erwiesen, zwangen die „Ach­sen­partner“ Mus­solini und Hit­lerdie Süd­ti­roler in einem per­fiden Opti­ons­ab­kommen, sich ent­weder für das Deutsche Reich zu ent­scheiden und über den Brenner zu gehen oder bei Ver­bleib in ihrer Heimat schutzlos der gänz­lichen Ita­lianità anheim zu fallen. Obschon die meisten für Deutschland optierten, ver­hin­derte der Zweite Welt­krieg die kol­lektive Umsiedlung. 1946 lehnten die Alli­ierten die For­derung nach einer Volks­ab­stimmung in Süd­tirol ab, wor­aufhin sich in Paris die Außen­mi­nister Öster­reichs und Ita­liens auf eine Über­ein­kunft zugunsten der Süd­ti­roler ver­stän­digten, die Bestandteil des Frie­dens­ver­trags mit Italien wurde.

Das Gruber-DeGasperi-Abkommen vom 5. Sep­tember 1946 sah die poli­tische Selbst­ver­waltung vor, und im Kul­tu­rellen wurden mut­ter­sprach­licher Unter­richt sowie die Gleich­stellung der deut­schen mit der ita­lie­ni­schen Sprache auf allen Feldern des gesell­schaft­lichen Lebens garan­tiert. In Süd­tirol selbst taten ita­lie­nische Par­ti­sanen und Insur­genten alles, um das Gebiet, das nach der Absetzung Mus­so­linis 1943 als fak­tisch unter der Supre­matie des Obersten Kom­missars der „Ope­ra­ti­onszone Alpen­vorland“ und Gau­leiter von Vor­arlberg-Tirol Franz Hofer stand, quasi der „Ricon­quista ita­liana“ den Weg zu bereiten. Der Publizist Helmut Golo­witsch hat soeben  minutiös doku­men­tiert, wie diese Insur­genten im Zusam­men­wirken mit  wei­ter­be­stehenden Behörden und Cara­bi­nieri der Repub­blica di Salò, dem ver­blie­benen Refugium Mus­so­linis unter mili­tä­ri­scher Pro­tektion von Wehr­macht und SS, alles dar­an­setzten, die Süd­tirol-Frage auf ihre Art und Weise ein für allemal zugunsten des Umfallers und Kriegs­ge­winnlers Italien zu lösen. Viele der Übergriffe­ geschahen unter der Ver­schwie­genheit der neuen poli­ti­schen Ober­schicht Süd­tirols sowie der Alli­ierten. (Helmut Golo­witsch: „Repression. Wie Süd­tirol 1945/46 wieder unter das Joch gezwungen wurde“, Neumarkt/Etsch, Effekt! Verlag 2020, ISBN-9788897053682) 

Der Trick des Tri­en­tiners DeGasperi 

Zwar erließ Rom dann 1948 das vor­ge­sehene Auto­nomie-Statut und dekla­rierte es – wie zwi­schen Ver­trags­partnern und Sie­ger­mächten ver­ab­redet – zum Bestandteil der ita­lie­ni­schen Ver­fassung. Aller­dings wurde die Provinz Bozen-Süd­tirol mit der Nach­bar­provinz Trient in einer Region („Trentino — Alto Adige“) zusam­men­ge­fasst. Dieser Trick des ver­schla­genen Tri­en­tiners DeGasperi führte die Majo­ri­sierung der deut­schen und der ladi­ni­schen Volks­gruppe durch die ita­lie­nische herbei, die im Trentino absolut dominant war.

Dagegen und gegen die vom „demo­kra­ti­schen Italien“ unge­brochen fort­ge­führte Ansiedlung wei­terer Ita­liener in ihrer Heimat pro­tes­tierten die Süd­ti­roler 1957 unter der Parole „Los von Trient”. Mit Anschlägen auf „Volks­wohn­bauten“ und andere ita­lie­nische Ein­rich­tungen machte der „Befrei­ungs­aus­schuss Süd­tirol” (BAS) die Welt auf die ver­wei­gerte Selbst­be­stimmung und die unein­ge­lösten ver­trag­lichen Zusi­che­rungen Roms auf­merksam. 1960 trug der damalige öster­rei­chische Außen­mi­nister Bruno Kreisky den Kon­flikt vor die Ver­einten Nationen, und da Italien trotz zweier UN-Reso­lu­tionen nicht ein­lenkte, erreichten die Anschläge im Sommer 1961 ihren Höhe­punkt. Rom ver­legte 22.000 Sol­daten sowie Cara­bi­nieri in den Norden und stellte das Land unter Aus­nah­me­recht mit all den damit ver­bun­denen rigo­rosen Gewalt­maß­nahmen gegen die Bevöl­kerung, ins­be­sondere das Foltern von inhaf­tierten BAS-Akti­visten.  Süd­tirol rückte infol­ge­dessen auch inter­na­tional in den Mit­tel­punkt des Welt­ge­schehens, woran sich heute außer der Erleb­nis­ge­neration und His­to­rikern kaum noch jemand erinnert.

„Paket“ und zweites Autonomiestatut 

Nach unzäh­ligen zähen Ver­hand­lungs­runden zwi­schen Wien und Rom im Beisein von Ver­tretern beider Tirol einigte man sich auf die Ent­schärfung des Kon­flikts, indem man 137 Ein­zel­maß­nahmen an einen „Ope­ra­ti­on­s­ka­lender” band – also an eine zeit­lichen Vorgabe für die Umsetzung – und in einer soge­nannten „Paket-Lösung” ver­schnürte. Bevor diese am 20. Januar 1972 als „Zweites Auto­no­mie­statut” in Kraft treten konnte, musste ihm die Süd­ti­roler Volks­partei (SVP), die seit 1945 maß­geb­liche poli­tische Kraft im Bozner Landhaus, zustimmen. Auf der SVP-„Landesversammlung“ in der Kur­stadt Meran kam 1969  eine knappe Mehrheit dafür zustande.

Es sollte weitere zwanzig Jahre und unge­zählter Ver­hand­lungen im Reigen stets wech­selnder ita­lie­ni­scher Regie­rungen in Anspruch nehmen, die wesent­lichen Bestim­mungen über die Selbst­ver­waltung umzu­setzen sowie die annä­hernde Gleich­stellung der deut­schen mit der ita­lie­ni­schen Sprache im öffent­lichen Leben sowie die Stel­len­be­setzung gemäß eth­ni­schem Proporz zu ver­wirk­lichen. Erst 1992 konnte das „Paket” für erfüllt und am 11. Juni der Süd­tirol-Kon­flikt durch Abgabe der „Streit­bei­le­gungs­er­klärung” vor den Ver­einten Nationen formell für beendet erklärt werden. Zuvor hatte der damalige ita­lie­nische Minis­ter­prä­sident Giulio Andreotti im römi­schen Par­lament sowie mittels eines Briefes nach Wien die Zusi­cherung gegeben, dass Ände­rungen daran nur mit Zustimmung der Süd­ti­roler vor­ge­nommen werden dürften.

Ohne Per­spektive

Letz­teres ist seitdem vielfach nicht ein­ge­halten oder im Sinne der von Rom in Anspruch genom­menen zen­tral­staat­lichen „Aus­rich­tungs- und Koor­di­nie­rungs­be­fugnis“ (AKB) stark ver­wässert worden. Die SVP fand sich immer öfter bereit, von Rom dekre­tierte Ände­rungen an Sub­stanz und Cha­rakter des Statuts letztlich in „kom­pro­miss­le­rische“ Reduktionsforme(l)n zu kleiden. Sie nahm diese Ände­rungen hin, um den Anschein von „Convivenza/Zusammenleben“ auf­recht zu erhalten sowie die von ihr ebenso wie von den jeweils in Rom Regie­renden ver­ab­so­lu­tierte, angeblich „beste Auto­nomie der Welt“ nach innen außen als „modellhaft“ anzu­preisen. Und  nicht zuletzt auch, um mög­lichst die  ihr ins­be­sondere seit den 1980er Jahren zuge­wachsene poli­tisch-öko­no­mische  Macht zu erhalten, von deren  öko­no­misch-finan­zi­ellen wie sozialen Pfründen das Gros ihrer in Gemeinden,  Provinz und Region wir­kenden Funk­ti­ons­träger profitiert.

Von der „Auto­nomie-Partei“ SVP, deren gedul­diger, lang­wie­riger, mit­unter bis zur Selbst­ver­leugnung rei­chendes  poli­ti­sches Wirken für ein erträgliche(re)s Dasein der Süd­ti­roler, zuvor­derst für eine pro­spe­rie­rende Wirt­schaft und eine geordnete Ver­waltung, die den Zuständen in Italien hohn­spricht, nicht gering geschätzt werden soll,  ist daher ins­be­sondere unter ihrer gegen­wär­tigen Führung nicht zu erwarten, dass sie je an eine Änderung des Status quo auch nur denkt oder gar einen „Plan B“ in die Schublade legte, um für Even­tua­li­täten gerüstet zu sein. Dem­ge­genüber  weisen alle austro-patrio­ti­schen Kräfte beid­seits des Alpen­haupt­kamms und von Vor­arlberg bis ins Bur­genland völlig zurecht  darauf hin, dass in sämt­lichen Befunden aus meh­reren demo­sko­pi­schen Erhe­bungen der letzten Jahre – sowohl in Süd­tirol, als auch in Öster­reich selbst – klar zutage tritt, dass sich die weit über­wie­gende Mehrheit der Befragten stets für die Besei­tigung bzw. Über­windung des Tei­lungs­zu­stands aus­ge­sprochen hat.

„100 Jahre Unrecht machen keinen Tag Recht“ 

Es kann daher nicht ver­wundern, dass sich Tiroler im Zusam­menhang mit dem deut­schen Staats­fei­ertag  (3. Oktober) zur Erin­nerung an die Wie­der­ver­ei­nigung 1990 die Frage stellen, was „das Bun­desland Tirol, die Autonome Provinz Bozen-Süd­tirol und die Republik Öster­reich zur Ver­ei­nigung Süd‑, Ost- und Nord­tirols unter­nehmen“. Dabei wissen die derart Fra­genden von vorn­herein, was sie, wenn über­haupt, aus Wien, Inns­bruck und Bozen gege­be­nen­falls zur Antwort erhalten, nämlich dass „die einst tren­nenden Grenzen seit dem EU-Bei­tritt Öster­reichs nicht mehr wahr­nehmbar, ja sogar über­wunden“ seien und sich die „Lan­des­einheit durch EUro­päi­sierung ver­wirk­lichen“ lasse, was insti­tu­tionell bereits in der „Euregio Tirol Süd­tirol Trentino“ bzw. dem  „Euro­päi­schen Verbund für ter­ri­to­riale Zusam­men­arbeit“ (EVTZ) seinen Aus­druck finde. Kol­lek­ti­verfah­rungen im Zusam­menhang mit Grenz­schlie­ßungen wegen der Abwehr des Flücht­lings­zu­stroms respektive mit Grenz­kon­trollen auf­grund der Corona-Pan­demie strafen der­artige poli­tische Beschö­ni­gungen ebenso Lügen wie der Blick auf die unver­kennbare Rena­tio­na­li­sierung der Staa­ten­ge­mein­schaft EU, deren Mons­tro­sität, Ent­schei­dungs­schwäche und Kraft­lo­sigkeit als inter­na­tio­naler Akteur.

Ver­ei­ni­gungen wie Schützen (SSB), Hei­matbund (SHB) und deutsch­ti­roler Land­tags­op­po­sition halten indes daran fest, immer wieder– und in diesem Gedenk-Herbst umso mehr – das völ­ker­rechts­widrige Zer­reißen Tirols und die stete Ver­wei­gerung der Selbst­be­stimmung ins Gedächtnis zu rufen. Bei­spielhaft und aller Ehren wert sind in diesem Zusam­menhang das „Kennt­lich­machen  der Mitte Tirols“ durch einen geweihten Mar­kie­rungs­stein, den der Schüt­zen­bezirk Brixen in unmit­tel­barer Nähe des Schutz­hauses „Latz­fonser Kreuz“ im Gebirge auf Gemein­de­gebiet von Klausen errichtete, sowie die von Trient bis Wien orga­ni­sierte Pla­kat­aktion des SHB unter der Losung „100 Jahre Unrecht machen keinen Tag Recht“.