Das System dreht frei: Polizei ermittelt gegen Elf­jährige, weil sie sich an Anne Frank erinnert fühlte

Die „Querdenken“-Demo in Frankfurt hat ein trau­riges Nach­spiel. Eine Mutter machte ihrem Unmut über die Ein­däm­mungs­maß­nahmen gegen Covid-19 Luft. Sie mag sich in manchen Aus­drücken nicht allzu fein aus­ge­drückt haben. Was sie nicht von gewissen Poli­tikern unter­scheidet, die Demons­tranten als „Cov­idioten“ und „Nazis“ belei­digen – und das sind ja nun Angriffe „ad per­sonam“. Dagegen ist „bescheuerte Maß­nahmen“ nicht belei­digend. Die Auf­regung ent­zündet sich aber an ihrer elf­jäh­rigen Tochter. Diese habe sich mit Anne Frank ver­glichen. Unge­heu­erlich. Die Polizei ermittelt.

Ein neuer Moralts­unami schwappt durch die Gazetten, ein neuer Empö­rungs­dar­stel­lungs­wett­bewerb wird aus­ge­rufen. Wer kann sich am beein­dru­ckendsten aufregen?

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„Dass eine Elf­jährige ihren Geburtstag unter coro­nabe­dingten Ein­schrän­kungen auf einer ‚Querdenken‘-Demonstration mit der Lage des jüdi­schen Mäd­chens Anne Frank im Zweiten Welt­krieg ver­glichen hat, ist nun ein Fall für die Staats­an­walt­schaft. Die Polizei habe den Sach­verhalt und die Doku­men­tation am Diens­tag­morgen zur Prüfung an die Staats­an­waltschaft wei­ter­ge­geben, sagte ein Sprecher. Diese müsse klären, ob ein Straf­tat­be­stand vorliegt.“

Das Mädchen las von ihrem Zettel ab:

„Ich war unendlich traurig darüber, doch meine Eltern haben auch dafür eine Lösung gefunden. Wir mussten die ganze Zeit leise sein, weil wir sonst viel­leicht von unseren Nachbarn ver­petzt worden wären. Ich fühlte mich wie bei Anne Frank im Hin­terhaus, wo sie mucks­mäus­chen­still sein mussten, um nicht erwischt zu werden, aber ich war auch sehr froh, dass ich meinen Geburtstag über­haupt feiern durfte.“ 

Es ist ein Unter­schied, ob ich sage: „ich bin eine heutige Anne Frank“ – oder ob sie sich an eine Situation erinnert fühlte, die sie in der Schule aus den Tage­bü­chern der Anne Frank gelesen hatte.

Es geht hier aus­schließlich ganz spe­zi­fisch um die Situation, dass man im Hin­terhaus mucks­mäus­chen­still sein muss, dass die Nachbarn einen nicht anschwärzen. An diese Situation fühlte sich das Mädchen ERINNERT. Nicht mehr. Und das ist ja wirklich eine unglaub­liche Situation.

Noch vor einem Jahr hätte sich niemand von uns träumen lassen, dass wir so etwas erleben müssen. Das ist schon alles ein extrem gespens­ti­sches Sze­nario. Man muss heute tat­sächlich Angst haben, dass über Nacht die Block­wart­ment­a­lität wilde Urständ feiert. Man muss wieder leise sprechen, wenn man etwas Uner­wünschtes sagt und man überlegt sich dreimal, was man sagt. Man achtet sorg­fältig darauf, was man in irgend­welche Sozialen Medien schreibt. Tritt einem schon morgen die Polizei die Türe ein, weil man etwas „Coro­na­kri­ti­sches“ gesagt oder geschrieben hat? Hat Nachbar X gesehen, wie ich draußen mit Nachbar Y viel­leicht nur 1,30 Meter aus­ein­ander gestanden habe, statt min­destens 1,50 Meter?
So etwas sollte es in einer freien Demo­kratie nicht geben.

Jetzt stehen Vor­würfe wegen „Anti­se­mi­tismus und Rela­ti­vierung des Holo­causts im Raum“, weil ein Mädchen sich an eine bestimmte Situation aus dem Leben von Anne Frank „erinnert“ fühlte!?
Deutschland ist einfach ver­rückt geworden.

Gott­seidank gibt es immer noch Gesetze aus Zeiten, in denen das Leben noch normal war. Die Staats­an­walt­schaft hat bekannt­ge­geben, von einem Ermitt­lungs­ver­fahren abzu­sehen. Die Prüfung des Falls habe keine hin­rei­chenden Anhalts­punkte für ein straf­bares Ver­halten ergeben, sagte ein Sprecher der Karls­ruher Behörde am Dienstag. Abge­sehen davon, dass das Kind selbst straf­un­mündig sei, werde auch nicht gegen die Eltern ermittelt, sagte der Sprecher.

Damit ist es bei den Auf­ge­regten aber nicht vorbei. Jetzt werden die Eltern ins Faden­kreuz gerückt. Auf Facebook geht die wilde Luzie unter den Empö­rungs­dar­stellern ab: „Lars Golly ver­mutet, dass das Kind wohl von den Eltern dazu gedrängt wurde, ‚da ein Kind solch einen Ver­gleich in dem Alter kaum ziehen kann‘. Eine Meinung, die viele teilen: Kein Kind komme alleine auf die Idee, sich mit Anne Frank zu ver­gleichen, so Nut­zerin ‚Spitz Maus‘. Auch Sonja Teschow und Naike Juchem sind dieser Auffassung.“

Und eine Bianca Zum­tobel findet, dass für Kinder in solchen Fällen die eigenen Eltern gefähr­licher sind als die momentan gel­tenden Corona-Regeln. Für Bettina Kissau ist der Vorfall ein Beweis, “dass diese soge­nannten Quer­denker nicht ganz unge­fährlich sind”. Moni Drechsler denkt an die Zukunft des Kindes und fragt sich, wie sich das Mädchen wohl in fünf Jahren fühlen wird. Da werden wieder Feind­bilder bedient, und es fehlt nur noch die For­derung, die Eltern ein­zu­sperren und das Kind aus der Familie zu holen.

Und: Doch, ja, ein Kind kommt auf so eine Idee. Eine Elf­jährige kann sehr wohl in der Schule schon das Dritte Reich im Geschichts­un­ter­richt behandelt haben. Das Tagebuch der Anne Frank wird sehr gern dazu ver­wendet, den Kindern nach­fühlbar und nach­er­lebbar zu ver­mitteln, wie sich der Alltag in einer Dik­tatur anfühlt. Die Kinder können sich mit dem jungen Mädchen iden­ti­fi­zieren, sie können sich in Anne Franks Lage ver­setzen und die ständige Angst, das Belau­er­t­werden, die Repres­salien, das ekel­hafte Denun­zi­an­tentum der dama­ligen „poli­tisch Kor­rekten“, das Sich-Umsehen, all das können sie durch Anne Franks Auf­zeich­nungen nach­er­leben. Eben auch das Leise-sein-müssen, um nicht ver­pfiffen zu werden.

Und damit sind wir beim Kern des Problems.

Eine Elf­jährige hat noch die gedank­liche Unschuld. Sie hat noch keine PC-Scheren im Kopf. Sie erlebt so eine Situation, und es erinnert sie direkt an die Beschreibung von Anne Frank.

Ein Kind kann nicht beur­teilen, ob das poli­tisch ange­bracht ist. Ob „man“ das sagen darf. Sie hat es einfach so emp­funden, denn sie hat nun einmal die gleiche Situation erlebt, das war ja tat­sächlich so. Was damals alles sonst noch Schreck­liches pas­siert ist, das kann eine Elf­jährige nicht ein­ordnen. Und schon gar nicht hat das Mädchen damit etwas Anti­se­mi­ti­sches gemeint oder den Holo­caust ver­harm­losen oder leugnen wollen.

Der ganze Sturm im Was­serglas ist deshalb so eska­liert, weil das Kind etwas benannt hat, was niemand hören will. Wie das Kind, das ruft „Aber der Kaiser ist doch nackt!“