Bild: Wikipedia, via https://www.flickr.com/photos/37527185@N05/50812356151, Tyler Merbler

Der Sturm auf‘s Kapitol: Drei­einhalb Jahre Haft für den QAnon-Schamanen

Er ist das Gesicht des Sturmes auf das Kapitol am 6. Januar. Kein Bericht, bei dem er nicht auf dem Titelfoto prangte, der bärtige Mann mit der blanken, wol­ligen Brust, der dicken Sil­ber­kette, Leder­jacke, übersät mit Tattoos, einer stam­mes­mä­ßigen Büf­felhorn-Fell­mütze und der ame­ri­ka­ni­schen Flagge auf‘s Gesicht geschminkt. Für die globale Presse war sein pit­to­reskes Aus­sehen unbe­zahlbar: Seht her, was für welt­fremde, durch­ge­knallte Irre die Trum­pisten doch sind. Für die Trump-Anhänger war er ein Agent der Antifa, der bezahl­ter­maßen die Fans von Donald Trump in die Irren-Ecke ver­frachten sollte. Niemand kannte offenbar die schil­lernde Erscheinung wirklich. Zumindest lernen ihn jetzt seine Mit­häft­linge drei­einhalb Jahre lang kennen.

Jacob Chansley (Jacob Anthony Angeli Chansley), der QAnon Schamane wird natürlich im Wiki­pedia  als Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker geführt. Wiki­pedia zufolge absol­vierte er das Glendale Com­munity College, wo er sich in Psy­cho­logie, Religion, Phi­lo­sophie und Töpfern betä­tigte und bildete. Und er war bei der Navy, wo er auf einem Flug­zeug­träger diente. Er hat einige Medaillen ver­dient, ein­schließlich der „Global War on Ter­rorism Service Medal“. Und er hat zwei Bücher geschrieben, eines davon über den „Deep State“. Er machte auch ein paar Videos zu Dingen, die man als „Ver­schwö­rungs­theorien“ bezeichnet.

Am 5. November 2016, zwei Tage nach der Wahl von Mr. Donald Trump zum US-Prä­si­denten, erschien Jacob Chansley in seinem Aufzug auf einer Demo, die Q‑Flagge um sich dra­piert und hielt ein Schild „Q hat mich gesandt!“-Schild in die Höhe.

Bild: Wiki­media Commons, TheUnseen 011101, gemeinfrei

Er posierte beim Sturm aufs Kapitol am Platz des Vor­sit­zenden, spannte seinen Bitzeps und posierte für Fotos, die durch die sozialen Medien gingen. Nicht alle Fans aus dem Trump-Lager fanden das gut. Viele miss­trauten den allzu pla­ka­tiven Auf­tritten und seinem eigenen Per­so­nenkult und hielten ihn für einen „agent pro­vo­cateur“ der Antifa.

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Der US-ame­ri­ka­nische Rechts­anwalt, Poli­tiker und Repu­bli­kaner Matt Gaetz ist Abge­ord­neter im Kon­gress, wo er diese Behauptung noch einmal bestärkte:

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„Some of the people who breached the Capitol today were not Trump sup­porters,” he said. “They were mas­que­rading as Trump sup­porters and in fact, were members of the violent ter­rorist group antifa.“

(„Einige der Leute, die heute das Kapitol erstürmt haben, waren keine Trump-Anhänger“, sagte er. „Sie gaben sich als Trump-Anhänger aus und waren tat­sächlich Mit­glieder der gewalt­tä­tigen Ter­ror­gruppe Antifa.“)

Viele Nutzer der Sozialen Medien wollen auch Tattoos an einigen der Ein­dring­linge ins Kapitol gesehen haben, die ein­deutig sta­li­nis­tisch-kom­mu­nis­ti­scher Prägung seien. Man habe auch Busse mit diesen Antifa-Leuten vor­fahren sehen, von der Polizei eskor­tiert. Diese seien dann unge­hindert eben­falls ins Kapi­tol­ge­bäude hin­ein­mar­schiert. Als Erken­nungs­zeichen unter­ein­ander hätten diese Leute Trump-Baseball-Caps falsch herum getragen. Außerdem hatten sie schwarze Ruck­säcke, wie Antifas sie haben – und keine rot-weiß-blauen, wie die Trump-Fans.

Ein pen­sio­nierter Mili­tär­of­fizier behauptete in der alt­ehr­wür­digen „Washington Times“ damals: “Die Firma XRVision ver­wendete ihre Software zur Gesichts­er­kennung von Demons­tranten und fand bei zwei Antifa-Mit­gliedern aus Phil­adelphia eine Über­ein­stimmung mit zwei Männern. Die im Senatssaal waren. XRVision hat auch einen anderen Mann iden­ti­fi­ziert, von dem zwar nicht bekannt ist, dass er Antifa-Ver­bin­dungen hat, aber jemand ist, der bei Klima- und Black Lives Matter-Pro­testen an der West­küste auftaucht.

So ganz aus der Luft gegriffen scheinen die Vor­würfe also nicht zu sein, dass damals, am 06. Dezember auch eine False Flag der extrem linken, gewalt­be­reiten Antifa durch­ge­zogen wurde. Natürlich spielte das bei der Gerichts­ver­handlung gar keine Rolle.

Ein­und­vierzig Monate Haft wegen “Behin­derung des Betriebes von Kon­gress­ab­läufen” warten auf den 34-Jäh­rigen, drei Jahre und fünf Monate. Laut Gesetz hätten ihm 20 Jahre Haft blühen können. Da er aber weder Gewalt­taten beging noch Sach­be­schä­di­gungen, for­derte das Jus­tiz­mi­nis­terium nur eine Strafe von 51 Monaten. Und auch das begrün­deten sie mit der  füh­renden Rolle, die der QAnon-Schamane bei der Stürmung ein­ge­nommen habe. Die Gerichte haben genug zu tun mit den Stürmern; 570 Men­schen waren ver­haftet worden, gegen ca. 664 wurde Anklage erhoben.