Die Villa Berlin-Wannsee, bekannt als das Haus der Wammseekonferenz. WIkimedia Commons, A.Savin, Bildlizenz: CC BY-SA 3.0

Öster­reich: Ver­gan­gen­heits­be­wäl­tigung absurd – Anna Dobler wegen Tweet zur Wann­see­kon­ferenz auf Twitter gefeuert (+Video)

Sie sind schon lie­bens­würdig, unsere Nachbarn im schönen Öster­reich. Man geht dort im All­ge­meinen etwas lockerer mit emp­find­lichen Themen um als die Piefkes hier im Nord­westen. Aber man ist auch schnell grob. Anna Dobler, eine bekannte Jour­na­listin, hat sich wohl etwas ver­schätzt, als sie in einen Tweet zu dem im öster­rei­chi­schen Fern­sehen gesen­deten Film zur berüch­tigten „Wann­see­kon­ferenz“ twit­terte: „Das waren nicht nur Mörder, sondern auch durch und durch Sozia­listen“. Als Antwort erhielt sie per Twitter ihren Raus­schmiss vom Arbeit­geber. 

Der Fern­sehfilm zeigt die „Wann­see­kon­ferenz“, eine Zusam­men­kunft im Jahr 1942, bei der die Natio­nal­so­zia­listen die ent­setz­liche „End­lösung der Juden­frage“ besprachen. Der Mas­senmord an den jüdi­schen Deut­schen und Juden in den von der deut­schen Armee besetzten Gebieten ist DAS zen­trale Thema der deut­schen Geschichte und auch in Öster­reich ein absolut neur­al­gi­scher Punkt. Hier der Trailer der Sendung:

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Anna Dobler war stell­ver­tre­tende Chef­re­dak­teurin bei dem Online­medium „Exx­press“, das poli­tisch der ÖVP nahe­steht. Chef­re­dakteur Richard Schmitt hatte seine Kol­legin zuvor auf­ge­fordert, ihren Tweet zu löschen, dem Frau Dobler auch nachkam. Dann setzte er nach und anstatt, wie sich das gehört, der Kol­legin form­ge­recht zu kün­digen und die Sache zurück­haltend und wie üblich abzu­wi­ckeln, erfuhr Anna Dobler ihren Raus­schmiss auf Twitter.

Stil­loser geht’s nicht mehr, aber wundern tut’s auch nie­manden. Bei diesem Thema springen sofort überall alle Alarm­lampen an und die Sirenen heulen auf. Man wollte wohl, wie das heute üblich ist, umgehend das absolute Maximum an Distan­zierung und Empörung prä­sen­tieren und das natürlich öffentlich. Wer sich in diesem Zusam­menhang nicht genug Mühe gibt, wird schon der heim­lichen Zustimmung und als Nazi­sym­pa­thisant ver­dächtigt. Es ist sozu­sagen die Hyper­bo­li­sierung des latei­ni­schen Sprich­wortes „Qui tacet, con­sentire videtur“ – wer schweigt, scheint zuzustimmen.

Die Her­aus­ge­berin des Exx­press, Eva Schütz, schrieb zusammen mit Chef­re­dakteur Richard Schmitt in einer Stellungnahme:

„Nein, die Natio­nal­so­zia­listen, die den Holo­caust planten und aus­führten, waren keine ‚Sozia­listen‘, wie Anna Dobler dies in ihrem Posting nach­weislich falsch behauptet hat. Wir wollen nicht, dass unsere Redaktion, unser ganzes Team auch nur mit dem geringsten Ver­dacht einer mög­lichen Rela­ti­vierung des Natio­nal­so­zia­lismus belastet wird. Wir wollen nicht, dass Sozi­al­de­mo­kratie derart falsch beschuldigt wird, wir wollen nicht, dass gute Freunde aus der Sozi­al­de­mo­kratie per Tweets gekränkt werden. Und wir werden auch stets falsche Aus­sagen richtig stellen. Wir wollen auch nicht, dass Redak­teure mit dieser Meinung bei uns weiter ihren Dienst ver­sehen. Der Exx­press trennt sich hier von Anna Dobler.“

Frau Doblers Beteue­rungen, sie wisse sehr wohl den Unter­schied zwi­schen Sozia­listen und Sozi­al­de­mo­kraten zeugt davon, dass sie das Problem nicht wirklich ver­standen hat. Sie quit­tierte die  regel­widrig öffent­liche Twitter-Kün­digung eben­falls auf Twitter mit einem „OK. Wow.“

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Dann schrieb sie noch dazu, sie habe den Tweet auf Bitten Herrn Schmitts ja gelöscht, weil es ja umstritten sei, ob die Nazis „durch und durch“ Sozia­listen gewesen seien, führte aber an, dass es aus­rei­chend Belege für sozia­lis­tische Ten­denzen innerhalb des Natio­nal­so­zia­lismus gegeben habe.

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„Grund­sätzlich ist es eine ganz normale Fragestellung,ob die Ideen der Nazis sozia­lis­tische Ten­denzen auf­ge­wiesen haben. Ich habe nie eine Ver­bindung zur Sozi­al­de­mo­kratie her­ge­stellt und würde das auch nie tun. (…) Ich hab nur auch mit­be­kommen, dass ich ange­zeigt worden bin des­wegen. Ich bin mir sehr sicher, dass das keine straf­rechtlich rele­vante Aussage war, weil sozia­lis­tische Struk­turen innerhalb des Natio­nals­zia­lismus (zB Kol­lek­ti­vierung) auch ganz normal aka­de­misch dis­ku­tiert werden.“

Das stimmt zwar und die Nazis haben sich auch nicht aus Unwissen Natio­nal­so­zia­listen genannt. Doch es gilt als aus­ge­macht, dass diese Namens­gebung nur darauf abge­zielt habe, die linke Arbei­ter­schaft damit zu ködern: „Wahr ist, dass die Natio­nal­fa­schisten der Nazi­partei NSDAP um Adolf Hitler mit sozia­lis­ti­scher Bild-Sym­bolik ver­suchten, die links­affine Arbei­ter­schaft für den soge­nannten ‚Natio­nal­so­zia­lismus‘ der deut­schen Natio­nal­fa­schisten zu begeistern.“

Daher habe man in der NSDAP auch diese sozia­lis­tische Sprache und Sym­bolik in Bild und Wort gepflegt. Inter­es­san­ter­weise wettern die Sozia­listen gerne, die Natio­nal­so­zia­listen als Sozia­listen zu bezeichnen sei eine dre­ckige Lüge, die gerne und immer wieder in rechts­extremen Milieu bemüht wird, um linke Gruppen oder Ein­zel­per­sonen mit der Ideo­logie des Natio­na­lismus gleich­zu­setzen und somit dif­fa­mierend zu diskreditieren.“

Also, das heißt: Das rechts­extreme Milieu, das gemeinhin als Nazis titu­liert wird (und sich ja auch tat­sächlich als Nach­folger der dama­ligen Natio­nal­so­zia­listen sieht), stellt die Natio­nal­so­zia­listen (also sich selbst) als Sozia­listen (die sie ja hassen) hin, um die Sozia­listen als Natio­nal­so­zia­listen zu belei­digen und dif­fa­mieren. Ein inter­es­santer Aspekt.

Das absurde Theater geht aber noch weiter. Frau Dobler wehrt sich ent­schieden gegen Geschichts­re­vi­sio­nismus und greift dann, wie viele, die ins Visier der Tugend­wächter geraten, zu dem Argument, man könne ja gar kein Nazi sein, weil irgendeine Urgroß­tante unter den Nazis gelitten habe. So zieht auch Frau Dobler in ihrem hek­ti­schen Abwehr­kampf diese Karte: „Ich ver­wehre mich auch aus­drücklich, mich in die Nähe von Geschichts­re­vi­sio­nismus rücken zu lassen. Meine Urgroß­eltern mussten wegen der Nazis ihre Spe­dition auf­geben. Ich habe die Nazis klar als das bezeichnet was sie waren: Mörder.“

Diese ganze Auf­führung ist von A bis Z einfach nur peinlich. Der aus­lö­sende Tweet Frau Doblers war dumm und instinktlos und die dar­auf­fol­genden Kas­kaden von wech­sel­sei­tigen Distan­zie­rungen und Empörung-Auf­füh­rungen ebenso durch­sichtig wie auch vorhersehbar.