Bild: Ausschnitt Screenshot der Titelseite von Titanic-Magazin.de vom 17.10.17

Ist das noch Satire? — Nazis und Babyhitler

So reagieren deutsche Sati­riker auf das Wahl­er­gebnis in Österreich. ’

(Ein Gast­beitrag von Markus Franz)

Der öster­rei­chische Wahl­ge­winner und Außen­mi­nister Sebastian Kurz wurde vom deut­schen Satire-Magazin Titanic als „Baby-Hitler, den man nun endlich töten darf“, bezeichnet. Die Zeit­schrift erkennt im Sieg von Kurz die Mög­lichkeit einer Art Zeit­reise, mittels derer man Hitler als Kind (das nämlich er, Kurz, sei) umbringen könnte. Am Tag nach der Wahl  stellte Titanic eine ent­spre­chende mit Faden­kreuz ver­sehene Foto­montage online.

Jen­seits des Humors

Der Anstand und der Haus­ver­stand sagt einem jeden halbwegs zivi­li­sierten Men­schen, dass hier eine Grenze über­schritten wurde, die auch von der Satire als Gattung nicht ver­lassen werden darf. Der große deutsche Sati­riker Kurt Tucholsky meinte zwar einmal, dass der Satire alles erlaubt ist, aber auch in seinem dama­ligen Artikel war keine Rede davon, dass Mord­aufrufe in diesem „alles“ ent­halten sind. Das liegt ver­mutlich daran, weil Tucholsky in einer Zeit lebte, die von der begin­nenden braunen Gewalt geprägt war. Heutige Titanic-Schrei­ber­linge wissen offenbar über die neuere deutsche Geschichte nicht wirklich Bescheid, sonst würden sie solche „Stories“ und Bilder wie das von „Baby-Hitler Kurz“ wohl nicht bringen.

Was ist Satire über­haupt genau?

Satire wird in der offi­zi­ellen Defi­nition des Duden so erklärt: Sie ist eine „Kunst­gattung, die Per­sonen und Zustände durch Über­treibung, Spott und Ironie der Lächer­lichkeit preisgibt und mit scharfem Witz geißelt„. Von (wenn  auch noch so „witzig“ gemeinten) Mord­auf­rufen und Tötungs­emp­feh­lungen steht dort genauso wenig wie bei Tucholsky.

Deutsch­lands „Sati­riker“ im Fettnapf

Im Jahre 2016 hatte Deutschland die letzte große Satire-Krise: Der Mode­rator Jan Böh­mermann hatte in einer „Schmäh­kritik“ den tür­ki­schen Staatschef Erdogan der Sodomie und ver­schie­dener anderer ungus­tiöser Prak­tiken geziehen und wurde dar­aufhin von Erdogan geklagt. Die Klage und die Schmäh­schrift fanden damals großen Widerhall in allen Medien und landauf, landab wurde dis­ku­tiert, ob poli­tische Satire Grenzen haben soll oder nicht. Gewalt­aufrufe waren aber auch damals nicht das Thema. Und man mag den Beitrag von Böh­mermann als ent­behrlich oder köstlich emp­fingen, als derb oder gelungen, er bewegte sich immerhin im Rahmen der oben genannten Satire-Definition.

Eine neue „Qua­lität“

Der jetzige Titanic-Artikel über Sebastian Kurz hat aber eine ganz andere Qua­lität: Hier wurde die zur Satire gehörige Schmähung und der scharfe, unflätige Witz durch eine implizite kör­per­liche Drohung ersetzt und trotzdem als eine „Satire“ ver­kauft. Die deut­schen Jour­na­listen haben damit ihre geschützte Werk­stätte ver­lassen und sich in juris­tisch gefähr­liche Gewässer manö­vriert. Die Behörden sind bereits an der Sache dran, das Magazin wurde bereits angezeigt.

Schauen wir aber noch einmal zum Prä­ze­denzfall  Böh­mermann. Der bekannte deutsche Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Stefan Neuhaus hat damals eine Analyse ver­fasst, worum es bei einer Satire grund­sätzlich geht. Er schrieb 2016 in seinem Artikel:

„Zum Über­trei­bungs­gestus der Satire gehört bereits seit Kurt Tucholsky, dass sie, mit einem juris­ti­schen Begriff gesagt, Per­sonen der Zeit­ge­schichte der Lächer­lichkeit preisgibt, lustvoll und ohne Rück­sicht auf Tabus.

Wichtig ist fest­zu­halten: Die Her­ab­setzung bezieht sich nicht auf die Person, sondern auf das, wofür sie steht. Die reale Person wird zur lite­ra­ri­schen Figur, zur Reprä­sen­tantin des ‚Schlechten‘. Zugleich wird die Her­ab­setzung min­destens doppelt als Lite­ratur, also als Kunst mar­kiert, denn die Satire wird sichtbar durch den Tabu­bruch einer­seits und die Komik, mit der dieser Tabu­bruch geschieht, andererseits.

Aller­dings kann man Satire nur dann ver­stehen, wenn man in der Lage ist, die Rah­mungen, die die Satire als Satire mar­kieren, zu erkennen und die Komik des Tabu­bruchs wahrzunehmen.

Wer diese beiden basalen Zuord­nungs­vor­aus­set­zungen nicht kennt, kann Satire nicht ‚lesen‘ und wird gegen sie oppo­nieren – dies ist aller­dings eine gewollte Pro­vo­kation. Denn die Satire wird, ins­be­sondere als poli­tische Satire, immer auch getragen von der auf­klä­re­rischeund post­auf­klä­re­ri­schen Absicht, zur Freiheit erziehen zu wollen.“

Die inkri­mi­nierte Titanic-Story passt nicht in diese Rah­mungen. Damit ist klar, dass die auf Sebastian Kurz gemünzte „Satire“, in der er als ein zu tötender Baby-Hitler dar­ge­stellt wird, defi­nitiv keine Satire ist, sondern – ja was eigentlich? Ein straf­bares Delikt? Eine ein­deutige Mord­drohung? Oder ist die Geschichte einfach nur ein unsäg­licher ver­baler Mist, der dem sichtlich schwer erkrankten linken deut­schen Humor ent­sprungen ist? Jeden­falls kann man für diesen weit jen­seits der Pein­lichkeit ange­häuften jour­na­lis­ti­schen Dreck nicht einmal mehr Ver­achtung auf­bringen. Und das will ange­sichts einer generell erbärmlich gewor­denen Qua­lität der heu­tigen Satire wirklich etwas heißen.

 

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