Limburg, von der Lahn aus gesehen, Bild: Pixabay
Islamismus & Terror

„Bischof Bling-Bling“ und die Kostentransparenz: Der Fall Tebartz-van Elst und die Folgen

29. Dezember 2017

Anfang des Jahres 2014 in dem hübschen Städtchen Limburg an der Lahn. Bei schönem Wetter tummeln sich in den idyllischen, von hübschen Fachwerkhäusern eingerahmten Gässchen Touristen. Viele kleine Läden mit Kunsthandwerk, Handgeschneidertem und Besonderem und Café Will, das älteste Café am Platz, laden zum Einkaufsbummel und Kaffee und Kuchen ein. Ich liebe diese kleine Stadt, die nicht weit von unserem Dörfchen entfernt liegt. Sie sieht aus wie aus einem Bilderbuch.

Das älteste Café am Platze, das Café Will. Es gibt aber mehr als ein Dutzend süße, alte Cafés in Limburg, eins kuschliger als das andere.

Die Attraktion ist jedoch der mitten in der Altstadt liegende Dom Limburgs. Er entstand in einer Zeit, in der die großen, reichen Bistümer steinerne, gotische Kirchen in der neuen, himmelsstürmenden Bauweise errichten ließen. Die Zeit, wo der berühmte Bund der „Freimaurer“ entstand und nach vollkommen neuen Prinzipien diese für die damalige Zeit geradezu überirdisch wirkenden, lichtdurchfluteten Dome erschufen.

Das Bistum Limburg hatte nicht soviel Geld. Der beauftragte Baumeister kannte die neue Bauweise nicht. Er entwarf ca. 1180 einen Dom, der auf der alten Baukunst der Romanik aufsetzte und holte aus diesen Möglichkeiten das Äußerste heraus. Es entstand ein Kunstwerk, das seinesgleichen sucht. Was schlicht „spätromanische Baukunst“ genannt wird, ist eine wunderschöne Kathedrale, die schon die überschlanke, feingliedrige, verschachtelt-aufstrebende Anmutung der Gotik zu verwirklichen sucht und damit den bodenständigen Baustil der Romanik an die physikalischen Grenzen treibt. Eine wunderschöne Kathedrale, innen reich ausgeschmückt mit Malereien. Es ist ein so harmonisch-perfektes Bauwerk und so typisch deutsch, dass es zwischen 1964 und 1992 auf der Rückseite des 1000 DM-Scheines abgebildet war.

Der Limburger Dom, ein Schmuckstück der Spätromanik oder frühester Gotik. Fachleute nennen das den „rheinischen Übergangsstil“. Innen ist er noch schöner.

 

2008 war ein neuer Bischof in Limburg eingezogen. Franz-Peter Tebartz-van Elst war der jüngste Diözesanbischof Deutschlands, galt als intellektuell und aufstrebend. Er war sehr konservativ und liebte Prunk und Präsentation. Aber schon im Juni 2009 gab es einen gemeinsamen, offenen Brief der Seelsorger, den bald jeder im Bistum kannte. Unter dem Titel „Aufschrei von Seelsorgern im Bistum“ wurden darin „Hochglanzkitsch“, „selbstverliebte Rituale“, „leere Worthülsen“, „klerikaler Dünkel“ angeprangert und dass Tebartz-van Elst sich eine Hofschranzen-Entourage von „Nachbetern und Kopfnickern“ herangezüchtet habe. Der Bischof antwortete nicht und stellte sich keiner Diskussion. Er war bald bekannt dafür, Leute, die ihm widersprachen oder einfach nur politisch nicht passten, ohne jede Anhörung oder arbeitsrechtliche Vorschriften zu beachten nach Belieben feuerte. Es kristallisierte sich auch heraus, dass mittels fragwürdiger Zeugenaussagen und „arbeitsrechtlicher Tricksereien“ Mitarbeiter der Diözese entlassen wurden, die Einblick in die Finanzen des bischöflichen Stuhls hatten, und nicht zum inneren Amigo-Kreis des Bischofs gehörten.

Der ungeliebte, selbstherrlich- arrogante Bischof wurde zum Dauerthema im Bistum Limburg. Priester kritisierten ihn in ihren Predigten von der Kanzel – unter tosendem Beifall der Gemeinde. Die christlichen Jugendverbände verpassten dem stets mehr oder weniger „overdressten“ Bischof den Namen „Bischof Bling-Bling“ (so nennen Jugendliche die viel zu vielen und zu protzigen Schmuckstücke, die prominente Rapper zur Selbstdarstellung tragen). Bei einem Ausflug junger Christen mit dem Bus, bei dem der Bischof teilnehmen und als Letzter den Bus besteigen wollte, wurde ihm die Bustür vor der Nase zugemacht und der Bus fuhr ohne ihn ab, mit fröhlich johlenden Jugendlichen.

Sein erster, bundesweit in den Medien verbreiteter Skandal war der Flug nach Bangalore in Indien, um dort mit seinem Vertrauten, Generalvikar Kaspar, ein soziales Projekt zu besuchen. Sie buchten zwar einen Business Class Flug, stuften diesen aber mit gesammelten Bonusmeilen des reisefreudigen Bischofs auf Erster-Klasse-Flüge hoch. Als der Spiegel davon berichten wollte, versuchte der Bischof, eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung wegen Falschdarstellung zu erwirken und gab zwei Mal eine Versicherung an Eides statt ab. Nachdem der Spiegel eine Filmaufnahme des Gespräches veröffentlichte, zog das Bistum seinen Antrag auf Unterlassung zurück. Im September 2013 beantragte die Staatsanwaltschaft Hamburg einen Strafbefehl gegen Bischof Tebartz-van Elst wegen falscher Versicherung an Eides statt in zwei Fällen. Der Bischof erwirkte gegen eine Geldbuße von 20.000 Euro eine Einstellung des Verfahrens.

Während dieser Zeit kochte jedoch schon der nächste, letzte und fulminanteste Skandal des Bischofs Bling-Bling hoch.

Bischof Tebartz van Eltz, Bildquelle: Flickr. com, Christliches Medienmagazin pro

 

Schon 2004, vor der Inthronisation des Bischofs Tebartz-van Elst, gab es Pläne, das Bischofshaus in der alten Vikarie gegenüber dem Limburger Dom zu renovieren, bzw. teilweise zu erweitern und neu zu bauen. Unter der Ägide des neuen Bischofs begann 2007 die Planung des Neubaus. Der Bischof brachte ständig neue Wünsche ein und das Bauvorhaben wurde immer größer und teurer. Die Regionalzeitungen brachten immer neue Berichte und der Unmut der Bürger wuchs proportional zu dem Bauvorhaben. Schlussendlich beinhaltete das gigantische Bauprojekt nicht nur die Restaurierung und den Ausbau der alten Vikarie und der Küsterwohnung, sondern auch die der angrenzenden Stadtmauer, des Neubaus einer Bischofswohnung, einer Bischofskapelle, eines Schwesternhauses, sowie von Empfangs- und Sitzungsräumen, weiträumigen Außenanlagen und noch weiteren, nicht genau genannten Gebäuden. Von sieben Millionen Euro Baukosten war die Rede, die Aufregung unter den Bürgern groß, unter den Katholiken fingen die Kirchenaustritte an.

Das Domkapitel begrenzte die Ausgaben dann endlich auf zwei Millionen Euro. Zusätzlich kamen noch Gelder vom „Bischöflichen Stuhl“. Dieser schuldete niemandem Rechenschaft über die Ausgaben, als dem Bischof selbst und dessen Generalvikar. Niemand wusste, wie hoch die gesamten Baukosten eigentlich sein würden.

Im August 2012 wurden 5,5 Mio. Euro Gesamtkosten veranschlagt, davon 200.000 Euro für die Wohnung des Bischofs, 300.000 Euro für seine Privatkapelle, 500.000 Euro für den Verwaltungs- und Gästebereich, zwei Mio. Euro für die Sanierung der historischen Mauern und Darstellung der archäologischen Funde, sowie 2,5 Mio. Euro für die Sanierung der Alten Vikarie und des Küsterhauses. Im August 2012 sprach man von einer Kostensteigerung auf über neun Mio. Euro, rechnete aber mit weiteren „Überraschungen“.

Bei der Eröffnung des Diözesanzentrums am 29. Juni 2013 gab das Bistum Gesamtkosten von 9,85 Mio. Euro bekannt, ohne diese Kostensteigerung zu erklären.

Am 8. Oktober 2013 schrieb „Der Spiegel“ unter dem Titel „31 Millionen! Unfassbar, mir wird schlecht“, der Vermögensverwaltungsrat des Doms zu Limburg habe bekanntgegeben, man sei bei einer „verwaltungsinternen Kostenrechnung“ auf (bisherige) Gesamtkosten des Gebäudekomplexes von mindestens 31 Mio. Euro gekommen. Nicht eingerechnet seien Baunebenkosten in Millionenhöhe. Die Stadt Limburg werde ein Gutachten dazu erstellen lassen.

Aus dem Vermögensverwaltungsrat des Bistums hieß es, Tebartz-van Elst habe ein Verbot erlassen, die Gesamtkosten zu veröffentlichen und trotz mehrerer Mahnungen weder Haushaltspläne für 2012 und 2013 vorgelegt und so alle „hinter das Licht geführt“. Tebartz-van Elst sei „entweder ein raffinierter Betrüger oder krank“.

Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ rechnete die Limburger Stadtverwaltung zusätzlich zu den bisher veranschlagten 31 Millionen Euro für den Bischofssitz mit Folgekosten in Millionenhöhe. Der Grund seien Schäden in der direkten Umgebung der Residenz, die durch die Baumaßnahmen entstanden sind und von der Kirche beglichen werden müssen. Die Gesamtkosten könnten dem Vernehmen nach damit auf bis zu 40 Millionen Euro steigen.

Das Präsidium der Limburger Diözesanversammlung und der Vorstand des Diözesansynodalrates gingen nun endlich gemeinsam zum offenen Angriff über. Man warf nun dem Bischof öffentlich einen „beängstigenden Umgang mit der Wahrheit“ und „bewusste Fälschung“ in Bezug auf seine Angaben zum Bischofsbau vor. Der Bischof stehe dem kirchlichen Verkündigungsauftrag „gewaltig im Weg“. Man bat den Papst um eine Entscheidung.

 

Nun war der Skandal in den bundesweiten Medien, ja, sogar im Ausland ein Aufreger. Man fing an, die Reichtümer der deutschen Bistümer zu thematisieren. Sogar die ARD sendete ein Video, das den „Bischof Bling-Bling“ durch den Kakao zog (siehe oben). Die Kirchenaustritte erreichten neue Höhen und erhielten den Namen „Tebartz-Effekt“. Der päpstliche Stuhl war nicht glücklich. Einige Diözesen machten ihre ihre Vermögensverhältnisse öffentlich. Auch in Limburg kündigte Generalvikar Rösch an, das Bistum Limburg werde „das Vermögen, aber auch die Verpflichtungen vollständig transparent machen“.

Am 26. März 2014 gab der Vatikan bekannt, dass der Heilige Stuhl den von Bischof Tebartz-van Elst angebotenen Amtsverzicht angenommen habe. Man werde ihn zu gegebener Zeit mit einem neuen Amte betrauen. Hungern muss der geschasste Bischof aber nicht: Obwohl er nicht mehr Bischof von Limburg ist, muss ihm das Bistum etwa 5.500 Euro monatlich überweisen, weil sich das Salair für Bischöfe nach der Besoldungsgruppe B8 für Beamte in Hessen richtet. Ihm stehen 60,59% seiner letzten monatlichen Bezüge zu, was nach der Besoldungstabelle 9.145,54 Euro/Monat gewesen sein müssen. Allen Transparenzschwüren zum Trotze nennt das Bistum aber keine konkrete Summe. „Bischof Bling-Bling“ hat derweil eine neue Aufgabe als „Delegat für Katechese“ des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisation in Rom gefunden. Man hört, dass er dafür noch einmal 3000 € zusätzlich erhalte. Aber auch hier ist nichts von der versprochenen Transparenz zu bemerken.

Man atmete auf in Limburg. Eine Prüfungskommission zu den Vorkommnissen veröffentlichte einen Abschlussbericht.

Der Aufbruch zu mehr Transparenz in den Bistümern der katholischen Kirche über deren Vermögen war imposant, hat aber in den drei vergangenen Jahren erheblich an Schwung verloren. Die Milliardenschweren Bistümer sind wieder in vornehmes Schweigen versunken. 2016 erhielt die katholische Kirche sechs Milliarden Euro Kirchensteuer, die 27 deutschen Bistümer besitzen zusammen 26 Milliarden Euro. Was sie damit machen, bleibt nach wie vor ihr Geheimnis. Die „Transparenz-Offensive“ dauerte nur so lange, wie die Aufregung über den Bischof Bling-Bling noch kochte.

 

Für Interessierte:

Eine Quellen-Sammlung: „Der Fall Tebartz van Elst„:


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