Maisch­berger: Sebastian Kurz auf der “Ankla­gebank” im deut­schen Gutmenschen-TV

Der öster­rei­chische Bun­des­kanzler Sebastian Kurz musste sich bei Maisch­berger viele Fragen zur Ver­gan­genheit seines Koali­ti­ons­partners Christian Strache gefallen lassen.
(Von Dr. Rainer Zitelmann)
Man stelle sich fol­gendes vor: Als Gerhard Schröder Bun­des­kanzler war, kommt er nach Öster­reich zu einem Fern­seh­in­terview. Die Mode­ra­torin des öster­rei­chi­schen Fern­sehens wirft dem deut­schen Bun­des­kanzler vor, dass er mit den Grünen einen Koali­ti­ons­partner hat, in dessen Reihen jede Menge Ex-Funk­tionäre von KBW, KPD/AO, Revo­lu­tio­närer Kampf, KB usw. sind. Der Vize­kanzler Joschka Fischer war bekanntlich einer der füh­renden Leute beim „Revo­lu­tio­nären Kampf“. Trittin, früher beim Kom­mu­nis­ti­schen Bund (KB), war damals Umweltminister.
Ist das vor­stellbar? Auf keinen Fall. Gleiches haben wir jedoch gestern im ARD gesehen, als Kurz nicht in erster Linie wegen der von ihm selbst ver­tre­tenen Posi­tionen kri­ti­siert wurde, sondern wegen der Ver­gan­genheit von Strache. Kurz saß auf der Ankla­gebank. Ihm wurden jede Menge Zitate vor­ge­halten – aber nicht etwa Äuße­rungen, die er selbst getan hat, sondern von Mit­gliedern und Funk­tio­nären seines Koali­ti­ons­partners FPÖ.
Maisch­berger hatte eine lange Liste mit Zitaten vor­be­reitet. Aus­führlich ging es vor allem um FPÖ-Chef Christian Strache und dessen Ver­gan­genheit. Dazu gab es sogar einen Ein­spielfilm. Obwohl Maisch­berger selbst eigentlich genug kri­tische Fragen gestellt hatte, holte sie sich dann noch Unter­stützung, und zwar aus­ge­rechnet vom Links­außen der Grünen, Jürgen Trittin. Der dürfte dann eben­falls die Rolle des Anklägers spielen.
Trittin war selbst in seiner Jugend Mit­glied des Kom­mu­nis­ti­schen Bundes. Also: Da wird der Bun­des­kanzler von Öster­reich scharf kri­ti­siert, weil sein Koali­ti­ons­partner in seiner Jugend rechts­extreme Posi­tionen ver­treten hat bzw. Kon­takte zu Rechts­extre­misten hatte. Ankläger ist Jürgen Trittin, der aber selbst früher Links­extremist war. Das kam aller­dings nicht zur Sprache. Kurz war zu höflich, um das anzu­sprechen. Maisch­berger erwähnte das natürlich auch nicht.
Ich werfe nie­mandem vor, wenn er in seiner Jugend extreme Posi­tionen ver­treten hat, wenn er später einen Lern­prozess gemacht hat. Ich war früher, so wie Trittin, selbst Maoist. Ich habe mich selbst­kri­tisch damit aus­ein­an­der­ge­setzt – sehr viel deut­licher, als Trittin dies jemals getan hat. Aber in Deutschland wird mit zwei­erlei Maß gemessen: Früher Links­extremist: Das ist okay, allen­falls eine „Jugend­sünde“ (wahr­scheinlich aber gar keine Sünde). Früher ein „Rechter“: Das wird jemandem sein Leben lang vor­ge­worfen, so als ob es sich um eine unheilbare Krankheit handele.
Ich selbst sehe die FPÖ und Strache mit ihren Posi­tionen sehr kri­tisch. Aber Trittin als Ver­treter der Anklage – das ist schon absurd. An Stelle von Kurz hätte ich gesagt: „Wenn Sie Fragen zu Strache haben, laden Sie ihn bitte selbst ein. Lassen Sie uns heute über meine Posi­tionen und das Regie­rungs­pro­gramm sprechen.“
Dr. Rainer Zitelmann / TheEuropean.de