Die Pariser Erklärung — Oder: es braucht ein anderes Europa!

Eine Gruppe von 13 euro­päi­schen Gelehrten, dar­unter vier Fran­zosen und je ein Tscheche, Ungar, Pole Nor­weger, Spanier, Eng­länder, Hol­länder, Belgier und der deutsche Pro­fessor Robert Spa­emann schufen ein im Oktober 2017 ver­öf­fent­lichtes Manifest mit dem Titel:

„Die Pariser Erklärung – Ein Europa, woran wir glauben können“.

In 36 pro­gram­ma­ti­schen Punkten kri­ti­sieren die Gelehrten die globale Pro­pa­gierung eines fal­schen, uto­pi­schen Europa-Zerr­bildes und zeigen die tat­säch­lichen, wahren Wurzeln Europas auf.
Unter­schieden wird zwi­schen dem fal­schen und dem wahren Europa. Der Natio­nal­staat sei das Mar­ken­zeichen Europas. Dazu liest man unter Ziff. 7 u.a.:
„Das wahre Europa ist eine Gemein­schaft von Nationen. Wir haben unsere eigenen Sprachen, Tra­di­tionen und Grenzen. Trotzdem haben wir immer unsere gegen­seitige Zusam­men­ge­hö­rigkeit aner­kannt, selbst wenn wir im Streit mit­ein­ander lagen – oder uns gar im Krieg befanden………….“
Das falsche Europa bedrohe uns. Europa sei gefährdet durch ein fal­sches Ver­ständnis seiner selbst. Dieses falsche Europa sehe sich als Erfüllung unserer Zivi­li­sation, werde aber in Wahrheit unserer Heimat enteignet.
Die Schirm­herren dieses fal­schen Europas seien ver­zaubert von dem Aber­glauben an einen unauf­halt­baren Fort­schritt. Sie würden glauben, die Geschichte auf ihrer Seite zu haben. Dieser Glaube mache sie hoch­mütig und gering­schätzig. Sie seien unfähig, die Fehler der von ihnen selbst kon­stru­ierten post-natio­nalen und post-kul­tu­rellen Welt zu erkennen. Sie würden die christ­lichen Wurzeln Europas nicht nur igno­rieren sondern sogar ablehnen. Statt dessen würden sie große Mühe darauf ver­wenden, keine Muslime zu belei­digen, von denen sie irr­tümlich annehmen würden, dass diese begeistert seien, ihren säku­laren, mul­ti­kul­tu­rellen Stand­punkt zu teilen.
„Ver­sunken in Vor­ur­teilen, Aber­glauben und Ignoranz, geblendet von eitlen, selbst­be­weih­räu­chernden Visionen einer uto­pi­schen Zukunft, würden sie reflex­artig jede abwei­chende Meinung unter­drücken – natürlich im Namen von Freiheit und Toleranz.“
„Unsere Nationen und unsere gemeinsame Kultur werden aus­ge­höhlt durch Illu­sionen und Selbst­täu­schen darüber, was Europa ist und was es sein sollte……… Wir werden das wahre Europa ver­tei­digen, erhalten und ver­fechten, jenes Europa, dem wir in Wahrheit zuge­hörig sind.“
Die Europäer würden nicht die auf­er­legte, erzwungene Einheit eines Impe­riums suchen, im Gegenteil sei die euro­päische Welt­of­fenheit untrennbar ver­bunden mit der Aner­kennung der Vater­lands­liebe und staats­bür­ger­lichen Treue.
Das wahre Europa sei geprägt durch das Chris­tentum. Die uni­versale geist­liche Herr­schaft der Kirche habe erst die kul­tu­relle Einheit Europas ermög­licht, tat dies aber ohne poli­ti­sches Reich. Dadurch hätten letztlich auch bür­ger­liche Werte und Treue in einem geteilten Europa blühen können. Erlebe man inzwi­schen einen Nie­dergang des christ­lichen Glaubens in Europa, so gehe dieser einher mit den erneuten Ver­suchen, eine poli­tische Einheit zu schaffen – ein Imperium durch die Euro­päische Union (EU). Indessen:
„Das wahre Europa bekräftigt die gleiche Würde eines jeden Indi­vi­duums, unab­hängig von Geschlecht, Rang oder Volks­zu­ge­hö­rigkeit. Auch dies speist sich aus christ­lichen Wurzeln. Unsere Tugenden sind zwei­felsfrei christ­lichen Erbes: Gerech­tigkeit, Mit­gefühl, Gnade, Ver­gebung, Fried­fer­tigkeit, Wohl­tä­tigkeit. Das Chris­tentum hat die Beziehung zwi­schen Männern und Frauen revo­lu­tio­niert, indem es Liebe und gegen­seitige Treue in einem zuvor unbe­kannten Ausmaß als blei­bende Werte etablierte.“
Die Zukunft Europas könne nur in der erneu­erten Wert­schätzung unserer besten Tra­di­tionen liegen, nicht in einem fal­schen Uni­ver­sa­lismus, der his­to­rische Selbst­ver­ges­senheit und Ablehnung des Eigenen ver­lange. Das wahre Europa sei und würde immer eine Gemein­schaft von Nationen sein, die manchmal ver­einzelt sein mögen, aber dennoch vereint sind durch ein geis­tiges Erbe, welches sie dis­ku­tieren, ent­wi­ckeln, teilen und lieben würden. Indessen würden wir durch die Prot­ago­nisten des fal­schen Europas unsere Heimat ver­lieren. Das falsche Europa brüstet sich mit einem nie gekannten Einsatz für die mensch­liche „Freiheit“. Diese Freiheit aber sei sehr ein­seitig. Sie gebe sich selbst als Befreiung von allen Ein­schrän­kungen aus: Sexuelle Freiheit, Freiheit zur Selbst­ver­wirk­li­chung, Freiheit „man selbst“ zu sein. Die Generation der 68er sehe diese Frei­heiten als Siege gegen ein einstmals all­mäch­tiges und repres­sives kul­tu­relles Regime. Sie würden sich als die großen Befreier behaupten. Ihre Über­tre­tungen seien anzu­er­kennen als vor­nehme mora­lische Errun­gen­schaften, für welche ihnen die ganze Welt dankbar sein sollte.
„Indi­vi­dua­lismus, Iso­lation und Ziel­lo­sigkeit sind weit ver­breitet. Für die jüngere Generation von Euro­päern stellt sich die Rea­lität dagegen weit weniger glanzvoll dar. Der liberale Hedo­nismus führt oftmals zu Lan­ge­weile und einem Gefühl der Sinn­lo­sigkeit. Der Bund der Ehe ist geschwächt. In der auf­ge­wühlten See der sexu­ellen Freiheit werden die Wünsche junger Men­schen, zu hei­raten und Familien zu gründen, oftmals ent­täuscht. Eine Freiheit, die unsere innigsten Her­zens­wünsche frus­triert, wird zu einem Fluch. Unsere Gesell­schaften scheinen sich auf­zu­lösen in Indi­vi­dua­lismus, Iso­lation und Ziel­lo­sigkeit. Anstelle wahrer Freiheit sind wir zur leeren Kon­for­mität einer konsum- und medi­en­ge­steu­erten Kultur ver­ur­teilt. Es ist unsere Pflicht, die Wahrheit aus­zu­sprechen: Die Generation der 68er hat zer­stört, aber nicht auf­gebaut. Sie hat ein Vakuum geschaffen, das nunmehr mit sozialen Medien, Bil­lig­tou­rismus und Por­no­grafie ange­füllt wird.“
Inzwi­schen würden wir regu­liert und gemanagt. Poli­tiker, die unan­ge­nehme Wahr­heiten über sitt­liche Werte, den Islam oder Migration ansprechen, würden vor den Richter gezerrt. Poli­tical cor­rectness setze Tabus durch, die jede Her­aus­for­derung des Status quo als völlig unak­zep­tabel erscheinen lassen würden. Indessen: „Mul­ti­kul­tu­ra­lismus funk­tio­niert nicht.“
Das falsche Europa rühme sich eben­falls eines nie dage­we­senen Enga­ge­ments für die „Gleichheit“. Es behaupte, die Nicht-Dis­kri­mi­nierung und die Inklusion aller Völker, Reli­gionen und Iden­ti­täten zu fördern. Tat­säch­liche habe hier zwar ein gewisser Fort­schritt statt­ge­funden, aber zugleich habe sich eine uto­pis­tische Abwei­chung von der Rea­lität ein­ge­stellt. Der neue Selbst­an­spruch ver­lange von den Euro­päern die Selbst­ver­leugnung von Hei­ligen ab. Wir sollten die Kolo­ni­sierung unserer Heimat und den Verfall unserer Kultur gut­heißen in der bloßen Hoffnung auf den Nachruhm des Europas des 21. Jahr­hun­derts – ein kol­lek­tiver Akt der Selbst­auf­op­ferung im Interesse des Gelingens einer reichlich unbe­stimmten neuen glo­balen Gemein­schaft des Friedens und des Fortschritts.
„Das falsche Europa ist schwach und ohn­mächtig. Die Hybris dieses fal­schen Europas wird immer offen­sicht­licher. Obwohl seine Befür­worter nichts unver­sucht lassen, um diesen Zustand durch kom­for­table Illu­sionen zu ver­schleiern. Vor allem aber ist das falsche Europa schwächer, als irgend­jemand es sich hätte vor­stellen können. Denn Mas­sen­kultur und mate­ria­lis­tische Kon­sum­fi­xiertheit können letztlich nicht zum Erhalt der Zivil­ge­sell­schaft bei­tragen. Von höheren Idealen ent­fernt und durch die mul­ti­kul­tu­relle Ideo­logie ent­mutigt, patrio­ti­schen Stolz zu zeigen, haben unsere Gesell­schaften nunmehr große Schwie­rig­keiten, an den Willen zu appel­lieren, sich selbst zu verteidigen.“
Viele euro­päische Intel­lek­tuelle würden leider zu den Chef­ideo­logen des Grund­kon­zepts des fal­schen Europas zählen. Wo früher an den Uni­ver­si­täten ver­sucht wurde, den her­an­wach­senden Genera­tionen die Weisheit ver­gan­gener Zeit zu ver­mitteln, besteht heute nur noch ein sog. „kri­ti­sches Denken“, das im Wesent­lichen in einer ein­fäl­tigen Zurück­weisung der Ver­gan­genheit bestehe.
Unsere poli­ti­schen Klassen würden sich darum bemühen, die Men­schen­rechte voran zu bringen. Sie würden daran arbeiten, den Kli­ma­wandel zu ver­hindern. Sie würden einen weltweit zu nehmend inte­grierten Markt kon­stru­ieren, die Steu­er­po­litik har­mo­ni­sieren. Indessen gäbe es zu all dem eine Alter­native: „Die wach­sende Skepsis ist absolut berechtigt. Heut­zutage ist Europa domi­niert von einem ziel­losen Mate­ria­lismus, der unfähig scheint, Frauen und Männer zu moti­vieren, Familien zu gründen und Kinder zu bekommen. Eine Kultur der Ablehnung des Eigenen nimmt der nächsten Generation einen Teil der Iden­tität. Manche unserer Länder haben Regionen, in denen die meist mus­li­mi­schen Ein­wan­derer in einer Art infor­meller Auto­nomie unter lokalen Gesetzen leben, so als wären sie Kolo­nisten und keine Mitbürger.“
„Um den Bann des fal­schen Europas und seinen uto­pis­ti­schen pseu­do­re­li­giösen Kreuzzug für eine ent­grenzte Welt zu brechen, braucht es eine neue Art der Staats­kunst und eine neue Art von Staatsmann. Ein guter poli­ti­scher Anführer steht für das Gemein­wesen einer bestimmten Gruppe Men­schen ein. Ein guter Staatsmann erkennt unser gemein­sames euro­päi­sches Erbe und unsere nationale Tra­dition als wun­derbar und lebens­spendend an, aber ebenso als zer­brech­liche Geschenke. Er lehnt dieses Erbe nicht ab oder setzt es für uto­pische Träume aufs Spiel. Solche Poli­tiker erweisen sich der Aufgabe würdig, die ihnen ihre Bürger anver­traut haben, solche Poli­tiker gieren nicht nach dem Applaus der „inter­na­tio­nalen Gemein­schaft“, die tat­sächlich nur der PR-Abteilung einer Olig­archie ist.“
Nationale Einheit und Soli­da­rität müssen erneuert werden.
„Immi­gration ohne Assi­mi­lation isti Kolo­ni­sation und muß abge­lehnt werden. Wir dürfen zu Recht ein­fordern, dass die­je­nigen, die in unsere Länder kommen, sich auch in unsere Nationen ein­fügen und unsere Gewohn­heiten annehmen. Diese Erwartung muß durch eine fun­dierte Politik unter­stützt werden.“
Die ame­ri­ka­nische Erfahrung würde uns zeigen, dass Arbeits­plätze der beste Weg zur Assi­mi­lation seien, dass ein allzu groß­zü­giger Wohl­fahrts­staat Anpassung ver­hindere und dass umsichtige Politik manchmal die Redu­zierung von Migration gebiete, sogar eine dras­tische Redu­zierung. Wir dürften nicht zulassen, dass die Ideo­logie des Mul­ti­kul­ti­kul­tu­ra­lismus unsere poli­ti­schen Urteile darüber trübe, wie man am besten dem All­ge­meinwohl diene. Denn All­ge­meinwohl brauche nationale Gemein­schaft mit aus­rei­chender Einheit und Soli­da­rität, um ihr Wohl als all­gemein zu erkennen.
„Wir müssen mensch­liche Schwächen ver­geben können, aber Europa kann nicht erblühen, ohne die Wie­der­her­stellung des gemein­schaft­lichen Strebens nach auf­rechtem Ver­halten und mensch­licher Größe. Eine wür­de­volle Kultur ent­springt aus Anstand und Erfüllung der Pflichten auf unserem Lebensweg. Wir müssen den respekt­vollen Aus­tausch zwi­schen den sozialen Schichten erneuern, welcher eine Gesell­schaft cha­rak­te­ri­siert, die den Beitrag aller wertschätzt.“
Die Ver­fasser des Mani­festes sind der Über­zeugung, dass Europa eine Geschichte und Kultur hat, die es wert sind, erhalten zu werden.
„Unsere Uni­ver­si­täten begehen aller­dings zu oft Verrat an unserem kul­tu­rellen Erbe. Wir müssen die Studien und Lehr­pläne dahin­gehend ändern, dass sie unsere gemeinsame Kultur ver­mitteln und nicht mehr junge Men­schen mit der Kultur der Ablehnung des Eigenen indok­tri­nieren. Lehrer und Erzieher in allen Bereichen haben die Pflicht zur Erin­nerung. Sie sollten mit Stolz ihre Rolle annehmen, die Brücke zwi­schen den ver­gan­genen und kom­menden Genera­tionen zu sein. Wir müssen auch die hohe Kultur und das ästhe­tische Ideal in Europa erneuern, indem wir das Erhabene und Schöne wieder als einen gemein­samen Standard aner­kennen und die Her­ab­setzung der Kunst zu poli­ti­scher Pro­pa­ganda ablehnen……..“
Weiter liest man unter Ziff. 33 des Manifestes:
„Ehe ist das Fun­dament der Gemein­schaft und die Basis für die Har­monie zwi­schen Mann und Frau. Es ist das intime Band, welches das gemeinsame Leben und das Auf­ziehen von Kindern ermög­licht und erhält. Wir bekräf­tigen, dass es unsere wich­tigste Aufgabe in der Gesell­schaft und als mensch­liche Wesen ist, Mütter und Väter zu sein. Ehe und Kinder sind der inte­grale Bestandteil jeder Vision eines mensch­lichen Fort­schritts. Kinder fordern Opfer von denen, die sie in die Welt bringen. Diese Opfer sind edel und müssen aner­kannt und hono­riert werden. Wir fordern eine umsichtige Sozi­al­po­litik, die Ehe, Kinder und Kin­der­er­ziehung unter­stützt und stärkt. Eine Gesell­schaft, die es nicht schafft, Kinder will­kommen zu heißen, hat keine Zukunft.“
Unsere wahre Zukunft sei das Europa, in welchem wir Ver­ant­wortung über­nehmen müssen.
In den letzten beiden pro­gram­ma­ti­schen Punkten des Mani­festes 35 und 36 heißt es:
„Wir lehnen die Behauptung ab, dass es keine ver­ant­wor­tungs­be­wusste Alter­native zur künst­lichen und see­len­losen Soli­da­rität eines gemein­samen Marktes, zu einer trans­na­tio­nalen Büro­kratie und zu einem ober­fläch­lichen Enter­tainment gibt……….. Wir fordern alle Europäer auf, uns bei der Ablehnung der Phan­tas­terei einer mul­ti­kul­tu­rellen Welt ohne Grenzen zu unter­stützen. Wir lieben unsere Hei­mat­länder zu Recht und wollen unseren Kindern das wei­ter­geben, was wir selbst als unser natio­nales Erbe emp­fangen haben. Als Europäer haben wir auch ein gemein­sames Erbe und dieses Erbe fordert von uns, gemeinsam und in Frieden in einem Europa der Vater­länder zu leben. Laßt uns unsere nationale Sou­ve­rä­nität erneuern und die Würde einer geteilten poli­ti­schen Ver­ant­wortung wie­der­finden, für Europas Zukunft.“
Hier schließe ich die Ein­blicke in das Manifest „Die Pariser Erklärung – Ein Europa, woran wir glauben können“. Der Inhalt des Mani­festes ist natürlich umfang­reicher und enthält weitere Gedanken und Gesichtspunkte.