Der falsche Glanz des Exportweltmeisters

Donald Trump macht ernst. Wie im Wahl­kampf ange­kündigt, setzt er auf Zölle und Han­dels­be­schrän­kungen, um die ame­ri­ka­nische Wirt­schaft vor – wie er meint – unfairem Wett­bewerb zu schützen. Wenig kümmert es ihn, dass Han­dels­kriege am Ende nie­manden nutzen und gemein­ge­fährlich sind. In den drei­ßiger Jahren hat Pro­tek­tio­nismus ent­scheidend dazu bei­getragen, die Welt­wirt­schafts­krise zu ver­stärken. Eine Wie­der­holung kann sich niemand wünschen.
Zunehmend im Fokus der Kritik steht Deutschland. Natürlich können wir argu­men­tieren, dass wir besonders hart und gründlich arbeiten und unsere Pro­dukte sehr gut sind. Tat­sache ist jedoch, dass die Lohn­zu­rück­haltung der ver­gan­genen 15 Jahre und der schwache Eurokurs unsere Exporte deutlich ver­billigt haben. Die Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritte, der eigent­liche Maßstab für die Fitness einer Wirt­schaft, sind hin­gegen deutlich zurück­ge­gangen. Hinter der Fassade des Export­welt­meisters ero­diert in Wahrheit unsere Wettbewerbsfähigkeit.
Deut­scher Über­schuss gefährdet Weltwirtschaft
Unser Über­schuss ent­zieht anderen Ländern Kauf­kraft und Arbeits­plätze. Da sich die west­liche Welt erst mühsam von den Folgen der Finanz­krise erholt, ist es für Poli­tiker ver­lo­ckend, die Über­schuss­länder für die eigenen wirt­schaft­lichen Pro­bleme ver­ant­wortlich zu machen. Pro­tek­tio­nismus ist deshalb schon seit Jahren auf dem Vor­marsch. Italien und Frank­reich sehen sich als Opfer einer „mer­kan­ti­lis­ti­schen“ deut­schen Politik, der Inter­na­tionale Wäh­rungs­fonds (IWF) sieht in den deut­schen Über­schüssen eines der Haupt­ri­siken für die Weltwirtschaft.
Es ist höchste Zeit, unsere Position zu über­denken. Wir sollten auf­hören, unseren Status als Export­welt­meister zu feiern. Statt­dessen sollten wir alles daran setzen, den Über­schuss zu redu­zieren. Und zwar im eigenen Interesse.
Ausland eignet sich nicht als Vermögensanlage
Ein Über­schuss im Handel geht zwangs­läufig mit einem ent­spre­chenden Export von Erspar­nissen einher. Erzielen wir 2018 einen Über­schuss im Handel von 7,8 Prozent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP), wie vom Münchner Ifo-Institut pro­gnos­ti­ziert, bedeutet dies auch, dass 7,8 Prozent unseres BIP als Kredite und Inves­ti­tionen ins Ausland fließen.
Theo­re­tisch bauen wir damit Ver­mögen auf, welches wir zu einem spä­teren Zeit­punkt, wenn die Folgen des demo­gra­fi­schen Wandels ein­treten, nutzen können, um unseren Lebens­standard zu halten. Prak­tisch inves­tieren wir das Geld im Ausland jedoch nicht gut. Alleine in der Finanz­krise haben wir je nach Schätzung 400 bis 600 Mil­li­arden Euro ver­loren – also fast den Über­schuss von zwei Jahren!
Hätten Autos und Maschinen auch ver­schenken können
Auch heute legen wir unser Geld nicht klug an. Pro­mi­nentes Bei­spiel sind die Target II–Forderungen der Bun­desbank, die auf über 900 Mil­li­arden Euro gestiegen sind. Mehr als 11.000 Euro pro Kopf leihen wir damit zins- und til­gungsfrei an Kri­sen­länder wie Grie­chenland und Italien. Im besten Fall bekommen wir auf unsere Erspar­nisse keine Zinsen, im schlimmsten Fall ver­lieren wir zumindest einen Teil im Zuge der unum­stößlich auf uns zukom­menden Schul­den­re­struk­tu­rierung im Euroraum – egal ob offen durch Schul­den­schnitte oder ver­deckt durch Inflation.
In einer Welt, die sich immer mehr dem Zustand der Über­schuldung nähert, ist es keine gute Idee, Gläu­biger zu sein. Ein immer grö­ßerer Teil unserer For­de­rungen an das Ausland ist aus­fall­ge­fährdet. Öko­no­misch bedeutet dies: Wir hätten unsere Autos und Maschinen genauso gut ver­schenken können. So erinnert das deutsche Spar­ver­halten an das von Eich­hörnchen, welche zwar fleißig vor­sorgen, aber ver­gessen, wo sie die Erspar­nisse ver­steckt haben.
So könnte es besser werden
Nir­gendwo steht geschrieben, dass Arbeits­plätze nur in der Export­wirt­schaft ent­stehen können. Auf vielen Gebieten der Bin­nen­wirt­schaft haben wir Nach­hol­bedarf, vor allem sollten wir mehr im eigenen Land inves­tieren. Der Staat muss hier vor­an­gehen und auch die Anreize für Unter­nehmen deutlich erhöhen. Letztere sparen immerhin 2,6 Prozent vom BIP pro Jahr, was unge­wöhnlich ist, nehmen Unter­nehmen doch nor­ma­ler­weise neues Kapital auf, um zu investieren.
Statt das Problem zu leugnen und sich im fal­schen Glanz des Export­welt­meisters zu sonnen, sollte die neue Regierung ein Pro­gramm ver­ab­schieden, welches unseren Wohl­stand sichert. Dazu gehören:

  • Mehr staat­liche Inves­ti­tionen in Deutschland, vor allem in klas­sische und digitale Infra­struktur und Bildung aber auch in innere und äußere Sicherheit.
  • Eine Umstellung der Besteuerung der Unter­nehmen, um Inves­ti­tionen und For­schung und Ent­wicklung in Deutschland zu fördern, zum Bei­spiel im Bereich von Robotern und Automatisierung.
  • Eine Senkung der Abga­benlast für kleinere und mittlere Ein­kommen. Das geht am besten über eine Reduktion der Sozi­al­bei­träge. Gerade diese Ein­kom­mens­gruppen geben am ehesten das zusätz­liche Geld aus.
  • Die Gründung eines Staats­fonds nach dem Muster von Nor­wegen oder Sin­gapur, um unser Aus­lands­ver­mögen endlich besser anzulegen.
  • Eine wirk­liche Sanierung der Eurozone durch einen umfang­reichen Schul­den­schnitt und eine Neu­ordnung der Mit­glieds­länder, da nur so einige der Kri­sen­länder über­haupt wett­be­werbs­fähig werden können.

Dieser Poli­tik­wechsel ist in unserem eigenen Interesse. Es ist höchste Zeit, ihn zu voll­ziehen. Tun wir es nicht, dürfte das Erwachen aus unserer der­zei­tigen Wohl­stand­s­il­lusion schmerzhaft werden. Denn eines lehrt die Geschichte: Unter Han­dels­kriegen leiden alle, aber vor allem jene, die zuvor große Über­schüsse erzielt haben.
→ cicero.de: „Der falsche Glanz des Export­welt­meisters“, 20. März 2018


Dr. Daniel Stelter — www.think-beyondtheobvious.com