FED-Zins­er­höhung und Bar­geld­ab­schaffung: Indien wird in die Schwel­len­länder-Krise gerissen

Wir werden zur Zeit Zeuge einer Kaskade von Krisen, die alle (wieder einmal) dem­selben Muster folgen. Es beginnt fast immer auf die gleiche Weise. In den Schwel­len­ländern beginnt wirt­schaft­licher Auf­schwung und Wachstum, ent­spre­chende Stimmung macht sich breit und der Staat, die Unter­nehmen und Start-ups wollen im Aufwind mög­lichst schnell und mög­lichst weit nach oben fliegen. Dazu braucht man Geld, das man inves­tieren kann. Das tut man gern, denn morgen ist alles größer, schöner, bunter, besser und man muss weit vorne mit dran sein, sonst nehmen einem die anderen, die Kapital haben, um ihr Unter­nehmen wachsen zu lassen, die Markt­seg­mente weg.
Man nimmt dann gern Kredite auf, und oft in Fremd­wäh­rungen, weil die gerade sehr günstig sind und man dadurch Geld spart. Nied­rigere Zinsen, ein vor­teil­haftes Wäh­rungs­ver­hältnis – ein Schnäppchen? Nein, ein Schnapp. Aber nur, solange alles gutgeht.
Das Wachstum wird auf Pump finan­ziert. Die glo­balen Finanz­märkte glauben an das Wachstum, die Medien schreiben von „Emerging Markets“ und – damals in der Asi­en­krise – gar poe­tisch von Tiger­staaten. Ver­liert die hei­mische Währung aber aus irgend­welchen Gründen an Wert, weil die Wirt­schaft Pro­bleme bekommt, der Staats­haushalt über­schuldet ist und Aus­terität ver­ordnet wird, was natürlich den Konsum bremst und die Wirt­schaft schädigt, oder weil das Land von inneren oder äußeren Kon­flikten erschüttert wird … es gibt viele Gründe … dann werden die Fremd­wäh­rungs-Kredite unglaublich teuer, weil das eigene Geld nicht mehr genug wert ist. Den­selben Effekt haben Zins­er­hö­hungen auf der Kre­dit­ge­ber­seite. Oder eine schlechte Wirt­schafts­po­litik der Regierung. Auch wirt­schaft­liche Ver­flechtung mit anderen, kri­sen­ge­schüt­telten Ländern können so eine Ent­wicklung anstoßen oder beschleunigen.
Hei­mische Unter­nehmen gehen bankrott, zuerst die, die ihre Schul­den­dienste nicht mehr leisten können. Die Arbeits­lo­sigkeit steigt und damit sinkt die Kauf­kraft. Die Wirt­schaft ver­zeichnet Umsatz­ein­bußen, wenn sie nicht stark auf den Export aus­ge­richtet ist. Die nach­las­sende Kauf­kraft zwingt weitere Unter­nehmen in die Knie, die nicht auf einem sta­bilen Finanz­fun­dament stehen. Die Todes­spirale dreht sich selbst in den Boden.
Die Situation erinnert an die Asi­en­krise der 1990er-Jahre. Eine typische Schwel­len­län­der­krise bahnt sich an und erfasst die Türkei, Bra­silien, Süd­afrika, China und Indien.
Zuerst sackte die tür­kische Lira um 40% ab. Eine Kata­strophe. Nun zeigen sich Anste­ckungs­sym­ptome bei der indo­ne­si­schen Rupyah, dem süd­afri­ka­ni­schen Rand, dem mexi­ka­ni­schen Peso, dem bra­si­lia­nische Real, den chi­ne­si­schen Yüan und der indi­schen Rupie. Der Wert­verlust dieser Wäh­rungen setzt sich seit April dieses Jahres fort und gewinnt seit Mitte August oft noch richtig Fahrt.
Ist die Leis­tungs­bilanz eines Landes gut (die Leis­tungs­bilanz umfasst in der Volks­wirt­schafts­lehre alle Aus­gaben und Ein­nahmen einer Volks­wirt­schaft, dar­unter auch die Importe und Exporte von Gütern und Dienst­leis­tungen), wirkt das wie ein Immun­system. Es gibt Schäden, aber das Land kann dagegen mehr oder weniger gut bestehen. Ein Leis­tungs­bi­lanz­de­fizit dagegen ist wie ein geschwächter Körper, der auch noch gegen Angriffe von außen kämpfen muss.
Die Türkei weist zur Zeit ein saf­tiges Leis­tungs­bi­lanz­de­fizit auf: ca 5,5% des Brut­to­in­land­pro­duktes, Süd­afrika etwa 2,3 % des BIP und Indien 2%.
Die Türkei hat mit den Sank­tionen der USA zu kämpfen, hat innere Pro­bleme, ist in den Syri­en­krieg ver­wi­ckelt und das Ver­hältnis zu Russland ist kom­pli­ziert. Die tür­ki­schen Unter­nehmen stehen mit rund 210 Mil­li­arden US-Dollar im Ausland in der Kreide. Das sind etwa 33 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Süd­afrika ent­eignet zur Zeit die weißen Farmer, das „Backbone“ der Lebens­mit­tel­ver­sorgung und des Exports von land­wirt­schaft­lichen Gütern. Schon sehr bald wird man fest­stellen, dass Süd­afrika hungrig, ver­dorrt und bankrott ist.
Indiens Rupie ist auf Tal­fahrt. Die indische Wirt­schaft hat die Geld­ent­wertung immer noch nicht ver­kraftet, besonders auf dem Land ist keine genü­gende Ver­sorgung mehr mit Bargeld gewähr­leistet und bar­geld­loses Bezahlen schwer. Dadurch sind unzählige Klein­un­ter­nehmen pleite gegangen und die Arbeits­lo­sigkeit enorm hoch. Das tra­di­tionell arme Land hat noch mehr von seiner Kauf­kraft ein­gebüßt. Zusätzlich kam dann noch die Ent­scheidung der US-Federal-Reserve-Bank, die Zins­sätze zu erhöhen und die Politik der quan­ti­ta­tiven Lockerung zu beenden. Damit wurde der spru­delnde Geldhahn mit bil­ligen Kre­diten in Dollar zuge­dreht. Die indische Zen­tralbank musste dieses Jahr bisher ca. 20 Mil­li­arden Euro auf­wenden, um die Rupie eini­ger­maßen zu sta­bi­li­sieren. Zusätzlich kosten die Zinsen auf kurz­lau­fende Staats­an­leihen (in Dollar) ca. 8,1 Mil­li­arden Euro mehr, als geplant.
Bisher verlor die indische Währung dieses Jahr acht Prozent an Wert. Am Don­nerstag erreichte die indische Rupie einen his­to­ri­schen Tief­stand: 72 Rupien muss man für einen US-Dollar bezahlen. Im Sep­tember 2007 waren es ca. 40 Rupien.
Nun beschleunigt sich der Wert­verfall der Rupie noch durch den Absturz der tür­ki­schen Lira. Jetzt zeigen sich die glo­balen Folgen der Auf­wärts­be­wegung des US-Dollars und der Zins­er­höhung besonders in den Schwel­len­ländern, die meistens sowohl Staats­schulden als auch Unter­neh­mens­schulden in Dollar eingehen.
Indien lag 2016 mit dem erwirt­schaf­teten Brut­to­in­lands­produkt an dritter Stelle der Welt­rang­liste, nach den USA und China. Im Jahr 2017 war Indien mit 7,2% die am viert­schnellsten wach­sende Wirt­schaft der Welt. Vor Indien lagen nur kleine Volks­wirt­schaften, wie Äthiopien, Usbe­kistan und Nepal.