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Whistleblower Politik

Von Karl der Große bis Gandhi: Die Helden der Menschenrechtsindustrie

27. Dezember 2018

Wir werden verwaltet von einer neuen Aristokratie, die sich gegenseitig Orden umhängt, Auszeichnungen verleiht, gut dotierte Posten verteilt und nur ab und zu ein Bauernopfer dem Pöbel „zum Fraß vorwirft“, damit dieses glaubt, Einfluss zu haben. Sekundiert werden diese Menschen von Oligarchen und einer Menschenrechtsindustrie, die Teil des Establishments ist, aber durch geschickte PR so tut, als ob es Organisationen wären, deren Politik durch die Masse der Menschen bestimmt wird. Sie verteilen Friedenspreise an Präsidenten, die Angriffskriege führen, Todeslisten exekutieren lassen und Verbrechen der Vorgänger vertuschen, oder Auszeichnungen für „Anti-Terror“ Aktivitäten an die weltweit größten Terrorunterstützer, und währenddessen schreiben sie die Geschichte so um, dass Massenmörder zu Helden werden, ihre Kriege zu „Friedensmissionen“ und Massenmorde zu „Kollateralschäden“, die leider notwendig waren, um das größere Ziel zu erreichen. Nachfolgend ein Auszug aus dem Buch „Die Menschenrechtsindustrie im humanitären Angriffskrieg“ von Jochen Mitschka und Tim Anderson. Das Buch beginnt damit, in die Geschichte zurückzuschauen, um zu verstehen, wie Helden erschaffen werden.

Karl der Große

Er war ein Massenmörder, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beging, indem er Völkermord als übliche Politik praktizierte und der zwecks Machtverbreitung religiösen Fanatismus schürte. Einer von Karls Rachefeldzügen im Jahr 792 gegen die Sachsen liest sich in den fränkischen Reichsannalen, die von Karls Begleitern niedergeschrieben wurden, wie folgt:

„Schleunigst bot er sein Heer auf und zog nach Sachsen. Hier berief er alle sächsischen Großen vor sich und forschte nach den Rädelsführern der letzten Empörung. Da nun alle Widukind als den Anstifter bezeichneten, ihn aber nicht ausliefern konnten, weil er sich nach jener Tat wieder zu den Normannen (Dänen) begeben hatte, so ließ sich der König von den übrigen, die dem Rate des Verführers gefolgt waren, bis zu 4.500 ausliefern und sie zu Verden an dem Flusse Aller alle an einem Tag enthaupten. Nachdem der König so Rache genommen hatte, begab er sich in das Winterquartier nach Diedenhofen und feierte daselbst wie gewöhnlich Weihnachten und Ostern.“ (11)

Massenmord von 4.500 Menschen als Rache Karls des Großen mit anschließendem Weihnachtsfest.

Das verzweifelte Festhalten der Sachsen an ihren Göttern und althergebrachten Kulthandlungen mit Tier- und Menschenopfern war für die Christen »treuloses Verhalten«, das bestraft werden musste. Herzog Widukind führte auch nach Verden seine Sachsen mit Unterstützung der Friesen gegen die Franken. Das bittere Ende kam aber nach einem letzten Sieg seiner Sachsen schließlich in der Nähe von Detmold. 3 Tage lang wurde dort auf beiden Seiten gemordet, bis der Widerstand der Sachsen zusammenbrach.

Erneut konnte Widukind entkommen, stellte sich dann aber ein Jahr später freiwillig zur Taufe. Der große Karl aber hatte seinen Rachedurst immer noch nicht gestillt. Er brach zu einem »großen Vernichtungszug« auf, wie der Historiker Rudolph Wahl bereits vor etwa 65 Jahren in seinem Buch Karl der Große schrieb:

Biograph Einhard erwähnte den Massenmord von Verden in seiner Vita Karoli Magni (12) nicht, er notierte lediglich über die Sachsen:

»Wenn sie … etwas erreicht hatten, gestattete er (Karl der Große) niemals, dass sie unbestraft blieben, sondern zog entweder persönlich gegen sie ins Feld oder schickte ihnen seine Grafen mit einer Armee, um Rache für ihr treuloses Verhalten zu nehmen und gerechte Sühne zu fordern. … In breiter Front gingen die Franken beiderseits der großen Straße vor, die den Rhein mit der Elbe verband. Hinter ihnen regte sich kein Leben mehr. Von der Sommerhitze ausgedörrte Wälder wurden verbrannt, die Saaten vernichtet, die Häuser niedergerissen, die Brunnen verschüttet. Wo sich ein verängstigter Bauer zeigte, der zur rechtzeitigen Flucht zu alt oder zu stolz gewesen war, wurde er niedergemetzelt. Aber es kam nirgendwo zur Unterwerfung. Das Land war ausgestorben.«

Um die noch gelegentlich aufflammenden Aufstände einiger Sachsen gegen die Franken endgültig zu brechen, griff Karl schließlich zum Mittel der Massendeportation.

Bei Einhard lesen wir:

„Nachdem er dann alle, die ihm Widerstand geleistet hatten, besiegt und unter seine Herrschaft gebracht hatte, führte er 10.000 Sachsen, die an beiden Elbufern gewohnt hatten, mit Frauen und Kindern aus ihrer Heimat und siedelte sie in verschiedenen Gruppen zerstreut in Gallien und in Germanien an. … An ihrer Stelle ließ Karl in Südholstein im Jahre 804 die Obodriten, einen slawischen Stamm, den er über die sächsischen Gebiete hinaus ebenfalls bereits christianisiert hatte, ansiedeln.“ (13)

Massenzwangsumsiedlung zwecks ethnischer Umgestaltung des Reiches. Wer nun behauptet, das hätte Karl der Große halt damals tun müssen, übersieht, dass sein martialisches Vorgehen viel Schmerz und Leid hervorrief – jenseits aller Menschlichkeit; dass sich von damals bis heute eine blutige Linie der Elite durch die Geschichte zieht. Leider unterscheidet sich die Politik von heute keinesfalls von der damaligen.

Henry Kissinger

Maßgeblich auf das Konto Henry Kissingers gehen die Verbrechen im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg, der nicht nur mit einer Lüge (Tonkin) begann, sondern auch noch weitergeführt wurde, als er längst als verloren galt. Trotzdem erhielt Kissinger für die Beendigung des ­Vietnamkrieges – unglaublich, aber wahr – den Friedensnobelpreis! Dabei ist Kissinger zum Beispiel für das exzessive »Christmas Bombing« in Vietnam verantwortlich, das zu über 500.000 Toten und 2 Millionen Flüchtlingen führte. Er ist verantwortlich für die völkerrechtswidrige Bombardierung Kambodschas, bei der die Lebensgrundlage der Menschen zerstört wurde. Noch heute leidet das Land unter zahlreichen Blindgängern und Munitionsüberresten. Das Chaos führte schließlich zur Machtergreifung eines despotischen Regimes, unter dem 3 Millionen Menschen ermordet wurden.

Kissinger ist außerdem verantwortlich für die US-Politik, die es Suharto, dem Diktator Indonesiens, erlaubte, Osttimor anzugreifen und zu annektieren. Die USA gaben ihm aufgrund von Kissingers Meinung Rückendeckung in der Weltpolitik und lieferten Waffen. Die Annexion Osttimors führte zu Tausenden Menschenrechtsverletzungen und Morden an der Zivilbevölkerung.

Kissinger ist verantwortlich für den Putsch gegen den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende in Chile. Selbst ­Wikipedia widmet dem US-amerikanischen Dokumentarfilm Angeklagt: Henry Kissinger aus dem Jahr 2002 einen umfangreichen Beitrag und vermeldet:

„Kissinger bereitete eine Verschwörung vor, die die Chilenen schockieren sollte.“(14)

In seinen Memoiren behauptet Kissinger, er habe mit den Ereignissen in Chile nichts zu tun, was offizielle amerikanische Dokumente jedoch widerlegen. General René Schneider (15), der treu zur chilenischen Verfassung stand und an einem Putsch rechter, proamerikanischer Militärs nicht mitgewirkt hatte, wurde als Feind der USA ausgemacht. Eine Entführung Schneiders wurde vorbereitet. Kriminelle wurden rekrutiert und von der CIA mit Waffen und Geld ausgestattet. Bei dem Versuch seiner Entführung wurde Schneider ermordet. Alexander Haig, Mitarbeiter Kissingers und ehemaliger US-Außenminister, versucht im Film, die Bedeutung dieser Ereignisse herunterzuspielen und sagt, man habe ihn doch »nur entführen« wollen. Entführung sei nur dann ein Verbrechen, wenn man niedere Beweggründe hätte. Der Journalist Christopher Hitchens kommentiert dies mit der Bemerkung, kein Staatsanwalt würde es einem Mörder positiv anrechnen, wenn sich dieser – neben der Leiche stehend – damit herausreden wolle, dass er das Opfer doch nur entführen wollte.

Eine Untersuchungskommission, das Church Committee, befragte Kissinger zu den Ereignissen in Chile. Ergebnis der Untersuchung war, dass Kissinger über jeden Schritt des Entführungsplans informiert war und diesen unterstützt hatte. Kurz vor der Entführung will Kissinger diesen Plan jedoch widerrufen haben. Ehemalige Weggefährten bezichtigen Kissinger dafür ausdrücklich der Lüge … (16)

Kissinger gesteht also, den gesamten Plan gekannt zu haben, behauptet aber, dass er den dann umgesetzten Plan angeblich widerrufen hätte, sodass dieser sozusagen gegen seinen Willen ausgeführt worden wäre.

Das ist nur ein kleiner Auszug aus einer viel größeren Reihe ungesühnter Verbrechen dieses hoch geehrten Politikers, der uns als Vorbild dargestellt wird.

Mutter Teresa

Schon am 8. März 2013 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Artikel über eine Studie, die zu der Feststellung kam, dass »Mutter Teresa« alles andere als eine Heilige war.

502 Dokumente und Publikationen haben die Wissenschaftler über das Leben Mutter Teresas gesichtet und nach Abzug doppelter Texte 287 davon ausgewertet. Das von ihnen gesichtete Material mache 96 Prozent aller verfügbaren Literatur über die Ordensschwester aus, behaupten sie, ohne dies genauer zu erläutern.

Dennoch kommen sie zu einer eindeutigen These: Der Vatikan habe den Prozess zur Seligsprechung Mutter Teresas mit Hilfe einer PR-Kampagne auf den Weg gebracht. Das dafür erforderliche Wunder, das sie an einer Frau vollbracht habe, sei später von Ärzten widerlegt worden, so die Wissenschaftler. (17)

Die Heiligsprechung war also eine PR-Aktion, sagen Wissenschaftler, und das »Wunder«, das zur Heiligsprechung vom Vatikan anerkannt wurde, stellte sich als Fälschung heraus.

Vielleicht ist der Friedensnobelpreis ja insgeheim für die Menschen reserviert, die die größten Heuchler unter den Verbrechern gegen die Menschlichkeit sind. Jedenfalls erhielt auch sie diesen Preis. Deutlicher in der Verurteilung der angeblichen Heiligen ist der Autor des Buches Mother Teresa: The Final Verdict (2002). (18) Auch aus diesem Buch zitiert Wikipedia:

Aroup Chatterjee setzt sich in seinem Werk kritisch mit der Legendenbildung auseinander und bezweifelt in einem Interview die Effizienz der Hilfstätigkeit in Kalkutta (»36.000 Kranke, die sie von der Straße aufgesammelt habe. Ich fand keinen einzigen Menschen, dem das passiert ist. …  Krankenwagen des Ordens sind zum Fahrdienst für die Schwestern umgebaut worden, und bei Hilferufen verwies der Orden auf die Ambulanz von Kalkutta.«). … So wurden außerdem laut Chatterjee leicht heilbare Patienten vom Sterbehaus nicht immer in ein Krankenhaus eingewiesen, sondern ihnen sei bisweilen durch die Behandlung womöglich geschadet worden, beispielsweise durch Verwendung nicht sterilisierter, mehrfach verwendeter Spritzen. … Weiterhin soll die Gabe von Schmerzmitteln untersagt worden sein. Laut Mutter Teresa sei durch das Leid eine besondere Nähe zu Jesus Christus erfahrbar, Schmerzen und Leiden seien daher positiv zu bewerten.

In dem Buch wird also beschrieben, dass Mutter Teresa bewusst Infektionen begünstigte und dass sie Schmerzen zuließ, um die Kranken Gott näher zu bringen.

Wikipedia erklärt, dass Mutter Teresa genau das unternahm, was nach katholischer Glaubenslehre getan werden muss, um Heiligkeit zu erreichen: soziales Engagement, religiöse Rituale und Askese. Die beiden Autorinnen Susan Kwilecki und Loretta S. Wilson erkennen hierin eine zweckbestimmte, rational geplante Vorgehensweise, die im Gegensatz zur behaupteten Selbstlosigkeit steht (19). Bestätigt wird diese Einschätzung durch die Tatsache, dass Mutter Teresa sich selbst am Lebensende jene schmerzstillenden Mittel gönnte, die sie ihren Patienten über Jahrzehnte verweigert hatte (20). Was deutlich macht, dass sie vermutlich eine dieser Heuchler/Innen war, die eigentlich als religiöse Extremistin verurteilt werden sollte, der es nicht um die Menschen ging, sondern um ihre Religion und ihren eigenen Platz in der Religionsgeschichte.

Dalai Lama

In einem Vortrag an der Universität Wien hat Colin Goldner das Lächeln des Dalai Lama entlarvt (21). Er beschreibt, was seine »Heiligkeit«, der Dalai Lama, in Wirklichkeit ist: Der Vertreter einer feudalistischen Theokratie, die mit einer Mönchsherrschaft die Menschen Tibets versklavt hatte. Natürlich sind die gesellschaftlichen Verhältnisse in China, aus der Sicht einer vom Westen geprägten »Demokratie«, in keiner Weise vorbildlich. Aber die Theokratie, die Chinas Gesellschaftssystem in Tibet ablöste, war um ein Vielfaches schlimmer gewesen, und nur die ehemals Herrschenden, also die mit absolutistischer Macht über die Menschen entscheidenden Mönche, weinen diesem System nach.

Goldner berichtet zum Beispiel, dass der Dalai Lama 40.000 Menschen als persönliche Leibeigene auf Dutzenden von Landgütern, die für das Wohlbefinden seiner Familie zuständig waren, sein Eigentum nannte. Und natürlich ist ein solcher Mensch eher in Freundschaft mit der CIA und rechten Kreisen zu sehen als ein sich für Menschenrechte einsetzender Aktivist.

Es klingt unglaublich: Den Menschen unter dieser Theokratie wurde lebend die Haut abgezogen, noch im 20. Jahrhundert wurden Augen ausgestoßen, Gliedmaßen abgehackt. Jedes Kloster hatte eine Folterkammer. Und das Netzwerk der Klöster herrschte über das Land schlimmer als eine mittelalterliche Aristokratie.

Kommen wir nun zur Religion des Dalai Lama. Die tibetische Religion wird zwar formell dem Buddhismus zugerechnet, kennt aber Millionen von Göttern. Nur hochrangige Kleriker haben die Chance ins Nirwana zu kommen. Sicher keine Frauen. Diese Religion hat kaum etwas mit dem ursprünglichen Buddhismus gemein. Die Lehre Tibets schürt die Angst, dass ungehorsame Angehörige in einer der sechzehn Höllen ungeheure Qualen erleiden müssen. Die Angst war das wichtigste Unterdrückungswerkzeug der Theokraten. Das größte Vergehen war Ungehorsam gegenüber der Theokratie. Die Höchststrafe war die Wiedergeburt als Frau. Die Regierung des Dalai Lama war ein staatlicher Terrorismus. Und so schien dem geistlichen Führer Terrorismus auch nicht unbedingt ein Problem zu sein:

Ohnehin schaut er sich insgeheim gern Kriegs- und Actionfilme an, gab der indischen Atombombe seinen ausgesprochenen Segen und nannte selbst nach dem U-Bahn-Attentat des Sektenfanatikers Asahara den Terroristen einen Freund, wenngleich nicht unbedingt einen vollkom­menen … (22)

Dazu sollte man auch wissen, dass Asahara Terrorakte geplant hatte, die über die von 9/11 weit hinausgingen. Der Terroristenführer und ­Hitler-Verehrer war mit zwei höchst wirksamen Empfehlungsschreiben des Dalai Lama (als dieser bereits Nobelpreisträger war) ausgestattet gewesen, was einen Teil des Zulaufs bewirkte. Der Giftgasanschlag der Sekte am 20. März 1995 war nur Vorspiel zu viel größeren geplanten Anschlägen. Dass in den westlichen Berichten kein Wort über den Dalai Lama verloren wurde, wird nicht überraschen. Es gibt weitere Links, die noch mehr Einblicke in die Abgründe jenes vom Westen als Waffe gegen China geschmiedeten »Heiligen« gibt.

Die Kritik am Dalai Lama ist keineswegs auf obige Angaben beschränkt, sie geht aber im medialen Rummel und der politischen Nutzung »Seiner Heiligkeit« vollkommen unter. Hier noch weitere Beispiele: Entlarvung der »Enthaltsamkeit« (23) … Kindesmissbrauch und Giftgas (24).

Dass man in Wikipedia keine Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände Tibets vor der Wiedereingliederung nach China findet, wird den informierten Internetnutzer nicht verwundern. Dass das Schwergewicht der Wikipedia-Beschreibung auf den Exzessen gegen das gestürzte Regime – nach der chinesischen Machtübernahme – liegt, ist ebenso wenig überraschend. Insbesondere wird »natürlich« nicht erwähnt, dass die meisten Gewalttaten nicht von den chinesischen Soldaten verübt wurden, sondern von den nun gegen die Mönche aufbegehrenden Massen ehemaliger Leibeigener. Die angebliche Unterdrückung Tibets durch China ist reine Propaganda. Oft wird bei solchen Vorwürfen auf die längst überwundene Phase und die Verbrechen der Kulturrevolution Bezug genommen, die aber ganz China betrafen. Und bei Wikipedia fehlt jeder Hinweis, der die Kontakte des Dalai Lama zu Vertretern des Nationalsozialismus und der CIA beleuchtet.

Zurückblickend kann man feststellen, dass seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama 1989 diese »Ehrung« immer wieder als Waffe des Westens gegen politische Gegner missbraucht wird.

Gandhis Gewaltlosigkeit

Bei Wikipedia findet man folgende Beschreibung Gandhis:

Gandhi … war ein indischer Rechtsanwalt, Widerstandskämpfer, Revolutionär, Publizist, Morallehrer, Asket und Pazifist. … Schon zu Lebzeiten war Gandhi weltberühmt, für viele ein Vorbild und so anerkannt, dass er mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. In seinem Todesjahr wurde dieser Nobelpreis symbolisch nicht vergeben. Ebenso wie Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi oder Martin Luther King gilt er als herausragender Vertreter im Freiheitskampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit. (25)

Gandhi soll also gegen Unterdrückung und für soziale Gerechtigkeit gekämpft haben. Hier findet man keine Einschränkung, dass er dies nur für Inder aktiv betrieb.

Dazu bemerkt der Sozialwissenschaftler Rainer Roth in seinem Buch Sklaverei als Menschenrecht:

„Gandhi sah die Beteiligung indischer Truppen im Rahmen der britischen Armee als entscheidende Voraussetzung dafür an, dass Indien im Rahmen des Britischen Empire gleiche Rechte auf Selbstregierung zugestanden wurden wie Australien und Kanada. In der Indian Army kämpften unter dem Kommando britischer Offiziere rund eine Million Soldaten. Rund 140.000 kämpften bis Ende 1915 in Frankreich und Belgien, 675.000 standen im Mittleren Osten, 144.000 in Ägypten, weitere in Ostafrika usw. … Im Herbst 1914 stellten Inder ein Drittel der britischen Streitkräfte in Indien. »Es kann keine Freundschaft zwischen dem Mutigen und dem Verweichlichten geben«, erklärte Gandhi. »Wir werden als ein Volk der Ängstlichen betrachtet. Wenn wir uns von diesem Verdacht befreien wollen, müssen wir lernen, die Waffen zu gebrauchen.« … Nur auf diese Weise werde sich das »große Britische Empire« davon überzeugen lassen, die Diskriminierungen aufzuheben, die auf den Indern lasteten, erklärte Gandhi. Es gehe darum, den Status der white dominions (wie Australien, Kanada usw.) zu erlangen und die Selbstregierung zu erhalten, die diese haben. … Bis zu 70.000 indische Soldaten fielen im Weltgemetzel für die imperialistischen Interessen der Weltmacht Großbritannien. …

Auch dank der Gandhi’schen Predigt waren diese Soldaten keine widerwilligen Rekruten, sondern Freiwillige, ja sogar begeisterte Freiwillige. … Sie dachten, sie kämpften für die Selbstregierung Indiens. Die Kolonialbehörden schafften es dank ihrer Zusammenarbeit mit Gandhi und anderen Vertretern der indischen Nation, dass es nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Indien keine Unruhen und keine Angriffe auf die britische Armee gab. Diese Ruhe war auch im Sinne Gandhis. Die indische Bourgeoisie wollte sich selbst regieren, aber den englischen König als Staatsoberhaupt anerkennen. (26)

Hier lesen wir also, dass es nicht um »Unterdrückte« ging, die unterstützt werden sollten, sondern darum, dass die indische Bourgeoisie von der britischen als gleichberechtigt anerkannt wurde.

Fast verzweifelt versucht Wikipedia, nicht am Pazifismus Gandhis zu rütteln, kann aber nicht umhin, wenigstens die Beteiligung am Krieg gegen die Zulus zu erwähnen:

Er rückte mit nur 24 Mann an und half Verwundeten beider Seiten. ­Gandhi war von der Gewalt der militärisch weit überlegenen Briten bestürzt, die den Aufstand im Juli 1906 brutal niederschlugen und die Überlebenden sowie sympathisierende Zulu inhaftierten oder deportierten. … und warf sich seit dem grausam niedergemetzelten Zulu-Aufstand häufig vor, Gewalttaten anderer nicht verhindern zu können. (27)

Laut Wikipedia war Gandhi von der Gewalt der Briten also bestürzt. Roth und die von ihm zitierten Autoren sehen die Person Gandhi und seine Taten in diesem Zusammenhang in einem ganz anderen Licht:

Gandhi unterstützte das rassistische British Empire in dessen Kriegen gegen die Buren (1899–1902) und gegen die Zulus in Natal (1906). Er diente im Burenkrieg (1899–1902) in einer indischen Sanitätseinheit. Er unterstützte die Unterdrücker seines eigenen Volkes, indem er sich an der Unterdrückung anderer Völker beteiligte. Um den Widerstand der Buren niederzuschlagen, richteten die Briten erstmals Konzentrationslager ein, in denen sie bevorzugt Frauen und Kinder internierten. Viele von ihnen starben. …

Nachdem eine Kopfsteuer erhoben worden war, töteten Zulus 1906 in Natal zwei Polizisten. Die schwachen bewaffneten Kräfte der Zulus wurden mit Maschinengewehren niedergemäht. Viele Zulus wurden ausgepeitscht bzw. öffentlich erhängt. Gandhi kannte keine Gnade gegenüber den Zulus, auch wenn er keinen nennenswerten Widerstand von ihnen wahrnehmen konnte und erst recht keinen Aufstand. Er stand bedingungslos auf der Seite des britischen Empire. »Doch ich glaubte damals, das britische Empire bestehe zum Besten der Welt. … Ich hatte das Gefühl … der Regierung von Natal meine Dienste anbieten zu müssen«, schrieb er. … Die Regierung Natals zeichnete sich durch besonders rassistische Gesetze zur Vertreibung von Indern aus. Gandhi wurde im Rahmen eines indischen Ambulanzkorps der britischen Armee zum Feld­webel ernannt. Er wollte damals auch bewaffnete indische Militäreinheiten zur Unterdrückung der Zulus aufstellen, aber die britische Militärbehörde lehnte ab. (28)

Demnach wollte Gandhi sogar bewaffnete indische Militäreinheiten dem britischen Empire zur Verfügung stellen, um damit noch besser Zulus zu unterdrücken. Eine Tatsache, die weitgehend, zum Beispiel auch in Wikipedia, verschwiegen wird.

Roth ist nicht der Einzige, der erklärt, das Gandhi ein Rassist war, der am indischen Kastensystem festhalten und es nicht, wie immer wieder behauptet wurde, beseitigen wollte. In einem Interview mit der Zeit sagte die indische Schriftstellerin Arundhati Roy:

„Gandhi hat darauf bestanden, alle Kasten sollten bei ihrer erblichen Arbeit bleiben, aber keine Kaste solle für nobler gelten als eine andere – damit wollte er die Menschen dazu bringen, sich über ihre Erniedrigung sogar noch zu freuen.“ (29)

Es ging also keineswegs um das Auflösen des indischen Kastensystems, sondern vielmehr um das Anpassen an die Bedingungen der Zeit, um sicherzustellen, dass billige Arbeitskräfte auch weiterhin zur Verfügung standen, mit denen der Mittelstand seinen Wohlstand mehren konnte. Nur deshalb hat Gandhi das Thema Unberührbarkeit bekämpft. Es passte nicht mehr in die moderne Organisation der Gesellschaft. Aber die Frage »von Rechten – auf Land, Bildung, öffentliche Dienstleistungen« ist die wirkliche Problematik der Kasten in Indien.

Auch die Behauptung, Gandhi wäre ein Vertreter der Gewaltlosigkeit gewesen, ein absoluter Pazifist, ist ein längst widerlegtes Narrativ, wie es schon weiter oben über seine Zeit in Südafrika anklang. Wolfgang Dietrich schreibt über einen kritischen Autor:

„Gandhis Zugang zum Thema Gewaltlosigkeit lehnt er noch entschiedener ab als Krishnamurti … weil er ihn für Gewaltunterdrückung im asketischen Stil indischer Tradition hält. … Der Asket aber wendet die Gewalt gegen sich selbst – und das wirft er Gandhis asketischen Inszenierungen vor. Er geht so weit, Gandhi als für den Ausbruch der kollektiven Gewalt im Zuge der indischen Unabhängigkeit ursächlich zu sehen, weil dieser zuvor die Unterdrückung der Gewalt gepredigt habe. So habe Gandhi und mit ihm ganz Indien die Gewalt des Aggressors in sich aufgeladen, ohne sie zu transformieren. Oshos gänzlich energetisches Verständnis vom Sein schließt daraus, dass die im langen Freiheitskampf unterdrückte Energie sich letztlich in einer Orgie physischer Gewalt entladen musste. Ein Befund, in dem ihm so mancher westliche Psychoanalytiker folgen könnte, auch wenn das politisch inkorrekt ist.“ (30)

Peter Conzen schreibt in seinem Buch über die Grundpositionen von Erik H. Erikson und dessen Meinung zu Gandhi:

„Gerade in Gandhis moralischem Rigorismus zeige sich viel an unterdrückter Gewalt gegen sich selber und andere. Ein verkappter Sadismus spreche beispielsweise aus Äußerungen, in denen Abscheu gegen Sinnlich-Triebhaftes sich mit Vorwürfen gegen Frau und Kinder koppelt. Schonungsloser als andere Biographen rechnet Erikson mit Gandhis Frauenbild ab, vor allem der bisweilen herabsetzenden Behandlung von Kasturba.“ (31)

Gandhis Aufruf zur Gewaltlosigkeit war im Prinzip ein Aufruf zur Gewalt gegen sich selbst. Gandhi hat so seine Anhänger aufgefordert, durch Gewaltlosigkeit gegenüber dem Feind sich selbst Gewalt anzutun oder antun zu lassen. Was nicht nur zu späteren Explosionen der Gewalt führte, sondern auch zu vielen Opfern der Gewalt, gegen die man nicht vorging.


Textauszug aus: Jochen Mitschka und Tim Anderson: „Die Menschenrechtsindustrie im humanitären Angriffskrieg“ Kopp Verlag, 2018.

11 Hans Dollinger: Schwarzbuch der Weltgeschichte – 5000 Jahre der Mensch des Menschen Feind, Komet, Frechen 1999, S. 120.

12 Margarethe Wevers: Dissertation: Einhards Vita Karoli Magni in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung und Heldensage, Marburg 1929, online: http://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/b/b073817.pdf.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Alex Gibney, Eugene Jarecke: The Trials of Henry Kissinger, Doku 2002, online: https://www.rogerebert.com/reviews/the-trials-of-henry-kissinger-2002.

16 Ebd.

17 Tobias Matern: »Alles, nur keine Heilige«, in: Süddeutsche Zeitung, 8. März 2013, http://www.sueddeutsche.de/panorama/studie-kratzt-an-mythos-­mutter-teresa-alles-nur-keine-heilige-1.1618899.

18 Aroup Chatterjee: Mother Teresa – The Final Verdict, Meteor Books, 2002.

19 Susan Kwilecki, Loretta S. Wilson: »Was Mother Teresa Maximizing Her Utility? An Idiographic Application of Rational Choice Theory«, in: Journal for the Scientific Study of Religion, Vol. 37, No. 2, Juni 1998, S. 205–221.

20 Colin Goldner: »Hinter dem Lächeln des Dalai Lama«, Vortrag an der Universität Wien, 18. Mai 2012, https://www.youtube.com/watch?v=SDuqayOx2Nw.

21 Ebd.

22 Fritz R. Glunk: »Enthüllung eines Denkmals«, in: Die Gazette, Nr. 15, Juli 1999, online: http://gazette.de/Archiv/Gazette-15-Juli1999/Leseproben1.html.

23 Heidrun Beißwenger: »Die Sexualität des Dalai Lama«, in: Das Adelinde-­Gespräch, 23. März 2010, online: https://www.adelinde.net/die-­sexualitat-des-dalai-lama/.

24 Revolutionär Sozialistische Organisation: »Kindesmissbrauch und Giftgas: Die wirkliche Welt des Dalai Lama«, online: http://www.sozialismus.net/kategorien/143-asien-pazifik/china/42-kindesmissbrauch-und-giftgas-die-­wirkliche-welt-des-dalai-lama.

25 Wikipedia: »Mohandas Karamchand Gandhi«, https://de.wikipedia.org/wiki/Mohandas_Karamchand_Gandhi.

26 Rainer Roth: Sklaverei als Menschenrecht, Argument Verlag, Hamburg 2015, S. 519–521.

27 Wikipedia: »Mohandas Karamchand Gandhi«, https://de.wikipedia.org/wiki/Mohandas_Karamchand_Gandhi.

28 Rainer Roth: Sklaverei …, a. a. O., S. 523.

29 Jan Roß: »Gandhis vergiftetes Erbe«, Zeit Online, 9. Oktober 2014, http://www.zeit.de/2014/40/arundhati-roy-indien-gandhi-kastensystem.

30  Wolfgang Dietrich: Variationen über die vielen Frieden, Band 1: Deutungen, Springer VS, 2008, S. 343.

31 Peter Conzen: Erik H. Erikson: Grundpositionen seines Werkes,
Kohlhammer, Stuttgart 2010, online: https://books.google.de/books?id=
NnFtDAAAQBAJ&lpg=PP1&hl=de&pg=PT233#v=twopage&q&f=true.

 

 


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