Whistleblower Politik

Damit nicht nur Oma und Opa dumm bleiben: GEZ-Medien finanzieren „unabhängige Blogger“ im Netz

6. Februar 2019

Die meisten von uns kennen wahrscheinlich „Jung & Naiv“. Ich selbst war lange ein großer Fan von ihrer Arbeit, muss aber zugeben, in letzter Zeit meine Zweifel bekommen zu haben.

(Von Thomas Röper)

Ich lernte die Arbeit von „Jung & Naiv“ vor einigen Jahren kennen. Damals stellte „Jung & Naiv“ nicht nur die kompletten Mitschnitte der Bundespressekonferenzen ins Netz, sondern auch jede Woche Ausschnitte, in denen zu sehen war, wie die Sprecher der Regierung bei unbequemen Fragen ins Schwitzen kamen und sich manchmal sogar selbst widersprachen. Das war gleichzeitig unterhaltsam und informativ, denn wer schaut sich schon die ganze Bundespressekonferenzen an? So eine Veranstaltung dauert in der Regel etwa eine Stunde und ist selbst für politisch Interessierte sterbenslangweilig. Die meisten Fragen sind langweilig, die Antworten auch und je spannender ein Thema, desto nichtssagender werden die Antworten. Die Bundespressekonferenz ist die Meisterschaft in der Disziplin „Nichts sagen mit vielen Worthülsen“. Da war „Jung & Naiv“ super, denn sie haben die Highlights Woche für Woche veröffentlicht.

„Jung & Naiv“ war ein wirklich kritisches Medium, dass den Politikern auf den Zahn gefühlt hat und da nachgebohrt hat, wo es vielleicht nicht unbedingt weh getan hat, aber zumindest ausgesprochen peinlich wurde.

Irgendwann wurde das immer weniger, es lässt sich nicht genau sagen, wann das begann. Ich habe mal im YouTube-Kanal von „Jung & Naiv“ zurückgescrollt und es war wohl Anfang 2017, also schon vor zwei Jahren, als diese kritischen Ausschnitte mit der Zeit verschwanden. In 2018 war es kaum mehr eine Handvoll. Und es betraf auch nur noch die Politiker, die auch der Mainstream ohnehin gerade attackierte. Wenn ich nichts übersehen habe, hat „Jung & Naiv“ den letzten solchen Ausschnitt im Oktober online gestellt und dabei Horst Seehofer im Fokus gehabt. Aber eine kritische Verfolgung des Regierungssprechers Seibert, die früher Standard bei „Jung & Naiv“ war, findet zum Beispiel nicht mehr statt.

Nun muss man sich fragen, wie das kommen konnte. Und ich sage es gleich vorweg: Insiderwissen dazu habe ich nicht, aber ein paar interessante Dinge habe ich schon beobachtet. Ich teile also nun meine Beobachtungen mit und interpretiere sie, aber ich kann natürlich dabei auch falsch liegen. Fakt ist jedoch, dass „Jung & Naiv“ mit der Zeit von einem kritischen Kanal zu einem angepassten Medium geworden ist.

„Jung & Naiv“ hat zu Beginn seiner Arbeit 2013 mit seinen kritischen Filmen eine große Fangemeinde gesammelt. Ich weiß nicht mehr, wann das war, es wird wohl zwei oder drei Jahre her sein, da war das Team von „Jung & Naiv“ in Russland und hat über die Reise auch auf Facebook berichtet. Die Reise wurde von der FDP-Parteistiftung, der „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“, finanziert und organisiert.

Zu dieser Zeit war ich noch nicht öffentlich mit meiner Seite aktiv, aber ich hatte mich zu der Zeit gerade mit den Büchern „Gekaufte Journalisten“ und „Meinungsmacht“ beschäftigt, in denen herausgearbeitet wird, wie die Presse in Deutschland so gelenkt wird, dass sie wirkt, als wäre sie gleichgeschaltet. Und eine der ausführlich behandelten Methoden wurde genau beschrieben: Man lädt junge Journalisten zu Reisen, Schulungen, Konferenzen etc. ein und bezahlt natürlich alles. Wer danach mit der Zeit in seiner täglichen Arbeit nicht im Sinne der Veranstalter berichtet, wird dann irgendwann nicht mehr eingeladen. Wer eingeladen wird, macht kostenlos spannende Reisen mit, darf auf interessante Konferenzen fahren, lernt wichtige Leute kennen, spannt Netzwerke und wird dabei gleichzeitig langsam aber sicher Teil des großen deutschen Netzwerkes aus Medien und Politik. Es ist ein einfaches Mittel, das Udo Ulfkotte aus eigener Erfahrung in dem Buch „Gekaufte Journalisten“ ausführlich beschreibt.

Und da sah ich natürlich sofort Parallelen zu der Reise der Friedrich-Naumann-Stiftung, an der „Jung & Naiv“ damals teilnahm. Das schrieb ich denen auch auf Facebook in die Kommentare zu einem ihrer Reiseberichte aus Russland, woraufhin ich aber keine Antwort bekam, sondern von ihnen kurzerhand blockiert wurde. Und ich schrieb ihnen höflich und habe auf die Gefahr hingewiesen, durch solche Reisen instrumentalisiert zu werden, ich war nicht etwa beleidigend.

Heute sind auf dem YouTube-Kanal von „Jung & Naiv“ praktisch nur noch ganze Bundespressekonferenzen zu sehen, ohne kritische Beiträge. Oder es gibt dort Interviews, wobei sich bei „Jung & Naiv“ heute das who-is-who der deutschen Politik einfindet und kein Politiker muss befürchten, von Tilo Jung mit allzu kritischen Fragen vorgeführt zu werden. Die Interviews haben einen gewissen Wohlfühl- und Kuschelcharakter. Mittlerweile gab es 400 solcher Interviews. Und auch Regierungssprecher Seibert, der noch vor wenigen Jahren auf jede Frage von Tilo Jung sichtlich genervt reagierte, kommt heute gerne zum Smalltalk zu „Jung & Naiv“, um ein Jubiläum des YouTube-Kanals zu würdigen. Auf die Idee wäre Seibert vor vier Jahren sicher nicht gekommen.

„Jung & Naiv“ war auch schon in Afghanistan. In den Videos baten sie um Spenden, weil die Reise so teuer war. Aber sie berichteten aus dem Bundeswehr-Standort dort und durften auch den kommandierenden deutschen General interviewen. Diese Reise muss also – egal, wer sie ganz oder teilweise bezahlt hat – in Zusammenarbeit mit der Regierung gemacht worden sein, denn so einfach kommt man da nicht rein. Und spätestens seit dem Irak-Krieg wissen wir, dass Embedded Journalisten das abliefern, was von der Armee gewollt ist, aber garantiert nicht kritisch berichten.

„Jung & Naiv“ muss man inzwischen als junges, aber an den Mainstream angepasstes Medium bezeichnen. Jung ist das Format also noch, aber ob es auch noch naiv ist, kann man diskutieren.

Und die unterhaltsamen Sahnestücke aus der Bundespressekonferenz bekommt man heute leider nicht mehr. „Jung & Naiv“, diese freigewordene Nische hat nun RT-Deutsch besetzt, die manchmal solche Ausschnitte zeigen.

„Jung & Naiv“ ist sicher keine alternative Plattform mehr, sondern nur noch eine junge Plattform, die sich aber dem Mainstream angepasst hat. Da überrascht es nicht, dass „Jung & Naiv“ nun einen Sendeplatz im ZDF bekommen soll, obwohl die Details des Formats noch nicht bekannt sind. Tilo Jung ist auf dem Weg nach oben und ist dabei vom Weg der Kritik abgekommen. Wo Geld und Ruhm locken, ist eben Flexibilität gefragt. Man darf gespannt sein, was wir da zu sehen bekommen.

Aber das deutsche Staatsfernsehen (sorry, es muss natürlich „öffentlich-rechtlich“ heißen) hat das Internet für sich entdeckt. YouTube und ähnliche Kanäle jagen den Fernsehsendern die Zuschauer ab und so hat man dort überlegt, was man dagegen tun kann. Ganze 45 Millionen Euro jährlich geben ARD und ZDF inzwischen an Blogger weiter. Da werden also viele vermeintlich kritische junge Blogger mit YouTube-Kanälen von ARD und ZDF mit Geld angefüttert, damit sie nicht gar zu kritisch berichten. Und wer erstmal vom Kuchen gekostet hat, kommt schnell auf den Geschmack. So sind einige der bei jungen Leuten beliebten Blogger längst auch mit Beiträgen online, die wohl von den öffentlich-rechtlichen bestellt wurden. Es geht sogar so weit, dass ein Blogger ganz kindgerecht im Comic-Stil darüber aufklärt, warum die öffentlich-rechtlichen Sender seiner Meinung nach so wichtig sind. Und wenn solche Videos von Bloggern kommen, die von den öffentlich-rechtlichen Sender finanziell „gefördert“ werden, dann bekommt das ein „Geschmäckle“.

Und „Jung & Naiv“ wird nicht nur von den öffentlich-rechtlichen Sendern finanziell „gefördert“, die bekommen gleich eine eigene Sendung dort. Ob sie wohl frei über die Inhalte entscheiden können? Wir können ja mal eine Wette abschließen, ob das eine kritische und unbequeme Sendung wird oder nicht…

Nachtrag: Anscheinend hat dieser Artikel den Nerv vieler Leser getroffen, denn ich bekomme hierzu Feedback. Der O-Ton der Rückmeldungen von Leuten, die ebenfalls mit Tilo Jung zu tun hatten (sei es in sozialen Netzwerken oder per Mail) bestätigt meine Erfahrung: Selbst auf freundlich gemeinte und nett formulierte kritische Hinweise reagiert Tilo Jung mit Blockieren der betreffenden Nutzer in sozialen Netzwerken und mit „ausfallenden“ (Zitat aus der Nachricht eines Lesers) E-Mails. Wie mir dieser Leser schrieb: „Habe dann ähnlich wie Sie mal die Beiträge (auf dem YouTube-Kanal von „Jung & Naiv“, Anm. d. Autors) durchgesehen und es hat natürlich einen Grund, warum Herr Jung mittlerweile mit Herrn Maas im Flieger sitzt.“

 


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru


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