Fatale Ähn­lich­keiten mit der Welt von gestern

Der öster­rei­chische Schrift­steller Stefan Zweig hat kurz vor seinem Freitod ein Buch geschrieben, das uns in beklem­mender Weise den Spiegel vorhält. Wer es liest, muss fest­stellen, wie ver­zweifelt wenig aus den ver­häng­nis­vollen Fehlern, die Europa im ver­gan­genen Jahr­hundert zweimal ins Unglück gestürzt haben, gelernt wurde.

Zum dritten Mal sind Politik und Medien dabei, sich als Gesell­schafts­klempner zu betä­tigen und am noch lebenden Körper Europas eine Vivi­sektion durch­zu­führen. Das dritte Gesell­schafts­ex­pe­riment ist die gewaltsame Umwandlung der his­to­ri­schen Vielfalt unseres Kon­ti­nents in eine mul­ti­kul­tu­relle Einöde. Mit Hilfe einer Mas­sen­ein­wan­derung von Men­schen aus vor­mo­dernen Kul­turen soll eine „Super­kultur“ anstelle der euro­päi­schen Kul­turen entstehen.

Nach einer langen Frie­dens­pe­riode ist das „Frie­dens­projekt“ der Euro­kraten dabei, Europa einem neuen Krieg aus­zu­liefern. Diesmal wird es aller Vor­aus­sicht nach kein kon­ven­tio­neller Krieg sein, sondern eine Art Bür­ger­krieg der „Neu­bürger“ gegen die, die „schon länger hier leben“.

Undenkbar? Schwarz­se­herei?

Wer Stefan Zweig liest, dem wird vor Augen geführt, dass es nicht darum geht, was sich die Öffent­lichkeit nicht vor­stellen kann oder will, sondern darum, was sich um sie herum zusam­men­braut und schließlich zum Aus­bruch kommt, ob sie die Anzeichen wahr­nehmen will, oder nicht.

Europa war in den glück­lichen Zeiten vor dem ersten Welt­krieg wirklich frei. Zweig reiste bis nach Amerika und Indien ohne Pass, ohne ein ein­ziges For­mular aus­füllen zu müssen. In New York machte er das Expe­riment, welche Erfolgs­aus­sichten ein Wirt­schafts­mi­grant in Amerika hatte. Er besuchte nach­ein­ander einige Arbeits­agen­turen. Innerhalb kür­zester Zeit wurden ihm 5 Stellen angeboten.

„Niemand fragte mich nach meiner Natio­na­lität, meiner Religion, meiner Her­kunft… In einer Minute war ohne den hem­menden Ein­griff von Staat, For­ma­li­täten und Trade Unions in diesen Zeiten schon sagenhaft gewor­dener Freiheit der Kon­trakt geschlossen“.

Die ganze alte Welt glaubte noch an die Hei­ligkeit der Ver­träge. Man küm­merte sich nicht um „auf­ge­blasene Popanze wie Rasse, Klasse und Herkunft“.

„Man spürte es an allen Dingen, wie Reichtum wuchs und sich ver­breitete. Wer wagte, gewann“.

Überall fand man „eine wun­derbare Unbe­sorgtheit… zum ersten Mal fühlten die Nationen gemeinsam, es war ein euro­päi­sches Gemein­schafts­gefühl im Werden. Aber „aus dem frucht­baren Willen zur Einigung begann sich überall zugleich, als ob es bazil­lische Anste­ckung wäre, eine Gier nach Expansion zu entwickeln“.

„Wir aber, die wir noch die Welt der indi­vi­du­ellen Freiheit gekannt, wir wissen und können bezeugen, dass Europa sich einstmals sorglos freute seines kalei­do­sko­pi­schen Far­ben­spiels. Und wir erschaudern, wie ver­schattet, ver­dunkelt, ver­sklavt, ver­kerkert unsere Welt dank ihrer selbst­mör­de­ri­schen Wut geworden ist.“

Leider sagt Stefan Zweig fast nichts darüber, wo diese Wut geschürt wurde. Es waren die Gesell­schafts­klempner unter den Mei­nungs­ma­chern, die sich lang­weilten, Krieg und Umsturz her­bei­schrieben. Ihre Pam­phlete bleiben aber weit­gehend unbe­achtet oder wurden als etwas abgetan, was mit der Rea­lität nicht wirklich etwas zu tun hat. „Das klap­pernde Mühlrad der Pro­pa­ganda“, die heute unser täg­liches Brot ver­giftet, begann sich vor den ersten Welt­krieg zu drehen. Die Deut­schen mit ihrer „frei­wil­ligen Ser­vi­lität“ waren dafür besonders empfänglich.

Im Jahr­hun­dert­sommer 1914, der „üppiger, schöner, som­mer­licher“ als alle war, sahen nur Wenige, dass Europa keine neue Mor­genröte erblickte, sondern den Feu­er­schein eines Weltbrands.

Anfang August 1914 badeten inter­na­tionale Gäste an den Stränden Europas. „Die einzige Störung kam von den Zei­tungs­jungen, die, um den Verkauf zu fördern, die dro­henden Über­schriften der Pariser Blätter laut aus­brüllten: „L’Autriche pro­voque la Russie“, „L’Allemagne prépare la mobilisation“.

Das Mas­sen­emp­finden aber war Gelassenheit:

„Wir dachten zwar ab uns zu an den Krieg, aber nicht viel anders, als man gele­gentlich an den Tod denkt – an etwas Mög­liches, aber wahr­scheinlich doch Fernes“. Man sah in den grenz­nahen Bade­orten schon die Mili­tärzüge auf­fahren, aber glaubte, die Diplo­matie würde es schon nicht zum Äußersten kommen lassen. „Immer wird ja in Stunden der Gefahr der Wille, noch einmal zu hoffen, riesengroß“.

„Wenn man ruhig über­legend fragt, warum Europa 1914 in den Krieg ging, findet man keinen ein­zigen Grund ver­nünf­tiger Art, nicht einmal einen Anlass“.

In den aller­letzten Som­mer­tagen gab es jede Stunde eine wider­spre­chende Nach­richt. Plötzlich wehte die Angst durch Europa und fegte die Strände leer. Kurz darauf war der Krieg da. Er war den Diplo­maten, die mit ihm spielten und blufften, „gegen ihre Absicht aus der unge­schickten Hand gerutscht“.

Dem ersten Schrecken folgte ein enthu­si­as­ti­scher Taumel. Die Massen drängten zum Krieg. Die jungen Männer, die eben noch neben­ein­ander Son­nen­schein und Mee­res­rau­schen genossen hatten, waren plötzlich wild darauf, auf­ein­ander zu schießen. „Jeder Ein­zelne erlebte eine Stei­gerung seines Ichs nicht mehr iso­liert, sondern als Teil einer Masse, seine sonst unbe­achtete Person hatte einen Sinn bekommen.“ Es herrschte „das Ver­langen, die bewussten Urtriebe, die ‚Unlust an der Kultur‘, die alten Blu­t­in­stinkte“ auszuleben.

Wer Bedenken äußerte, störte, wer warnte, wurde ver­höhnt als Schwarz­seher, wer den Krieg bekämpfte, wurde als Ver­räter gebrandmarkt.

Zweig fragte sich, „ob ich wahn­sinnig sei unter all den Klugen oder grau­enhaft wach, inmitten ihrer Trun­kenheit“. Es war in den ersten Kriegs­wochen unmöglich, ein ernst­haftes Gespräch zu führen.

Es ist, als ob Zweig die Situation von Deutschland und Europa 2015–2017 beschriebe.

Der Krieg wurde geführt und in seiner Folge ent­stand der Tota­li­ta­rismus, zuerst als Inter­na­tio­nal­so­zia­lismus, dann als Nationalsozialismus.

„Die Russen, die Deut­schen, die Spanier, sie alle wissen nicht mehr, wie viel Freiheit und Freude der herzlos gefräßige Popanz des ‚Staates‘ ihnen aus dem Mark der innersten Seele gezogen.“

Der mul­ti­kul­tu­relle Zen­tral­staat soll erle­digen, was aus den Trümmern von Kriegen und Tota­li­ta­rismus gerettet werden konnte.

Stefan Zweigs zeit­loses Werk kann als Warnung davor gelesen werden.

 

 

Dieser Artikel erschien zuerst hier:

http://vera-lengsfeld.de/2017/08/04/fatale-aehnlichkeiten-mit-der-welt-von-gestern/