Ver­dammt in alle Ewigkeit? — Die deutsche “Schuld­kultur” und ihre Denkverboten

Deutschland hat sich selbst einen Wer­te­kanon ver­ordnet, zu dem es keine Alter­native gibt und vor allem keine geben darf. Dieser Kanon besagt im Wesent­lichen, dass das heutige Deutschland die ewige Anti-These zum Natio­nal­so­zia­lismus (NS) sein will und in seiner gesamten Politik der ganzen Welt für immer zeigen möchte, dass es das “Nie wieder” auch wirklich und bis in die letzte Faser ver­in­ner­licht hat.

Diese Situation scheint auf den ersten Blick ver­ständlich, richtig und gut. Wer nicht weiter darüber nach­denkt, der wird diese mono­kolore deutsche Haltung auch kri­tiklos unter­stützen. Sie bietet überdies für jeden reichlich Raum, sich als braver und guter Anti-Faschist zu gerieren und und damit etwas für sein per­sön­liches und poli­ti­sches Wohl­be­finden zu tun, denn jede andere als diese eine und einzige Haltung ist ver­dächtig und womöglich ohnehin sofort abzu­lehnen und zu ver­ur­teilen. Es gibt im aktu­ellen und strikt gehand­habten Kanon auf der einen Seite nur die neuen, guten Deut­schen und auf der anderen nur die bösen, braunen Deut­schen. Eine dritte Mög­lichkeit exis­tiert in diesem Kanon nicht: Tertium non datur.

Neue Pro­bleme

Dieses Schwarz-Weiss-Denken schafft aber auch Nöte — und zwar ganz massive. Alle staats- und völ­ker­recht­lichen Ver­ren­kungen, die im Rahmen der Migra­ti­ons­krise statt­fanden und noch immer statt­finden, sind auf den Kanon der oben beschrie­benen Anti-These zurück­zu­führen: Wer sogar Begriffe wie “Volk” und “Nation” und die für die Existenz der­selben absolut not­wendige Sicherung der Grenzen und das Bekenntnis zum intakten natio­nalen Staats­ge­bilde für pro­ble­ma­tisch hält, weil er glaubt, dass das alles irgendwie bräunlich kon­ta­mi­niert sei, tappt in die eigene Falle einer sich auf das reine “Nie wieder” begrün­denden und aus­schließlich darauf redu­zie­renden Staats­phi­lo­sophie, die nichts sein will als für alle Welt offen.

Merkel-Deutschland sah die Migra­ti­ons­krise als Pur­ga­torium. Für die deutsche Kanz­lerin war 2015 die ulti­mative Mög­lichkeit gekommen, um Deutschland durch eine sich aus huma­ni­tären Gründen demons­trativ über das Recht hin­weg­set­zende per­missive Haltung den Migranten gegenüber nur noch als anti­fa­schis­tisch und anti­ras­sis­tisch dar­zu­stellen. Damit sollte es Deutschland endlich gelingen, in aller Welt als edel, hilf­reich und gut wahr­ge­nommen zu werden.

Wer ist das Volk?

“Das Volk ist jeder, der in unserem Lande lebt” — so sagte die deutsche Kanz­lerin Anfang dieses Jahres und brachte damit die gesamte Pro­ble­matik ihrer Politik nolens volens auf den Punkt. Die neue deutsche Güte, die sich aus dem Anti-NS-Wer­te­kanon ent­wi­ckelt hat, wird durch den unbe­dingten Willen zur Öffnung zu einer fast schon gro­tesken Kari­katur ihrer selbst. Kein Land kann für alle offen sein, denn das führt natur­gemäß zu seinem Untergang. Die im wahrsten Sinne des Wortes gren­zenlose Güte kehrt sich alsbald in ihr Gegenteil und wird selbst­zer­stö­re­risch.  Der ex negativo auf­ge­baute Kanon ver­fehlt also in Wirk­lichkeit auf eine tra­gische Weise sein Ziel.

Das wissen die deut­schen Poli­tiker natürlich und viele von ihnen streben des­wegen mit Verve ein ver­eintes Europa an. Sie hul­digen dem anti­na­tio­nalen Denken in Form des Willens zur totalen Glo­ba­li­sierung, zumindest aber zur totalen Euro­päi­sierung. Indem man durch die Fusion Europas die viel­zi­tierte “besondere deutsche Ver­ant­wortung” an alle anderen dele­giert und sie so auf­teilt, kommt man mit sich ins Reine: Die Außen­grenze Europas, zu der kann man auch als Deut­scher mit gutem Gewissen stehen.

Im Amalgam des zukünf­tigen gemein­samen Europas geht das Deutsche auf wie ein Tropfen Wasser im vollen Glas, so hofft man ins­geheim. Unwei­gerlich denkt man an Thilo Sar­razins prä­gnanten Buch­titel “Deutschland schafft sich ab”. Die Abschaffung Deutsch­lands ist wohl oder übel auch das Ziel, das fol­ge­richtig am Schluss der beschrie­benen Anti-These stehen muss, die durch Merkel so präsent und all­täglich spürbar geworden ist wie nie zuvor.

Ver­dammt in ewiger Umklammerung?

Bei genauerer Betrachtung der Ver­hält­nisse wird man aber stutzig: Wenn man eine solche fast schon obsessive Politik wie die deutsche ver­tritt, ent­steht der Ver­dacht, dass man sich von den alten Gespenstern noch gar nicht richtig ver­ab­schiedet hat — weil man sich aus noch zu bespre­chenden Gründen in einer fatalen his­to­ri­schen Umklam­merung befindet, die noch nicht gelöst ist. Durch die täglich zele­brierte, immer groß ange­legte und immer aufs neue begonnene Ver­treibung der braunen Dämonen und durch das “Niemals ver­gessen” erhalten diese bösen Geister ja erst recht ein Leben, das ihnen gar nicht zustehen sollte.

Wem nützt das alles?

Der Gedanke drängt sich auf, dass man sich von diesen in ermü­dender Red­undanz täglich in düstere Szenen gesetzten und doch nur toten deut­schen Haus­geistern nicht nur neue Daseins-Legi­ti­ma­tionen, sondern vor allem auch eigen­nützige poli­tische Benefits erwartet: Wer den NS stets laut ver­dammt und womöglich poli­tische Gegner und die Kri­tiker des Status quo ins braune Eck stellen kann, der muss sonst keine Argu­mente finden und kann sich nach einem empörten “Sie Nazi!” ent­spannt zurücklehnen.

Die Nazi-Keule ist noch immer ein zwar nicht mehr ganz so wirk­sames, aber doch noch höchst will­kom­menes Instrument der poli­ti­schen Debatte — obwohl längst klar ist: Wer sie pau­senlos und überall als Argument-Ersatz ver­wendet, der macht sich der intel­lek­tu­ellen Unred­lichkeit schuldig, denn er per­p­etuiert die letztlich kon­tra­pro­duktive deutsche Anti-These und ver­hindert so eine kon­struktive neue Politik, die sich auf die Hand­lungs­ebene der Heu­tigen begibt.

Tertium non datur?

Halten wir kurz inne: Wir haben fest­ge­stellt, dass sich die deutsche (und mit ihr natürlich auch die öster­rei­chische) Politik durch das geschil­derte Schwarz-Weiss-Denken und durch die damit ver­bundene per­ma­nente Umklam­merung der bösen gemein­samen NS-Geschichte an der eigenen Ent­wicklung hindert. Wir haben im Wei­teren gesehen, dass es poli­tische Pro­fi­teure dieser stän­digen Beschwörung gibt. Und wir haben bemerkt, dass scheinbar keine Alter­na­tiven existieren.

Es muss Alter­na­tiven geben

Das ist der sprin­gende Punkt: Rational betrachtet ist es Unsinn, dass das deutsche (und öster­rei­chische) Wesen auf alle Zeiten alter­na­tivlos davon beherrscht werden muss, sich ständig mit der eigenen jün­geren His­torie zu beschäf­tigen und diese Beschäf­tigung als immer­wäh­rende Prä­misse fest­zu­schreiben. Freilich müssen wir eine spe­zielle Sen­si­bi­lität für diese unsere Geschichte behalten, weil das Grauen eben hier bei uns pas­siert ist. Das muss aber über Bildung und Unter­richt erfolgen und nicht über die oft atem­losen und per­ma­nenten poli­ti­schen Ver­suche, längst ver­nichtete Dämonen zu vertreiben.

Aus der berech­tigten und totalen Ablehnung des NS darf kein trü­ge­risch wir­kendes Elixier des Daseins werden, das man von morgens bis abends dem Volk ver­ab­reicht. Dieser Trank ver­nebelt nämlich die Ver­nunft und er hin­ter­lässt am Ende nur einen großen Kater, der erst recht wieder ein Res­sen­timent befördert, das keiner von uns haben will.

Wie sieht nun der Ausweg aus diesem wie ein Fluch auf den Nach­ge­bo­renen las­tenden Dilemma aus? Der große öster­rei­chische Denker Rudolf Burger hat schon 2001 in seinem damals im Feuil­leton und im polit­kor­rekten Lager helle Empörung ver­ur­sa­chenden “Plä­doyer für das Ver­gessen” gemeint, dass es nicht nur ein Gebot der Klugheit ist, das per­ma­nente und all­täg­liche Gedenken und das ständige Zitieren und Beschwören des Dritten Reichs zu beenden, sondern dass dies auch ein Akt der Pietät den Opfern gegenüber ist. Damit hat er voll­kommen recht: Es ist nach­gerade schon obszön gegenüber den Mil­lionen von Ermor­deten, die schre­ckens­vollen zwölf Jahre des Tau­send­jäh­rigen Reichs ständig für eigene Zwecke und poli­tische Ziele zu instrumentalisieren.

Ergo dessen muss gelten: Statt uns selber die nicht erlebte Ver­gan­genheit ständig vor­zu­werfen und aus dieser ein als Anti-These for­mu­liertes Selbstbild zu kon­stru­ieren, sollten wir Heu­tigen über­legen, was wir wirklich brauchen, um eine gelungene und gute Politik samt sicherer kul­tu­reller Iden­tität zu erreichen.

Was wir brauchen

Was wir brauchen, ist eine Wie­der­be­lebung der rechts­staat­lichen und völ­ker­recht­lichen Ver­nunft — in Deutschland und in Öster­reich. Diese Ver­nunft darf nicht länger in der Gei­selhaft eines Selbst­ver­ständ­nisses bleiben, das sich nur als Anti­these sieht, sondern sie muss dort endlich her­aus­geholt werden.

Was wir brauchen, ist nicht nur ein Bann absolut jedem Nazi gegenüber, sondern auch den Bann jedes Nazi-Keu­len­schwingers. Der Rechts­staat hat die Instru­mente, ers­teren zu ver­ur­teilen: Dafür gibt es das Ver­bots­gesetz. Und darüber hinaus haben die Politik und die Medien die Mög­lichkeit und die Macht, jeden der selbst­ge­rechten Keu­len­schwinger zu kri­ti­sieren, denn diese schaden der poli­ti­schen Debatte, der Iden­ti­täts­bildung und letztlich unserer gesamten Kultur.

Was wir brauchen, ist eine eine Neu­auf­ladung der ursprünglich und über viele Men­schen­alter positiv besetzten Begriffe wie Heimat, Vaterland, Nation und Volk. Wir sollten immer daran denken: Diese so viel­sa­genden und wert­hal­tigen Begriffe wurden nicht vom NS erfunden, sondern von ihm miss­braucht — und sie waren schon lange vorher da. Diese Begriffe sind auch die Vor­aus­set­zungen dafür, dass über­haupt etwas ist, das sich Staat nennen kann.

Was wir brauchen, ist den Mut, in der so bren­nenden Frage der Mas­sen­mi­gration Hal­tungen zu ver­treten, die in anderen Ländern wie etwa in den USA oder in Aus­tralien völlig normal sind: Es kann keine für alle offenen Grenzen und keine unkon­trol­lierte, unge­hin­derte Migration geben. Wir müssen endlich die pseud­o­hu­ma­nitäre Lüge auf­geben, dass es “menschlich” wäre, der Mas­sen­mi­gration auch nur in irgend­einer Weise Vor­schub zu leisten.

Was wir brauchen,  ist schließlich den Anstand und die Würde, zu unserer eigenen abend­län­di­schen Kultur, die wir ja ein­mütig für die beste halten, klar zu stehen und sie gegenüber anderen Ansprüchen, die diese Hege­monie angreifen wollen, mit allen Mitteln zu verteidigen.

Dr. Marcus Franz / thedailyfranz.at