Grie­chenland: Die Lüge der gewinn­brin­genden „Rettung“

Letzte Woche haben wir wieder gesehen, wie die Politik mit Lug und Trug das Märchen der „Euro-Rettung“ und der „Grie­chenland-Rettung“ immer wei­ter­spinnt. Wir hatten sogar das dop­pelte Wunder der Rettung Grie­chen­lands (trotz höherer Schulden relativ zum BIP als zu Beginn der Rettung!) und der Gewinne, die wir Deut­schen mit der Kre­dit­vergabe gemacht hätten! Allen geht es also besser, ist das nicht echte Staatskunst?!
„In der Debatte um die Rettung von Grie­chenland wird ein Detail gerne ver­gessen oder igno­riert: Die Geld­geber pro­fi­tieren von ihren Hil­fe­leis­tungen, solange die erteilten Kredite durch die hel­le­nische Republik bedient werden. Die Staaten als Geld­geber hatten dabei bisher Glück. So zählt auch Deutschland zu den Gewinnern der Krise – und hat seit dem Jahr 2010 ins­gesamt min­destens 2,9 Mil­li­arden Euro aus Zins­ein­künften ver­dient. Das geht aus einer Antwort des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­riums auf eine Anfrage der Grünen hervor, die dieser Redaktion vor­liegt.“Stelter: Das ist doch einfach SUPER.
O. k., da gibt es dann so Mie­se­peter wie den CDU-Haus­halts­ex­perten Klaus-Peter Willsch der unter anderem darauf hin­weist, dass wir diesen Zins­gewinn wieder an Grie­chenland über­weisen, direkt vom Sperr­konto wieder zurück, aber egal. Die Nach­richt ist in der Welt!
Natürlich ist es nicht richtig. Denn die „Rettung“ – die in Wahrheit eine Kon­kurs­ver­schleppung ist! – kostet uns Mil­li­arden! Denn Geld hat einen ZeitwertGeld, das ich heute bekomme, ist mehr wert als Geld, das ich erst in dreißig Jahren erhalte. Man darf nicht den Nennwert der Schulden ansetzen, sondern den Zeitwert. Das liegt am ver­steckten Schul­den­erlass der Euro-Kre­dit­geber über tiefere Zinsen – allen voran Deutschland –, längere (til­gungs­freie) Lauf­zeiten und damit die zuneh­mende Ent­wertung durch Inflation. Wir mögen zwar in einigen Jahr­zehnten den gleichen nomi­nalen Betrag zurück­be­kommen, kauf­kraft­mäßig und ange­sichts der alter­na­tiven Ver­wen­dungs­mög­lichkeit der Mittel ist es deutlich weniger wert. Ein Ver­mö­gens­transfer vom Gläu­biger zum Schuldner, der natürlich den Gläu­biger etwas kostet, egal, was Merkel, Schäuble und jetzt Scholz für eine Geschichte erzählen. Und das Beste: Letzte Woche wurden die Zah­lungs­ziele nochmals ver­längert, es war also ein umfang­reicher wei­terer Schul­den­erlass. Aber egal, die Medien machen mit und wundern sich, wenn man ihnen nicht mehr traut!
Schon 2016 wurde das bei Stelter dis­ku­tiert, damals unter dem Titel: Die Lüge des Jahr­hun­derts ist eine deutsche! Hier die Fakten:

  • „(…) die sprich­wörtlich gewordene Schul­denlast (ist) ‚die größte Lüge des Jahr­hun­derts‘, wie Paul Kazarian sagt (…). Der 61-jährige US-Ame­ri­kaner ist der größte private Gläu­biger Grie­chen­lands. (…) Laut Kazarian liegt Grie­chen­lands Schul­den­stand wenn man ihn denn korrekt berechne nicht bei 177 Prozent der Wirt­schafts­leistung, sondern nur bei höchstens 71 Prozent.“
    Stelter:: Das stimmt. Kauf­män­nisch gerechnet ist der echte Wert der Schulden deutlich tiefer.
  • „Kazarian zufolge sollte nicht mehr der Nennwert der grie­chi­schen Schulden der Aus­gangs­punkt sein also deren absolute Höhe von rund 312 Mil­li­arden Euro (Stand Ende 2015). Statt­dessen müsse der Schul­den­stand nach dem Zeitwert der Ver­bind­lich­keiten berechnet werden und damit auch der ver­steckte Erlass, den die Euro-Partner Grie­chenland gewährt haben. Sie haben nicht nur die Zinsen erheblich gesenkt. Grie­chenland darf seine Schulden zudem über einen wesentlich län­geren Zeitraum zurück­zahlen und muss auch erst zehn Jahre später damit anfangen als ursprünglich ver­einbart – durch die Inflation bedeutet das eine deutlich geringere Belastung.“
    Stelter:: Das ist völlig richtig. Dann müsste aber Herr Schäuble sagen, dass wir auch weniger Geld zurück­be­kommen. Das macht er natürlich nicht. Genauso wie es richtig ist, dass die Schulden Grie­chen­lands geringer sind, als sie nominell aus­sehen, sind natürlich auch unsere For­de­rungen weniger wert. Das kann die Bun­des­re­gierung aber nicht zugeben, also rea­li­sieren wir den Verlust über Zeit und ver­größern ihn sogar noch, indem wir immer weitere Ret­tungs­pakete schnüren. Ziemlich teuer, nur um Wahlen zu gewinnen – oder? Hier übrigens nochmals der Hinweis aus einem frü­heren Stelter:-Beitrag, wer das Geld bekommen hat: „Laut ifo Institut wurden die Ret­tungs­mil­li­arden für Grie­chenland so ver­wendet: ein Drittel für den lau­fenden Konsum, ein Drittel zur Finan­zierung der Kapi­tal­flucht aus dem Land und ein Drittel, um die pri­vaten Geld­geber – also die Banken der anderen Länder – zu retten. Dabei wird es inter­essant, wie das Council of Foreign Rela­tions vor­rechnet. (Die FT macht aller­dings bessere Bilder, deshalb von dort). Zunächst die Ver­än­derung der Aus­lei­hungen an Griechenland:“
    Greece chart
    Inter­essant ist:
    • Fran­zosen, Ita­liener und Hol­länder sind ganz raus aus Griechenland.
    • Deutsche, Eng­länder und Ame­ri­kaner hielten immer noch rund zehn Mil­li­arden an Forderungen.
    • Die deut­schen Banken haben ihre Aus­lei­hungen zwar deutlich redu­ziert (bzw. haben im ersten Schul­den­schnitt ver­loren), aber sind im Unter­schied zu den Fran­zosen vor allem dabei­ge­blieben. Ich erinnere mich noch gut, wie der deutsche Finanz­mi­nister am Morgen nach der ersten Ret­tungs­aktion für Grie­chenland den deut­schen Banken signa­li­sierte, sie sollten ihre Posi­tionen nicht abbauen und die fran­zö­si­schen Banken zur gleichen Zeit massiv Anleihen an die EZB abgaben.
    Betrachtet man nun öffent­liche und private Kredite kom­bi­niert, wird das Bild noch interessanter:
    Greece chart
    Gegenüber dem Jahr 2010 haben Irland, Por­tugal und Frank­reich ihre For­de­rungen an Grie­chenland netto ver­ringert. Ein­ge­sprungen sind Deutschland, Italien und Spanien. Diese drei Länder haben fak­tisch die Reduktion der For­de­rungen von Frank­reich ermög­licht. (Stelter: Wie dumm kann man sein?)
    Kein Wunder, dass besonders die Fran­zosen jetzt auf einen Schul­den­erlass drängen. Denn keiner hat so viel von der „Rettung“ pro­fi­tiert wie sie. Hier der Beitrag aus dem Juli 2015: → Deutschland, Spanien und Italien haben die Fran­zosen raus­ge­hauen – und jetzt sollen wir nachlegen
  • „Wenn der Schul­den­stand eines Landes als nicht trag­fähig ange­sehen wird, kann das zu einer sich selbst erfül­lenden Pro­phe­zeiung Die Boni­täts­be­wertung des Landes ver­schlechtert sich, wodurch Kredite und damit dringend benö­tigtes Kapital auch für die Pri­vat­wirt­schaft teurer werden – was aus­län­dische Inves­toren ver­treibt. Außerdem wird Grie­chenland gezwungen, noch mehr Finanz­hilfen von den Euro­staaten zu fordern. Die geben neue Kredite jedoch nur unter der Bedingung hoher Haus­halts­über­schüsse und zwingen die Regierung damit zu har­schen Spar­pro­grammen sowie unpo­pu­lären und häufig umstrit­tenen Struk­tur­re­formen. Nicht zuletzt führt ein hoher Schul­den­stand zu erheblich höheren Zins­auf­schlägen für neue Kredite, sobald Grie­chenland wieder an die Kapi­tal­märkte zurückkehrt.“
    Stelter: Das ist absolut richtig und habe ich auch schon mal dis­ku­tiert. Und zwar hier das Ori­ginal von Michael Pettis: → When do we decide that Europe must rest­ructure much of its debt?
  • Aber wenn die Schul­denlast in Wirk­lichkeit viel nied­riger ist – wieso weist die grie­chische Regierung nicht selbst laut­stark darauf hin? „Aus dem gleichen Grund, weshalb Grie­chenland seinen Schul­den­stand vor der Krise zu niedrig aus­ge­wiesen hat“, sagt Kazarian. „Damals, um in die Eurozone zu kommen und dadurch günstig Kredite auf­nehmen zu können. Heute dienen die über­trie­benen Zahlen den For­de­rungen an die Euro-Partner nach mehr Geld und Soli­da­rität.“
    Stelter: stimmt. Und die Gläu­biger – vor allem die deutsche Bun­des­re­gierung, die, wie oben gezeigt, unser Geld ver­wendet hat, um fran­zö­sische Banken zu retten – machen nur zu gerne mit!

Fakt ist nun, 2018, fol­gender: Wir haben den Wert unserer For­de­rungen weiter deutlich ver­ringert, dem Land also Geld geschenkt. Das machen Gläu­biger, wenn Schuldner nicht zahlen können. Daraus aber zu schließen, es wäre ein Gewinn für uns gewesen, ist eine ziemlich starke Volte. Nein, es ist eine bewusste Täu­schung der hie­sigen Steu­er­zahler. Die Regierung und die Oppo­sition sitzen dabei in einem Boot. Wo ist die Partei, die laut aufschreit?
spiegel.de: „US-Investor nennt Schul­denberg die Lüge des Jahr­hun­derts‘“, 2. Dezember 2016


Dr. Daniel Stelter — www.think-beyondtheobvious.com