Was erwartet uns im neuen Jahr­zehnt – ein wirt­schaft­licher Ausblick

Jeder Versuch einer Pro­gnose der Zukunft muss zwangs­läufig auf der Ver­gan­genheit beruhen. Die wirt­schaft­liche Ent­wicklung der ver­gan­genen zehn Jahre wird weit in das kom­mende Jahr­zehnt hineinwirken.

Aus diesem Grund habe ich mich in der ver­gan­genen Woche dem Rück­blick gewidmet.

Heute geht es um den Aus­blick. Hier meine zehn Thesen zur wirt­schaft­lichen Ent­wicklung der kom­menden zehn Jahre:

1.     China bleibt bestimmend für die Welt­wirt­schaft – mehr Risiko als Chance

In den letzten 10 Jahren war China das Zug­pferd der Welt­wirt­schaft – direkt über sehr hohes Wachstum im Inland, indirekt über den Aus­strahl­effekt, vor allem Roh­stoff­nach­frage und Inves­ti­tionen im Ausland (neue Sei­den­straße). Dabei basierte das Wachstum auf einer güns­tigen demo­gra­fi­schen Ent­wicklung (Zuzug vom Land in die Stadt), erheb­lichen Inves­ti­tionen und einer zunehmend höher­wer­tigen, inno­va­ti­ons­ba­sierten, Wirt­schaft. Es basierte aber auch auf einer deut­lichen Zunahme der Ver­schuldung mit zunehmend zwei­fel­haften Investitionen.

Das führt zu einem vor­sich­tigen Ausblick:

  • Die demo­gra­fische Ent­wicklung kippt in China. In den kom­menden Jahren wird die Erwerbs­be­völ­kerung schrumpfen. Schon jetzt gibt es Lohn­druck, weshalb Pro­duktion aus China in güns­tigere Länder abwandert.
  • Die hohe Ver­schuldung kann zu einer Krise führen – muss nicht. Opti­misten ver­weisen auf die geringe offi­zielle Staats­ver­schuldung und die leichtere Mög­lichkeit eines auto­ri­tären Staates, mit solchen Krisen umzu­gehen. Doch selbst wenn das stimmt, wird damit zwar eine große Krise ver­mutlich ver­hindert, dennoch ist ein gerin­geres Wirt­schafts­wachstum so oder so die Folge und damit gerin­geres Wachstum in der Welt.
  • China wird alles dar­an­setzen, um höher­wertige Pro­dukte anzu­bieten. Dies wird zur nächsten Welle von Ver­lusten an Arbeits­plätzen in der west­lichen Welt/weiteren Lohn­druck führen, was die Ungleichheit der Markt­ein­kommen (also vor Umver­teilung) weiter erhöht.
  • Deutschland wird diese Ent­wicklung besonders hart treffen, weil die hie­sigen Export­in­dus­trien direkt betroffen sind. Vor allem Auto­mobil- und Maschi­nenbau. Bestes Bei­spiel ist die För­derung der Elek­tro­mo­bi­lität, die zwar zurück­ge­nommen wurde, aber nicht endet. Hier geht es um die Besetzung von Zukunftsmärkten.

Fazit: China wird im güns­tigsten Fall nicht mehr die Wirt­schaft ziehen und zur Belastung für ein­zelne Volks­wirt­schaften durch inten­si­veren Wett­bewerb werden. Im ungüns­tigen Sze­nario führt die hohe Ver­schuldung zu einer Krise, die die Welt massiv beein­träch­tigen würde.

2.     Europa – und vor allem Deutschland – werden wie Japan

  • In den nächsten zehn Jahren setzt der demo­gra­fische Wandel in Europa voll ein. Die Baby­boomer werden in den Ruhe­stand gehen. Es sind die Jahr­gänge 1955 bis 1967. Jeder Jahrgang zählt rund 1,3 Mil­lionen Bürger. Die nach­fol­gende Generation, die ab Mitte der Sieb­zi­ger­jahre geboren wurde, ist deutlich schwächer besetzt.
  • Innerhalb der kom­menden zehn Jahre wird die Zahl der Bürger zwi­schen 20 und 64 Jahren um 3,8 Mil­lionen schrumpfen. Es ist die Alters­gruppe der poten­ziell Erwerbs­fä­higen, die Wohl­stand schaffen, die Steuern und Bei­träge zahlen. Der Verlust ist – rein sta­tis­tisch – nur ver­gleichbar mit der Dezi­mierung einiger Weltkriegsjahrgänge.
  • Zugleich wird es bis zum Ende der Dekade in Deutschland gut drei Mil­lionen Rentner mehr geben als heute. Jeder vierte Bun­des­bürger wird dann über 67 Jahre alt sein: 19 Mil­lionen Per­sonen. Und die Zahl der Pfle­ge­be­dürf­tigen steigt um 600.000 auf 4,1 Mil­lionen. Deutschland wird zur Altenrepublik.
  • Dies wirkt sich auf mehrere Weisen aus: a) Der Fach­ar­bei­ter­mangel nimmt dras­tisch zu und führt zu einer ver­stärkten Ver­la­gerung von Pro­duktion in das Ausland. b) Die Nach­frage geht zurück und dämpft das Wirt­schafts­wachstum. c) Es wird offen­sichtlich, dass die Politik der letzten Jahr­zehnte nicht vor­ge­sorgt hat und die Abga­ben­be­lastung steigt, Inves­ti­tionen gehen noch weiter zurück.
  • Wenn Mil­lionen mehr in Rente gehen und Mil­lionen weniger arbeiten, tut sich eine Finan­zie­rungs­lücke auf. Von 2020 bis 2030 werden die Aus­gaben für Renten‑, Pflege‑, Arbeits­losen- und Kran­ken­ver­si­cherung laut Prognos AG von 679 Mil­li­arden um fast die Hälfte auf 996 Mil­li­arden Euro steigen, das ist eine zusätz­liche Last von jährlich gut 30 Mil­li­arden Euro. Der Bei­tragssatz für die Sozi­al­kassen lässt sich dann nicht mehr unter 40 Prozent vom Brut­to­ver­dienst halten, er klettert auf mehr als 45 Prozent.
  • Damit steigen die Sozi­al­aus­gaben für die Bürger – und anteilig für die Unter­nehmer: Sie müssen sich im kom­menden Jahr­zehnt auf deutlich höhere Arbeits­kosten ein­stellen. Es ist deshalb absehbar, dass – wie in den Neun­zi­ger­jahren – die Stand­ort­frage die Debatte bestimmen wird: Lohn­ne­ben­kosten, Urlaubs­an­sprüche, die Wett­be­werbs­fä­higkeit Deutsch­lands.

Deutschland ist mit dieser Ent­wicklung in Europa nicht allein. Lediglich für Frank­reich und UK wird eine bessere demo­gra­fische Ent­wicklung pro­gnos­ti­ziert. Dies liegt an höheren Gebur­ten­raten (F) und anhal­tender Zuwan­derung (UK). Beide Länder werden 2050 mehr Ein­wohner haben als Deutschland.

  • Da Wirt­schafts­wachstum von zwei Fak­toren abhängt, der Erwerbs­be­völ­kerung und deren Pro­duk­ti­vität, bedeutet dies, dass Europa in das eigene japa­nische Sze­nario fällt: geringes Wachstum, geringe Inflation/deflationärer Druck, zuneh­mende Verteilungskonflikte.
  • Es gibt aller­dings Unter­schiede zu Japan, die das „japa­nische Sze­nario“ für Europa noch pro­ble­ma­ti­scher machen: Die Gesell­schaften Europas sind weniger homogen als die japa­nische und die Zuwan­derung der letzten Jahr­zehnte belastet schon jetzt sehr große Sozi­al­systeme. Europa ist kein Staat, sondern ein Bund unab­hän­giger Staaten und Nationen, die ange­sichts unzu­rei­chender wirt­schaft­licher Ent­wicklung zu mehr Natio­na­lismus und Popu­lismus neigen werden. Siehe Italien. Und letztlich erschwert der Euro die Anpassung und eignet sich zudem als Sün­denbock für die Politik.

Fazit: Europa dürfte vor einer erheb­lichen Belas­tungs­probe stehen und die Euro­krise, die in den letzten Jahren nur vom bil­ligen Geld der EZB unter­drückt wurde, wieder aufbrechen.

3.     Die EU bleibt mit dem Green Deal allein – und wird scheitern

  • Ähnlich wie Japan in den letzten 30 Jahren, werden die Staaten Europas in meh­reren Anläufen ver­suchen, die Wirt­schaft zu beleben. Dazu werden staat­liche Kon­junk­tur­pro­gramme in einem Umfang auf­gelegt werden, wie gerade wir Deut­schen sie uns bisher nicht vor­stellen können.
  • Auf Ebene der EU wird das ver­bunden sein mit dem bereits ver­kün­deten Pro­gramm des Green Deals – also dem Pro­gramm zur dras­ti­schen Reduktion der CO2-Emis­sionen der EU.
  • Die EU will hier – so zumindest der Anspruch der neuen Kom­mission – welt­weiter Vor­reiter sein und so die anderen Staaten davon über­zeugen, den gleichen Weg zu beschreiten.
  • Ich nehme hier eine skep­tische Position ein. Dabei geht es mir nicht um Sinn und Unsinn des Ziels einer deut­lichen Reduktion des CO2-Austoßes. Es geht mir um den von der Politik gewählten Ansatz und um die feh­lenden grund­le­genden Voraussetzungen.
  • Dabei bin ich opti­mis­tisch, dass die Welt das Problem des Kli­ma­wandels bewäl­tigen kann und wird: neue Tech­no­logien (z. B. neue Generation von Kern­kraft­werken, neu­artige Bat­terien, Tech­no­logien zur CO2-Spei­cherung, Rück­ge­winnung und sogar Nutzung zur Pro­duktion von Kunst­stoffen etc.)
  • Der Politik kommt dabei die Rolle eines Rah­men­setzers zu. Bei­spiel: Laut IWF würde eine Steuer von 75 US-Dollar je Tonne CO2 genügen, um das Ziel der Begrenzung von zwei Grad zu erreichen. Emis­si­ons­zer­ti­fikate würde dabei helfen, den effi­zi­en­testen Weg der CO2-Ver­meidung zu finden.
  • Die Politik in Deutschland, aber auch auf Ebene der EU, will hin­gegen direkt ein­greifen, um den Wandel zu bewirken. Das ist im Kern ein plan­wirt­schaft­licher Ansatz, der annimmt, dass die Politik besser weiß, was zu tun ist.
  • Wohin das führt, kann man in Deutschland beob­achten, Thema eines wei­teren Pod­casts in den kom­menden Wochen. Nur ein Bei­spiel: 82 Mil­li­arden haben wir für die För­derung von Foto­voltaik in Deutschland aus­ge­geben. Ergebnis: rund zwei Prozent weniger CO2 in Deutschland (von den rund zwei Prozent unseres Anteils am welt­weiten Ausstoß) und eine Industrie, die nun in China sitzt.
  • Der Standort EU wird in Folge dieser Maß­nahmen zusätzlich an inter­na­tio­naler Wett­be­werbs­fä­higkeit ver­lieren. Schon so sind die Aus­sichten schlecht: schrump­fende Erwerbs­be­völ­kerung, hohe Abga­ben­be­lastung, stei­gende Ener­gie­kosten. Hinzu kommt der bereits in der ersten Folge des bto-Pod­casts bespro­chene Ver­sagen der EU bei Zukunftstechnologien.

Fazit: Die bis­herige Bilanz der EU mit solchen Pro­jekten lässt nur einen Schluss zu. Die EU wird die Ziele ver­fehlen und mit dieser Politik den rela­tiven Nie­dergang der Region beschleu­nigen. Das wird die Ver­falls­er­schei­nungen beschleunigen.

4.     Die tech­no­lo­gische Revo­lution kommt mit aller Kraft

Dabei liegt die Lösung auf der Hand: Inno­vation und tech­ni­scher Fort­schritt. Die Wälder Europas gibt es auch deshalb, weil unsere Vor­fahren auf Kohle und später auf Öl umge­stiegen sind. Die Wale gibt es noch, weil statt Tran, Petroleum als Lam­penöl genutzt wurde. Auch bei der Bewäl­tigung des Kli­ma­wandels wird es die Tech­no­logie sein, die die Lösungen bringt.

  • Nukle­ar­tech­no­logie: Während wir in Deutschland ver­suchen, aus­schließlich mit erneu­er­baren Energien zu arbeiten (und in der Praxis nur viel mehr Kohle- und Atom­strom impor­tieren), setzt die Welt auf die Atom­energie. Neben dem Bau wei­terer kon­ven­tio­neller Kraft­werke werden wir Fort­schritte bei der Kern­fusion erleben – nach 70 Jahre Arbeit daran. In Süd­frank­reich wird der von 35 Nationen finan­zierte Reaktor 2025 mit dem Pro­be­be­trieb beginnen (das soge­nannte ITER-Projekt – von latei­nisch „Weg“). Immerhin 22 Mil­li­arden werden in das Projekt inves­tiert. Natürlich werden wir noch keine Umstellung der Ener­gie­ver­sorgung auf die Kern­fusion in diesem Jahr­zehnt erleben, es gibt aber eine wahre Flut an neuen Ent­wick­lungen in der Kern­energie. Unter­nehmen in der ganzen Welt arbeiten an klei­neren, bil­li­geren und kom­pak­teren Atom­re­ak­toren. Ange­sichts der Noten­we­nigkeit, den CO2-Ausstoß zu ver­ringern, dürften die 2020er-Jahre eine globale Renais­sance der Atom­energie erleben, ob es den Deut­schen nun schmeckt oder nicht. Kleine, modulare und damit sicherere Reak­toren werden auf den Markt kommen.
  • Erneu­erbare Energien: Wind und Son­n­energie werden weiter Fort­schritte machen, aller­dings müssen wir das Problem der Ener­gie­spei­cherung lösen. Sicherlich kann man bei der Bat­te­rie­technik noch große Fort­schritte machen, diese dürften aller­dings länger dauern und noch nicht die 2020er-Jahre bestimmen.

Aber damit nicht genug. In allen Bereichen stehen wir vor erheb­lichen Durchbrüchen:

  • Auto­ma­ti­sierung und Digi­ta­li­sierung revo­lu­tio­nieren die Arbeitswelt und führen zu einem Umbruch für die Meisten. Dabei trifft diese Revo­lution immer mehr qua­li­fi­zierte Arbeiten, wie Rechts­an­wälte und Ärzte.
  • Dazu eine Studie des Instituts für Arbeits­markt- und Berufs­for­schung (IAB) der Bun­des­agentur für Arbeit (schon 2015) → Folgen der Digi­ta­li­sierung für die Arbeitswelt
  • Betrachtet man den deut­schen Arbeits­markt, bedeutet das, dass die Tätig­keiten von mehr als 2,4 Mil­lionen sozi­al­ver­si­che­rungs­pflichtig Beschäf­tigten derzeit nicht durch einen Com­puter zu ersetzen sind. Bei 13,2 Mil­lionen Beschäf­tigten können Com­puter 30 bis 70 Prozent ihrer Tätig­keiten erle­digen. Und bei 4,4 Mil­lionen Deut­schen beträgt das Sub­sti­tu­ier­bar­keits­po­tenzial mehr als 70 Prozent. Das heißt: 4,4 Mil­lionen Men­schen könnten theo­re­tisch schon jetzt von Com­putern ersetzt werden. Pro­zentual sind damit rund 15 Prozent aller sozi­al­ver­si­che­rungs­pflichtig Beschäf­tigten per heute austauschbar.

Quelle: IAB

  • Gerade für eine Gesell­schaft wie die deutsche eine enorme Chance, um die Alterung zu bewäl­tigen. Japan setzt voll auf Roboter und Automatisierung.

Auch in anderen Bereichen werden wir enorme Fort­schritte erleben: In der Medizin werden wir neue Behand­lungs­me­thoden gegen Krebs und Alz­heimer sehen. Neue Tech­no­logien führen zu einer engeren Ver­bindung von mensch­lichem Körper und Geräten, so zu einer direkten Kom­mu­ni­kation zwi­schen Gehirn und Com­puter. Und das ist nur eine Auswahl.

Fazit: Zwei­fellos werden wir auch in den kom­menden zehn Jahren enorme tech­nische Fort­schritte erleben. Wie diese Fort­schritte auf uns wirken werden, hängt vor allem davon ab, ob wir sie als Chance oder Bedrohung angehen. In Deutschland scheint die abweh­rende Haltung zu überwiegen.

5.     Dennoch bleiben die Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritte unbefriedigend

Trotz dieses tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts drohen die 2020er-Jahre erneut zu einer Ent­täu­schung bei den Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritten zu werden. Dies hat mehrere Ursachen:

  • Nach der Finanz­krise gab es in vielen Ländern des Westens ein Wachstum von Arbeits­plätzen vor allem im ein­fa­cheren Bereich. Dies hat dazu bei­getragen, dass trotz gerin­geren Wachstums als in der Vor­krisen-Zeit – das hatte ich letzte Woche – die Arbeits­lo­sigkeit nicht (so stark) anstieg.
  • Dies gilt auch in Deutschland: Die Wirt­schafts­leistung pro Arbeit­nehmer ist in Deutschland heute nied­riger als vor der Finanzkrise.
  • Die von einigen Seiten, wie der Bank für Inter­na­tio­nalen Zah­lungs­aus­gleich, aus­ge­machte „Zom­bi­fi­zierung“ der Wirt­schaft – Thema im Podcast zum Noten­bankso­zia­lismus – führt zusätzlich zu gerin­geren Inves­ti­tionen und damit zu gerin­geren Produktivitätsfortschritten.
  • Ohnehin sind die seit 2009 zurück­ge­gan­genen Inves­ti­tionen ein erheb­liches Problem. Der Kapi­tal­stock der Unter­nehmen ist so alt wie seit Jahr­zehnten nicht mehr und die Unter­nehmen haben mehr Geld in Buy­backs und Über­nahmen gesteckt als in ihr Geschäft.
  • Auch hier ist China wie­derum ent­scheidend! Und die Daten sind mehr als unsicher. Der ame­ri­ka­nische Think Tank Con­fe­rence Board kommt je nach Annahmen und Daten zu einem beein­dru­ckenden Pro­duk­ti­vi­täts­wachstum von 34 Prozent oder aber zu einem Rückgang um vier Prozent für die zehn Jahre in China. Ange­sichts der Bedeutung Chinas für die Welt­wirt­schaft, spielt dies eine ent­schei­dende Rolle.

  • Glaubt man, dass China vor­sichtig inves­tiert und damit pro­duk­tiver wird, gibt das Anlass zur Hoffnung. Stimmt hin­gegen die Befürchtung, dass China vor allem schlechte Inves­ti­tionen getätigt hat (schlecht: wenig pro­duktiv, wie zum Bei­spiel zu viel Immo­bilien, Über­ka­pa­zi­täten in einigen Sek­toren wie bei­spiels­weise Stahl), dann wäre die geringe oder gar sin­kende Pro­duk­ti­vität Chinas ein Alarm­signal für das kom­mende Jahrzehnt!

Fazit: Leider spricht wenig für eine Ver­bes­serung des Pro­duk­ti­vi­täts­wachstums, dabei wäre es der ent­schei­dende Hebel, um die Finan­zierung einer alternden Gesell­schaft ver­kraft­barer zu machen!

6.     Pro­tek­tio­nismus und Regio­na­li­sierung nehmen zu – Ende der Globalisierung

Passend zur Vor­hersage von ent­täu­schendem Wirt­schafts­wachstum auch die fol­gende Erwartung: Die Glo­ba­li­sierung wird nicht wieder Tritt fassen. Den Regie­rungen im Westen wird es nicht gelingen, ihr Wohl­fahrts­ver­sprechen ein­zu­lösen. Dies stärkt die Anti-Estab­lishment-Kräfte und Popu­listen weiter. Damit wird auch die Glo­ba­li­sierung immer weniger Rückhalt haben. Der Trend zu zuneh­mendem Pro­tek­tio­nismus, der seit der Finanz­krise fest­zu­stellen ist, wird sich fort­setzen. Mit und ohne Donald Trump.

  • Der Kon­flikt zwi­schen den USA und China dürfte 2020 ange­sichts des Wahl­kampfs eine Pause ein­legen. Selbst wenn Donald Trump nicht wie­der­ge­wählt wird (was kei­neswegs sicher ist, egal, was die Medien schreiben), sind einige der anderen Kan­di­daten (zum Bei­spiel E. Warren) und der US-Kon­gress eben­falls sehr skep­tisch, was den Frei­handel betrifft.
  • In der EU wird derweil der Green Deal mit dem Ver­teuern von als nicht „fair“ her­ge­stellten Importen ein­her­gehen. Diese Art des „Öko-Pro­tek­tio­nismus“ wird einen nicht immer unwill­kom­menen Vorwand liefern, eben­falls pro­tek­tio­nis­tisch zu reagieren. Damit zer­fällt die Welt­han­dels­ordnung der letzten Jahr­zehnte zunehmend.
  • Der Druck wird auch deshalb zunehmen, weil der tech­nische Fort­schritt nicht nur dazu führt, dass immer mehr Arbeits­plätze gefährdet sind, sondern auch dazu, dass neue Pro­duk­ti­ons­ver­fahren die auf Ska­len­ef­fekte – also auf Masse – aus­ge­legten Ver­fahren ersetzen werden. Damit wird der Nachteil der Markt­frag­men­tierung ver­mindert, was umge­kehrt den Anreiz zu pro­tek­tio­nis­ti­schem Handeln stärkt.
  • Weniger Glo­ba­li­sierung ist zugleich eine schlechte Nach­richt für die Armen der Welt. Es besteht die reale Gefahr, dass sich der Rückgang der Armut ver­langsamt oder gar umge­kehrt. Das Spie­gelbild der De-Globalisierung.

Fazit:  Leider spricht vieles dafür, dass die Welt re-regio­na­li­siert und die Abschottung zunimmt. Letztlich zum Nachteil aller.

7.     Die dritte Notenbank-Blase platzt

In der letzten Woche haben wir gesehen, dass die Politik der Noten­banken nicht wie gewünscht in der Real­wirt­schaft ankommt, dafür umso mehr in den Märkten für Ver­mö­gens­werte. Wir haben es ver­mutlich mit der vierten Notenbank-geschaf­fenen Blase der letzten 20 Jahre zu tun:

  • Dotcom (ange­schoben von der Fed durch die Liqui­di­täts­spritze, um einem Crash durch IT-Pro­bleme wegen der Umstellung auf das neue Jahr­tausend vorzubeugen).
  • Sub­prime (ange­schoben von der Fed durch die Flutung der Märkte nach dem Platzen der Dotcom-Blase und den Anschlägen vom 11. September).
  • Immo­bi­li­en­blasen in Irland, Spanien, Por­tugal, die ein wesent­licher Teil der Euro­krise waren (ange­heizt von viel zu tiefen Zinsen der EZB, die damit auf die Rezession in Deutschland reagierten).
  • Und nun der von vielen „Alles-Blase“ getauften Situation, wo vor allem Bonds, Aktien und Immo­bilien deutlich gestiegen sind.

An mög­lichen Aus­lösern mangelt es wahrlich nicht:

  • Pro­bleme am Markt für Unter­neh­mens­an­leihen in den USA (wo der Anteil der BBB-gera­teten Schulden am stärksten gestiegen ist und Covenant Lite Loans boomen).
  • Ein Wie­der­auf­flammen der Euro­krise durch eine Rezession oder poli­tische Ent­wick­lungen, wie der Wahl popu­lis­ti­scher Regie­rungen. Italien?
  • Kurs­ver­lusten, bei den als „sicher“ ein­ge­stuften Anleihen von Staaten, wenn Zweifel an der lang­fris­tigen Qua­lität zunehmen.
  • Fort­setzung des Han­dels­krieges, über­bor­dender Pro­tek­tio­nismus. Letztlich die bereits ange­spro­chenen nega­tiven Entwicklungen.

Fazit: Die Vor­hersage eines deut­lichen Crashs in den nächsten zehn Jahren ist ver­mutlich die risi­ko­lo­seste Aussage von allen hier gemachten. Wann es aller­dings zu dem Ein­bruch kommt und was der Aus­löser sein wird, wage auch ich nicht vorherzusagen.

8.     Wach­sender Staats­ein­fluss, mehr Umver­teilung, höhere Steuern

Ähnlich risi­kolos ist die Aussage, dass in der west­lichen Welt die Staaten auf dem Vor­marsch sind. Vor­geblich um „Markt­ver­sagen“ und „Ungleichheit“ zu bekämpfen, werden Poli­tiker deutlich mehr als in den letzten 30 Jahren in die Wirt­schaft ein­greifen. Es ist müßig, darauf hin­zu­weisen, dass

  • es kein Markt­ver­sagen ist, sondern eher die Folge staat­licher Inter­ven­tionen, Stichwort: Geld­po­litik der letzten Jahrzehnte.
  • Glo­ba­li­sierung weltweit zu weniger Ungleichheit geführt hat, aller­dings die Ungleichheit der Vor-Umver­teilung-Ein­kommen erhöht hat. Das Positive sollte aber überwiegen.
  • die Ungleichheit nach Umver­teilung kei­neswegs überall so gestiegen ist, wie behauptet wird. Gerade auch in Deutschland ist die Ver­än­derung nicht so groß.
  • die För­derung der Ver­schuldung zum Kaschieren  von gerin­gerem Wachstum und geringen Ein­kom­mens­zu­wächsen im Westen als Reaktion auf die Glo­ba­li­sierung aus­drücklich gewünscht war.
  • das Haupt­problem der Staaten – unge­deckte Ver­bind­lich­keiten für Renten und Soziales in Bil­lionen-Höhe – eine Folge der poli­ti­schen Miss­wirt­schaft ist.

Egal ob nun berechtigt oder nicht, wir werden also mehr staat­liche Ein­mi­schung erleben. Damit werden jene, die durch ihre Inter­ven­tionen maß­geb­liche Ver­ant­wortung für die schlechte Ent­wicklung haben, noch mehr Ein­fluss bekommen. Klar ist damit auch: Wir werden noch weniger Wachstum erleben als ohne diese Maßnahmen.

Diese poli­ti­schen Ein­griffe werden dabei auch als Reaktion auf den zuneh­menden Popu­lismus ver­kauft werden.

Fazit: Die 2020er-Jahre werden eine weitere Stärkung staat­lichen Ein­flusses, stei­gende Steuern und mehr Umver­teilung sehen. Unab­dingbar, um die leeren Staats­kassen mit Blick auf die unge­deckten Ver­bind­lich­keiten für Rente und Gesund­heits­ver­sorgung zu schließen.

9.     Die Noten­banken finan­zieren Staaten direkt

In den letzten Jahren wurde der Ruf nach mehr Fis­kal­po­litik immer lauter. Insti­tu­tionen vom IWF über die Weltbank bis hin zur OECD haben die Staaten zu mehr Inves­ti­tionen auf­ge­rufen. Dabei wird immer öfter auch gefordert, eine „engere Koor­di­nierung“ mit der Geld­po­litik zu erreichen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand:

  • Die Geld­po­litik hat für alle offen­sichtlich nicht erreicht, was gewünscht war. Wir haben keinen nach­hal­tigen Auf­schwung gesehen.
  • Die Neben­wir­kungen werden zwar von Noten­bankern und einigen Öko­nomen geleugnet, dürften aber letztlich allen klar sein: eine weiter stei­gende Ver­schuldung und vor allem Blasen an den Vermögensmärkten.
  • Das ver­stärkt die Gefahr von neuen Krisen und führt zur ängst­lichen Frage: Was können die Noten­banken noch tun, wenn es dazu kommt? Haben sie über­haupt noch Munition übrig?
  • Die Antwort liegt in der ange­spro­chenen „Koor­di­nation“ von Geld- und Fis­kal­po­litik, was nichts anderes ist als eine direkte Finan­zierung von Staats­aus­gaben durch die Noten­banken. Diese kann ver­schiedene Formen annehmen:
    Die Noten­banken kaufen (noch) mehr als heute Staats­an­leihen auf (was nicht mehr viel bringt).
    Die Noten­banken schaffen Geld, ohne eine Rück­zahlung zu erwarten (soge­nanntes Heli­kopter­geld, das an die Staaten, aber auch an die Bürger gehen könnte – siehe  → 10.000 Euro für Jeden.
    Die Noten­banken annul­lieren einfach die bestehenden Staats­an­leihen im Bestand (einen Weg, den Japan in den kom­menden zehn Jahren garan­tiert gehen wird mit span­nendem Ausgang (→ Dank Heli­ko­ptern – Japan hat sein Schul­den­problem gelöst) oder es geht gleich in Richtung „Modern Monetary Theory“ (MMT), womit eine dau­er­hafte Finan­zierung des Staates durch die Noten­banken sicher­ge­stellt würde und zugleich jeg­liche Bud­get­re­striktion ent­fiele. Müßig zu sagen, dass ich da skep­tisch bin. (→ MMT – Eine Neu­auflage der Ideen John Laws)
  • Am wahr­schein­lichsten ist eine enge Ver­bindung von Geld- und Fis­kal­po­litik. Die EZB hat unter der neuen Chefin Christine Lagarde schon ange­kündigt, den Kampf gegen den Kli­ma­wandel zu unter­stützen. Vor­der­gründig geht es dabei um die Belohnung grüner Invest­ments und Bestrafung brauner Invest­ments (also Kauf der einen Schulden und Verkauf der anderen, Ban­ken­re­gu­lierung in die gleiche Richtung etc.). In Wahrheit dürfte die EZB bereit­willig den Green Deal der neuen Kom­mission finan­zieren. Ange­sichts der befürch­teten Kli­ma­ka­ta­strophe dürfte da selbst die deutsche Regierung mit­machen (vor allem eine grün/linke) und dann kann die EU endlich das machen, was sie ohnehin tun will. Über eine so ange­triebene Wirt­schaft und indi­rekte (?) Ent­schuldung von Staaten und Pri­vaten den Euro „retten“.

Fazit: Im kom­menden Jahr­zehnt werden die Noten­banken offen­sichtlich ihre Unab­hän­gigkeit ver­lieren und zu direkten Staats­fi­nan­ziers werden (auch in den USA). Sie werden Pro­gramme finan­zieren, die dem Kampf gegen den Kli­ma­wandel dienen sollen, in Wirk­lichkeit aber die unge­deckten Ver­bind­lich­keiten der Staaten kaschieren und die Eiszeit bekämpfen. (→ Kli­ma­schutz: Kampf gegen die Eiszeit)

10.  Die Inflation kommt zurück

So komme ich zur ver­mutlich kon­tro­ver­sesten Vor­hersage: Es kommt zur Rückkehr der Inflation. Zwar hat die bis­herige Geld­po­litik alles ver­sucht, um eine Inflation zu erzeugen, und das Bei­spiel Japans zeigt, dass Inflation in einer alternden Gesell­schaft, die eine geplatzte Blase ver­kraften muss, schwer zu erzeugen ist. Dennoch ist davon aus­zu­gehen, dass es in den nächsten zehn Jahren zu einer Rückkehr der Inflation kommt. Das liegt an einer Kom­bi­nation der bereits genannten Faktoren:

  • Die direkte Finan­zierung der Staaten führt zu höherer Nachfrage.
  • Die zugleich abneh­mende Globalisierung/zunehmender Pro­tek­tio­nismus redu­ziert den glo­balen Wett­be­werbs­druck, was ein ent­schei­dender Unter­schied zu den letzten Jahr­zehnten in Japan ist.
  • Die alternde Gesell­schaft ver­schiebt das Ver­hältnis von Erwerbs­tä­tigen zu Nicht-Erwerbs­tä­tigen. Wegen der geringen Gebur­ten­raten ist dieses in den letzten Jahr­zehnten in der west­lichen Welt gestiegen (Kinder sind auch nicht-erwerbs­tätig). Die Bank für Inter­na­tio­nalen Zah­lungs­aus­gleich sieht deshalb ten­den­ziell infla­tio­nären Druck. Auch durch zuneh­mende Knappheit an qua­li­fi­zierten Arbeitskräften.
  • Die Maß­nahmen zur Reduktion des CO2-Aus­stoßes ver­teuern alles indirekt über Ver­teuern von Energie und direkt über Auf­lagen der Politik in ein­zelnen Sektoren.

Fazit: Poli­tisch und öko­no­misch spricht viel für eine Rückkehr der Inflation. Diese dürfte – so sie beginnt – durchaus höher sein, weil der Geld­überhang, der in den letzten Jahr­zehnten auf­gebaut wurde, dann schneller umläuft. Die Men­schen werden Geld weniger lang halten und damit die Inflation weiter anheizen. Da die Noten­banken daran inter­es­siert sind, das Wachstum der Ver­schuldung unter das Nomi­nal­wachstum des BIP zu drücken, werden die Nomi­nal­zinsen weniger stark steigen, was die Real­ver­zinsung noch nega­tiver macht.

Zusam­men­fassung

Nach einem schweren Jahr­zehnt ver­spricht das kom­mende nicht weniger tur­bulent und her­aus­for­dernd zu werden.

  • Der demo­gra­fische Wandel setzt voll­um­fänglich ein.
  • Das Wachstum bleibt schwach und fördert so popu­lis­tische und pro­tek­tio­nis­tische Strömungen.
  • Die Staaten werden sich (noch) mehr in die Wirt­schaft einmischen.
  • Die Noten­banken ver­lieren ihre Unab­hän­gigkeit und werden dazu über­gehen, die Staaten direkt zu finanzieren.
  • Eine Trend­wende bei der Inflation ist denkbar. Damit käme auch eine drei Jahr­zehnte andau­ernde Tendenz sin­kender Nomi­nal­zinsen zum Ende.

Gut möglich, dass wir in zehn Jahren über die grund­le­genden Fragen unserer Geld­ordnung sprechen. 50 Jahre nach Auf­hebung der Gold­bindung des US-Dollars dürfte der Wunsch nach einer Rückkehr zu sta­bi­lerem Geld lauter werden. Freilich erst, nachdem das Grund­problem der zu hohen Ver­schuldung grund­sätzlich gelöst wurde. Wie dies geschehen könnte, ist Thema eines wei­teren Podcasts.


Dr. Daniel Stelter –www. think-beyondtheobvious.com