Wie das unsolide Finanz­system extreme Kre­dit­zyklen auslöst, die zum Kollaps führen

Ein staat­liches Fiat-Wäh­rungs­system mit einer nur teil­weisen Deckung des Geld­um­laufs durch die Bankre­serven macht es möglich, dass die Geschäfts­banken mehr Geld als in Umlauf bringen als sie an Bargeld halten. Das soge­nannte Giralgeld wird als Bank­ein­lagen gleichsam aus dem Nichts geschaffen. So ein Wäh­rungs­system ist nicht nur äußerst volatil, sondern auch anfällig für lange und extreme Phasen der Kre­dit­aus­weitung und der Kreditkontraktion.

Kre­dit­zyklen

Ver­schul­dungs­zyklen können lange Zeit­räume umfassen. In den ver­gan­genen vier Jahr­zehnten ist es zu einer mas­siven welt­um­span­nenden Kre­dit­ex­pansion gekommen, die durch die Finanz­krise 2008, die Pan­de­mie­po­litik 2020 und die Sank­ti­ons­po­litik als Antwort auf die Ukrai­ne­krise jeweils neue Schub­wellen erfahren hat.

Abbildung 1

Globale Ver­schuldung seit 1970 in Prozent des glo­balen Bruttoinlandsproduktes

Quelle: https://blogs.imf.org/2021/12/15/global-debt-reaches-a-record-226-trillion/

Die Grafik (Abb. 1) zeigt absteigend von oben aus­gehend die globale Gesamt­ver­schuldung, die öffent­liche Schulden, die Ver­schuldung der pri­vaten Haus­halte und die Ver­schuldung der nicht­fi­nan­zi­ellen Unter­nehmen in Prozent des glo­balen Brut­to­in­lands­pro­duktes. In abso­luten Zahlen gerechnet, nähert sich die globale Gesamt­ver­schuldung derzeit dem Wert von 300 Bil­lionen US-Dollar .

Nach der langen Kre­dit­ex­pansion müsste eine Phase der Kre­dit­kon­traktion anstehen. Aller­dings kämpfen alle großen Zen­tral­banken massiv gegen den Trend.

Mit dem Ende der Bindung des US-Dollars an Gold in den 1970er-Jahren wurde die Ver­an­kerung des inter­na­tio­nalen Geld­systems gelichtet. Die globale Ver­schuldung in Prozent des Brut­to­in­lands­pro­dukts ist von 100 auf über 250 Prozent gestiegen. Eine Dämpfung dieses Zyklus ist längst über­fällig. Nach der langen Kre­dit­ex­pansion müsste eine Phase der Kre­dit­kon­traktion anstehen. Aller­dings kämpfen alle großen Zen­tral­banken massiv gegen den Trend. In Japan begann das Gefecht gegen die Kre­dit­schrumpfung bereits in den 1990er-Jahren, in den USA zu Beginn des neuen Jahr­tau­sends. Seit der euro­päi­schen Schul­den­krise um 2010 hat sich auch die Euro­päische Zen­tralbank angeschlossen.

Die Noten­banken führen einen uner­bitt­lichen Kampf gegen die Deflation. Sie fürchten eine Wie­der­holung der Großen Depression. Das Paradoxe daran ist, dass dieser Kampf der Noten­banken gegen die Defla­ti­ons­tendenz, die als Kor­rektur zur anhal­tenden Kre­dit­aus­weitung ein natür­licher Vorgang wäre, inzwi­schen so viel an Liqui­dität geschaffen hat, dass die defla­tionäre Tendenz sich inzwi­schen als Preis­in­flation manifestiert.

Ent­gegen einer häufig vor­ge­brachten Meinung ist es nicht not­wendig, dass die Zen­tral­banken die Geld­menge aus­weiten müssen, um der Wirt­schaft mehr Liqui­dität bereit­zu­stellen. Wenn das Geld­an­gebot kon­stant bleibt und die Pro­duk­ti­vität in der Wirt­schaft steigt, würden eben die Preise ent­spre­chend sinken. Das ist eine vor­teil­hafte Deflation. Warum sollte man sich beschweren, wenn die Waren für die Ver­braucher bil­liger werden? Der ent­schei­dende Punkt ist, ob eine Preis­de­flation ent­weder auf­grund von Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rungen in der Wirt­schaft langsam erfolgt oder abrupt als starker Liqui­di­täts­rückgang auf­grund einer Finanz­markt­krise stattfindet.

Die Zen­tral­banker hegen aber eine tief­sit­zende Angst vor Preis­de­flation. Sie gehen davon aus, dass ein Sinken des all­ge­meinen Preis­ni­veaus zu einem wirt­schaft­lichen Rückgang führen wird. Wenn die Noten­banken das System jedoch in Ruhe ließen, würde eine solche Deflation nur all­mählich ver­laufen. Als solche wäre sie nicht nur nicht schädlich, sondern vor­teilhaft für die Wirt­schaft, in erster Linie für die Arbeit­nehmer (durch höhere Real­löhne) und die Ver­braucher (über sin­kende Preise).

Wenn die Zen­tral­banken ein­greifen und die Geld­menge erweitern, wie es in Form der “Null­zins­po­litik” (ZIRP) oder sogar eine “Nega­tiv­zins­po­litik” (NIRP) geschah, ent­steht eine Spannung zwi­schen der natür­lichen Tendenz des Zins­satzes, anzu­steigen, und dem nied­ri­geren mone­tären Zinssatz. Die Geld­nach­frage steigt und es wird so die Grundlage für die Preis­in­flation gelegt.

Abbildung 2

Euro­päische Zen­tralbank (EZB): Leit­zinssatz (durch­ge­zogene Linie, Ska­lierung links) und Bank­bilanz (gestri­chelt, Ska­lierung rechts)

 

Quelle: EZB, tradingeconomics

Die Grafik (Abb. 2) zeigt die Zins- und Geld­po­litik der Euro­päi­schen Notenbank (EZB) seit Beginn ihres Bestehens. Seit 2016 betreibt die EZB eine Null­zins­po­litik und die von ihr geschaffene Geld­menge ist inzwi­schen auf über 8,7 Bil­lionen Euros gestiegen. Die unaus­weich­liche Folge dieser expan­siven Geld­po­litik ist ein explo­si­ons­ar­tiger Anstieg der Rate der Preisinflation.

Abbildung 3

Ent­wicklung der Rate der Kon­su­men­ten­preis­in­flation, 2016 bis 2022

Quelle: EZB, Eurostat, tra­din­ge­co­nomics

Die jüngsten Ereig­nisse dienen der Wäh­rungs­be­hörde als Schein­ar­gument, um ihre eigene Rolle als Urheber zu kaschieren.

Man beachte, dass die Trend­wende schon zur Jah­res­wende bei der Infla­ti­onsrate 2020/21 ein­setzte. Die jüngsten Ereig­nisse dienen der Wäh­rungs­be­hörde als Schein­ar­gument, um ihre eigene Rolle als Urheber zu kaschieren. Der Anstieg ein­zelner Preise, zum Bei­spiel bei Rohöl, mani­fes­tiert sich als die Ver­än­derung des rela­tiven Preises, das heißt, dieses Produkt wird teurer im Ver­hältnis zu anderen Preisen, ein­schließlich des eigenen Ein­kommens, zum Bei­spiel. Erst der monetäre Überhang erlaubt es, dass sich Ein­zel­preise in das gesamte Preis­niveau als Anstieg der Preis­in­flation niederschlagen.

Durch die mani­pu­lative Zins­po­litik der Zen­tral­banken ent­steht eine Dis­krepanz zwi­schen der mensch­lichen Zeit­prä­ferenz und dem mone­tären Zinssatz, der künstlich unter den natür­lichen Zinssatz, wie er sich auf einem freien Markt ohne Inter­ven­tionen der Zen­tral­banken ein­stellen würde, her­ab­ge­drückt wird. Dieses Miss­ver­hältnis ist nicht viel anders als jenes, das auf­tritt, wenn der Staat in die Preis­bildung von Gütern ein­greift. Die rela­tiven Preise reflek­tieren dann nicht mehr die Prä­fe­renzen der Kon­su­menten und die Grenz­kosten der Pro­duktion. Es kommt zu wirt­schaft­lichen Stö­rungen bei der Güterversorgung.

Das Wäh­rungs­system hat eine natür­liche Elas­ti­zität. Selbst wenn die Geld­menge an eine feste Ver­sorgung mit Zen­tral­bankgeld gebunden wäre, würden Aus­deh­nungen und Kon­trak­tionen bei den gesamt­wirt­schaft­lichen Aus­gaben und dem nomi­nalen Volks­ein­kommen statt­finden. Geld hat lose Gelenke, aber wenn die Geld­basis stabil ist, hat das System einen Anker.

Das der­zeitige Wäh­rungs­system ist … dysfunktional.

Unter einem Gold­standard zum Bei­spiel besteht eine Elas­ti­zität des Geldes, selbst wenn der Gold­be­stand kon­stant wäre. Anders als wir heute jedoch beob­achten, sind unter einem Gold­standard keine lang­fris­tigen und extremen Abwei­chungen möglich. Das der­zeitige Wäh­rungs­system ist also dysfunktional.

Die Ver­wendung von Geld schwankt auch dann auf natür­liche Weise, wenn die Basis­geld­menge durch eine Gold­an­bindung fixiert ist. Es ist falsch, zu behaupten, dass nur das künstlich geschaffene, das soge­nannte „Fiat-Geld“ finan­zielle Fle­xi­bi­lität bieten würde. Der Punkt ist vielmehr, dass bei einem ver­an­kerten Geld­system der Grad der Abwei­chung begrenzt ist, während unter dem gegen­wär­tigen Fiat-Geld­regime keine Ein­schränkung besteht.

Es gibt einen Unter­schied zwi­schen den natür­lichen Schwan­kungen, wie sie im gewöhn­lichen Fortgang der Wirt­schaft auf­treten, und einem aus dem Ruder lau­fenden System, wie es beim unge­deckten Schuld­geld­system der Fall ist.

Fazit

2008 könnte sich also wie­der­holen mit dem Unter­schied, dass sich nun das Volumen ver­viel­facht hat und die Aus­wir­kungen ent­spre­chend noch dra­ma­ti­scher sein würden.

Indem die Noten­banken eine Anti-Defla­ti­ons­po­litik betreiben, heizen sie die Kre­dit­ex­pansion weiter an. Dadurch wird der Zyklus der Kre­dit­ex­pansion künstlich ver­längert. Dies bedeutet, dass eine natür­liche Kon­traktion unter­bunden wurde und die Gefahr einer unkon­trol­lierten Implosion der Kre­dit­märkte sich erhöht hat. 2008 könnte sich also wie­der­holen mit dem Unter­schied, dass sich nun das Volumen ver­viel­facht hat und die Aus­wir­kungen ent­spre­chend noch dra­ma­ti­scher sein würden.

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Dr. Antony P. Mueller ist habi­li­tierter Wirt­schafts­wis­sen­schaftler der Uni­ver­sität Erlangen-Nürnberg und Pro­fessor der Volks­wirt­schafts­lehre an der bra­si­lia­ni­schen Bun­des­uni­ver­sität UFS (www.ufs.br). Vor kurzem erschien sein Buch „Kapi­ta­lismus, Sozia­lismus und Anarchie: Chancen einer Gesell­schafts­ordnung jen­seits von Staat und Politik“ . Kontakt: antonymueller@gmail.com


Quelle: misesde.org