Die gleich­ge­schal­teten Eliten — Oder: Merkel und ihre wil­ligen Helfer

Während die Jamaika-Son­dierer weiter an ihren Bal­kon­in­sze­nie­rungen basteln und immer noch nicht her­aus­ge­funden haben, wie sie ihre Wähler end­gültig hinters Licht führen können, bahnt sich all­mählich eine Trend­wende an. Während bei FOCUS-Online heute 82% der Leser des Ver­hand­lungs-Tickers bekun­deten, dass sie sich einen Abbruch der Ver­hand­lungen wünschten, scheinen auch manche Medien langsam umzu­denken. Die FAZ, die ich jah­relang mit Genuss und Gewinn gelesen habe, bevor Qua­li­täts­jour­na­listen wie Patrick Bahners das Blatt bis zur Unles­barkeit rui­nierten, hat gestern eine sen­sa­tio­nelle Abrechnung mit dem System Merkel ver­öf­fent­licht. Geschrieben hat sie Wolfgang Streeck, den man nicht zu den Neuen Rechten zählen kann.

Was der Direktor eme­ritus am Max-Planck-Institut für Gesell­schafts­for­schung in Köln den FAZ-Lesern vor­hielt, ist der Spiegel einer Gesell­schaft, deren „Eliten“ sich frei­willig in einem Maß gleich­ge­schaltet haben, wie es vorher nur in den beiden tota­li­tären Sys­temen Deutsch­lands unter Druck der Fall war. Mehr noch: Merkel und ihre wil­ligen Helfer haben „die wich­tigste mora­lische Res­source des Landes, das Erschrecken vor seinen his­to­ri­schen Ver­brechen, ebenso bedenken- wie letztlich erfolglos ein­ge­setzt – ver­braucht zu Zwecken poli­ti­scher Macht­er­haltung um den Preis einer Tri­via­li­sierung von Faschismus und Rassismus“.

Einen schlim­meren Vorwurf kann man einer deut­schen Regierung nicht machen. Leider hatte hat die FAZ diesen Artikel hinter eine Bezahl­schranke gesetzt. Inzwi­schen kann man ihn auch frei lesen.

Natürlich ist Merkel die Haupt­ver­ant­wort­liche für diese Ent­wicklung. Klar ist aber auch, dass sie ohne ihre wil­ligen Helfer nicht hätte reüs­sieren können. In der FAZ war es Patrick Bahners, der so unsäglich schleimige Artikel ver­öf­fent­licht hat wie: „Auf die Kanz­lerin kommt es an“, in dem die Kri­tiker von Merkels chao­ti­scher Politik der abrupten Wenden als „Meckerei“ abqua­li­fi­ziert und als „hilflos, lächerlich und frau­en­feindlich“ bezeichnet werden. Eine Demo­kratie, in der es nicht mehr auf den Demos ankommt, ist keine mehr.

Ob Merkel selbst für ihre Ver­trauten ein Rätsel ist, spielt letztlich keine Rolle. Wenn sie eines Tages weg ist, wird kaum einer an seine pein­lichen Unter­wer­fungs­gesten erinnert werden wollen. Nein, dann werden die meisten Spei­chel­lecker es schon immer gewusst und deshalb heimlich Wider­stand geleitet haben. So heimlich aller­dings, dass es niemand gemerkt hat.

Viel zu langsam, aber unauf­haltsam setzt die Mer­kel­däm­merung ein. Ihre Wunsch­kan­di­datin für die Konrad-Ade­nauer-Stiftung konnte sie nicht mehr durch­setzen, die Jamaika-Ver­hand­lungen sind nicht heute, wie sie sich öffentlich gewünscht hat, zum Abschluss gekommen. Min­destens das Wochenende müssen die Bal­kon­treter noch drangeben. Wenn sie ihr „Ergebnis“ prä­sen­tieren, wird alle Welt sehen können, dass es lediglich um Posten und Dienst­wagen ging, aber nicht um ein Zukunfts­projekt für unser Land. Das geht schon aus den gele­akten „Zwi­schen­er­geb­nissen“ hervor.

Wenn Merkel Geschichte sein wird, muss man wieder einmal der Frage nach­gehen, wie es erneut pas­sieren konnte, dass die „Eliten“ kri­tiklos einer Füh­rungs­figur hin­terher hechelten und Anders­den­kende mit Methoden bekämpft haben, die nach zwei tota­li­tären Dik­ta­turen tabu sein müssten. Die West­deut­schen bekamen die Demo­kratie von den west­lichen Sie­ger­mächten geschenkt, die Ost­deut­schen haben sie sich 1989 erkämpft. Die Rück­eroberung der Demo­kratie ist ein gemein­sames Projekt, das die Ver­ei­nigung voll­enden wird.

Vera Lengsfeld / vera-lengsfeld.de